26 Jahre Theater auf Englisch

24. Januar 2017

"The Day-Old Theatre" ist die älteste Theaterinitiative an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Seit 1991 bringt die freie Studierendengruppe englischsprachige Stücke verschiedenster Couleur auf die Bühne: Hier trifft Shakespeare auf Fantasy, Komödie auf Drama. Ab heute präsentiert die studentische Theatergruppe unter dem Titel "All in the Timing" fünf Einakter von David Ives.
 

Eine Leiche liegt auf dem Läufer. "Is he, is he, is he … dead?", stammelt Sarah Pennworthy-Pilks. Inspector Harry Dexters Blick wandert von seinen Notizen zum Mordopfer. "He has been shot three times through the heart", konstatiert er nüchtern.

Jeremy Thumpington-Fffines ist tot. Seine Gattin Mona Thumpington-Fffines beugt sich über ihn. "He was so alive", klagt sie. Dann allerdings spiegeln sich durchaus zweideutige Gefühle in ihrer Miene und ihren Worten: "He was so terribly, terribly alive." Tatsächlich war Jeremy ein ausgemachter Schwerenöter. Auch die leicht hysterische Sarah hatte bereits das zweifelhafte Vergnügen.

Absurdes Theater

David Ives' Einakter "The Mystery of Twicknam Vicarage" bietet so ziemlich alles, was einen Whodunit im Stile Agatha Christies ausmacht – und noch einiges mehr: Er ist Persiflage und schräge Hommage zugleich. Denn während es Krimiautoren gemeinhin darum geht, die Wahrheit aus einem undurchsichtigen Beziehungs- und Wortgeflecht zu schälen, rückt der amerikanische Dramatiker den Irrsinn ins Rampenlicht. Bei ihm wird der Kriminalfall zum absurden Theater. Seine Figuren sind bis zur Karikatur überzeichnet, ihre Dialoge führen ins Leere, in Sackgassen oder seelische Abgründe und wirken dabei zugleich irrsinnig komisch.

Corinna Schattauer spielt die Sarah – doch nicht nur das: Die Studentin kümmert sich auch um die Finanzen und die Pressearbeit des Day-Old Theatre. "Bei uns hat eigentlich jeder mehrere Rollen", erzählt sie am Rande einer Probe im Hörsaal P 1 des Philosophicums. Hier kommt die Theatergruppe kurz vor der Premiere fast täglich zusammen.

"Normalerweise haben wir eine größere Produktion im Sommer und eine kleinere im Winter. Aber diesmal hatten wir so viele neue Leute, die mitmachen wollten, dass wir unser Programm noch ausbauen konnten." Geplant waren drei Einakter von Ives, nun sind es fünf. Insgesamt 18 Akteurinnen und Akteure werden unter dem Titel "All in the Timing" vom 24. bis 27. Januar 2017 auf der Bühne im P 1 zu sehen sein.

Jeder kann mitmachen

Jedes Stück beschäftigt sich auf seine eigene Art mit Zeit, mit Timing. In "The Mystery of Twicknam Vicarage" etwa wird die Zeit zurückgedreht. Die fünf Schauspielerinnen – auch die männlichen Rollen sind hier weiblich besetzt – bewegen sich rückwärts, der Tote steht auf, das komische Morddrama entfaltet sich neu.

Nils van der Horst studiert seit Oktober 2016 an der JGU, er ist neu beim Day-Old Theatre. "Ich habe schon zu Hause Theater gespielt und suchte in Mainz Anschluss. Hier wurde ich sehr herzlich aufgenommen. Das habe ich sonst nirgends so erlebt." – "Wir sagen: Bei uns kann jeder mitmachen. Wir versuchen, jede und jeden unterzubringen", meint Schattauer. "Wir schauen dann, wer auf welche Rolle passt und welche Talente sonst noch zum Einsatz kommen könnten. Wir haben auch Leute dabei, die erst mal Backstage anfangen, bevor sie sich dann irgendwann zutrauen, auf die Bühne zu gehen.“

Ann-Kathrin Hanson etwa kam vom Make-up über erste Rollen bis zur Regie: Der Krimi-Einakter ist ihre erste Inszenierung. Wie alle in der Truppe hat sie keine professionelle Erfahrung in diesem Genre, dafür bringt sie neue Ideen mit. "Das ist der Vorteil bei uns", sagt Thomas Pischek, "wir bekommen immer frische Impulse. Bei dieser Produktion haben wir drei Regisseure, zwei davon geben ihr Debüt." Pischek selbst ist seit 2006 dabei. Er kam als Student an die JGU, mittlerweile ist er Doktorand. Er stand 2007 in Tom Stoppards "Rosencrantz and Guildenstern Are Dead" erstmals auf der Bühne, diesmal zeichnet er vor allem für die Werbeflyer verantwortlich.

Starkes Gemeinschaftsgefühl

"Wir haben viele, die über Jahre bleiben", sagt Schattauer. "Die Gruppe hält zusammen, das Gemeinschaftsgefühl ist stark." Dabei setzt The Day-Old Theatre nicht auf Vereinsformalien oder Hierarchien. "Wir treffen uns regelmäßig. Jeder kann vorbeikommen. Und wenn eine neue Produktion ansteht, macht auch jeder Vorschläge. Wir diskutieren dann und stellen gemeinsam ein Programm zusammen." Regisseurin oder Regisseur wird, wer originelle Ansätze für ein Stück mitbringt.

The Day-Old Theatre ist die älteste unabhängige studentische Theatergruppe der JGU. Sie wurde 1991 von Daniel Recktenwald, dem damaligen Kodirektor des Actors Theatre Louisville, gegründet. Er kam im Zuge eines Austauschprogramms nach Mainz, brachte die Tradition des Independent Theatre mit und hob die erste Produktion, Edward Albee's "American Dream", mit aus der Taufe. In diesem ersten Stück kam ein Day-Old Theatre vor. Die Truppe übernahm den Namen, auch wenn er im Stück etwas abschätzig für alt oder abgestanden steht.

Abgestanden und alt allerdings wirkt hier nichts: Als nächstes proben Valeria Blinkin und Eric Hoenen. Sie spielen in "Time Flies" zwei turtelnde Eintagsfliegen. Der Text ist wortverspielt, die Romanze muss naturgemäß rasant verlaufen, auch wenn die beiden "Mayflies" noch keinen Schimmer von ihrem kurzen Leben haben. Als Fliegenrüssel halten grüne Trichter her, in Sachen Flügel hat die Truppe aufs übliche Fastnachtsangebot zurückgegriffen. Viel Geld ist nicht übrig für Kostüme oder Bühnenbild, aber das, was da ist an Ausstattung, funktioniert nicht nur, sondern wirkt hier und da sogar außerordentlich passend.

Fünf frische Häppchen

"Ohne die Unterstützung des Studierendenwerks und des AStA könnten wir das hier gar nicht machen", erzählt Corinna Schattauer, die sich auch um die Finanzen kümmert. Die Eintrittspreise sind moderat und die Theaterszene an der JGU ist vielfältig, die Konkurrenz um die Zuschauergunst also groß. "Wir schauen immer auch, ob wir Schulklassen einladen können." Das gelingt natürlich eher bei den Shakespeare-Produktionen, bei Harold Pinter oder Oscar Wilde. Ives' absurdes Theater macht schlicht Spaß, es steht auf keinem Lehrplan.

Dafür können sich die Akteurinnen und Akteure, die Regisseurinnen und der Regisseur hier austoben. Auf die Bühne kommen ein sehr spezieller Turmbau zu Babel, ein immer wieder neu startendes erstes Date, drei Affen und Hamlet, die Eintagsfliegenromanze und das Geheimnis um Twicknam Vicarage. Es ist eine große Produktion in kleinen Häppchen, frisch, gut gewürzt und originell.