Vielfalt erleben, schätzen und fördern

9. Juni 2016

Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat zum Rollentausch geladen: Professorinnen und Professoren, Lehrende und Studierende, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedenster Bereiche und Einrichtungen haben für einen Vormittag ihre Plätze getauscht. Die Aktion war Teil eines zweijährigen Diversity-Audits, das die Universität auf vielen Ebenen prägen soll.
 

Seit 19 Jahren wacht Werner Waldorf an der Pforte der JGU. Er prüft, wer den Campus befahren darf und wer nicht. Zudem laufen in seinem Pavillon eine ganze Anzahl wichtiger Alarmsysteme zusammen. Dies ist eines der Nervenzentren der Universität – wenn auch ein unauffälliges. Im Normalfall strahlt der Mann von der Verkehrsaufsicht Ruhe aus. Er weiß, was er zu tun hat. Heute gibt Waldorf zu: "Ich bin etwas nervös." Das ist ihm kaum anzumerken, aber seine Kollegen nicken: "Sonst ist der Werner entspannter."

Prof. Dr. Georg Krausch ist nicht der erste Universitätspräsident, den Waldorf kommen sieht – aber es ist der erste auf einem Fahrrad mit Helm und präzise gebundener Krawatte dazu. Krausch ist an diesem Morgen angetreten, Waldorfs Job zu übernehmen.

Zum ersten Mal beteiligt sich die JGU am Deutschen Diversity-Tag, der seit 2013 jährlich von der Charta der Vielfalt initiiert wird. Unter dem Motto "Was macht eigentlich …?" wechselten Professorinnen und Professoren, Angestellte und Studierende für einige Stunden die Plätze. Der Gärtner schaute im Büro des Ausbildungsleiters vorbei, die Direktionssekretärin der Universitätsbibliothek erkundete das Referat Sicherheit, Transport und Verkehr, die Leiterin der Stabsstelle Frauenförderung und Gleichstellung traf den Professor für Gender Studies.

Eine neue Aufgabe für den Präsidenten

Der Tausch des Universitätspräsidenten mit dem Pförtner hat einen Medienrummel ausgelöst. Ein Kamerateam ist vor Ort, mehrere Radiosender und Zeitungen berichten. "Ich glaube nicht, dass er auf Anhieb alles richtig macht", sagt Pförtner Werner Waldorf in ein Mikrofon hinein. "Es gibt so viele verschiedene Einfahrtsberechtigungen." Krausch wird später berichten: "Natürlich war ich in dieser ungewohnten Aufgabe sehr unsicher."

Ständig fahren Autos heran. Die meisten darf der Präsident durchwinken. Der Ausweis an der Windschutzscheibe ist eindeutig. Aber da ist der Mann, der kurz Labormaterial abholen will, die Professorin, die ausnahmsweise mit einem anderen Auto kommt, oder der Lastwagenfahrer mit einer Fuhre mächtiger Fertigteile. "Der kann durch", hilft Waldorf. "Wir haben im Moment viele Baustellen auf dem Campus."

Die gesamte Aktion wirkt im ersten Moment wie ein netter Einfall ohne große Konsequenzen. Denn nach jeweils zwei Stunden in der anderen Rolle kehren alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zurück an ihre angestammten Plätze. Warum also dieser Rollentausch?

Applaus für den Pförtner

Tatsächlich ist er ein Baustein des umfassenden Diversity-Audits "Vielfalt gestalten" des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, das die JGU zwei Jahre lang durchläuft und das sie nachhaltig prägen soll. Es geht darum, die Vielfalt des Hochschulbetriebs noch besser kennen, schätzen und nutzen zu lernen. Das betrifft Menschen verschiedener Herkunft ebenso wie Menschen mit unterschiedlichem Bildungsweg, unterschiedlichen Arbeitswelten.

"Eine Universität sollte immer gesellschaftliche Avantgarde sein", erzählt Krausch in die Fernsehkamera, während er weiter Autos durchwinkt. "Wir haben Studierende aus 137 Nationen, wir haben Vielfalt auf ganz vielen Ebenen. Wir können viel über Multikulti reden, aber am Ende des Tages müssen verschiedene Menschen zusammen arbeiten und leben. Das ist nicht immer ganz einfach, aber auf jeden Fall bereichernd." Dann beugt er sich zum Fahrer des haltenden Wagens. Das Fahrerfenster fährt herunter: "Nein, ich habe keinen Ausweis, aber ich muss dringend ..."

Nach zwei Stunden sitzt Waldorf in seinem Auto auf dem Weg zur Alten Mensa. Er soll ein Grußwort halten zur Tagung "Silver Surfer: Leben in der digitalen Welt". "Ich habe schon mal vor 25 Leuten geredet", meint er. "Aber vor mehr als 100?" Waldorf darf den Präsidentenparkplatz nutzen, Krausch kommt eine Minute später mit dem Fahrrad. Beide betreten gemeinsam den Saal. Nach einer kurzen Einleitung durch den Präsidenten tritt Waldorf ans Mikro. Applaus brandet auf. "Mal sehen, ob Sie nachher noch klatschen werden", meint der Pförtner, bevor er beginnt. Sie werden.

Theologe und Telefondienst

Im Büro von Prof. Dr. Gerhard Kruip geht es derweil entschieden ruhiger zu. Er hat seine beiden Mitarbeiterinnen eingeladen, um seiner Tauschpartnerin einen besseren Einblick in die Arbeit eines Professors für Christliche Anthropologie und Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der JGU zu bieten. "Es funktioniert natürlich nicht, dass wir wirklich die Rollen tauschen", räumt Kruip ein, "aber wir können schon einen guten Eindruck voneinander bekommen."

Danica Gros ist stellvertretende Leiterin und Projektmitarbeiterin der Hotline des Studierendenservice. Bei ihr und den anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern laufen verschiedenste Anrufe zusammen. Meist hat sie Fragen zu beantworten, nun kann sie selbst einige stellen. Eben hat sie mit Kruip ein Abschlussarbeiten-Kolloquium besucht. Gros war überrascht, wie intensiv die Betreuung durch den Professor ist, wie fächerübergreifend die Themen ausfallen.

Kruips Büro ist nur einige Dutzend Schritte und ein Stockwerk von den Räumen der Studierenden-Hotline entfernt. "Trotzdem haben wir uns noch nie gesehen und ich wusste nicht genau, was die Hotline leistet", meint der Professor. "Ich finde es toll, dass sich die JGU diese Hotline für die Beratung von Studieninteressierten und Studierenden leistet."

"Wir waren die erste deutsche Universität, die so eine Hotline eingerichtet hat", erzählt Gros, während sie mit einem Headset ausgerüstet an ihrem Schreibtisch Platz nimmt. Ein Anruf kommt herein. Ein Student hat eine Frage zu einem Auslandsaufenthalt. Noch während Gros spricht, tippt sie Details in den Computer, um in der Datenbank die passenden Informationen zu finden. "Für mich wäre das nichts", meint Kruip, der sich darüber wundert, wie schnell und zugleich kompetent das Problem des Anrufers gelöst wird.

Geschenkte Zeit

Dann entspinnt sich ein Dialog zwischen Gros und Kruip, der viel mehr umfasst als nur ihre Arbeitswelten. Es geht um Gros' Studienzeit, es geht um Glaube und Religion, um den neuen Papst und den scheidenden Mainzer Kardinal. "Der heutige Vormittag ist geschenkte Zeit", sagt Kruip. "Es ist ein Katalysator für ein Gespräch."

Acht Paare haben teilgenommen an der Rollentauschaktion, acht Paare treffen sich am Ende zum Erfahrungsaustausch. "Für mich hat es sich sehr gelohnt", sagt Dr. Heike Funk, Leiterin der Chemielaborantenausbildung an der JGU. Von Wertschätzung ist die Rede, von einem tieferen Verständnis für das, was die anderen tun. Rufe nach einer Wiederholung, nach ähnlichen Formaten werden laut. "Ich fände gut, wenn es größere Kreise zöge", meint Kruip.

Zurück bleibt ein nachdenklicher Krausch. Seit neun Jahren ist er Präsident der JGU. "Ich habe am Anfang sehr viel Zeit damit verbracht, die Universität und die Menschen hier kennenzulernen. Mit der Erfahrung des heutigen Tages habe ich mir überlegt: Vielleicht sollte ich mal wieder eine große Runde machen."