Meave Leakey zu Besuch bei Verwandten in Mainz

16. Juni 2012

Die berühmte britische Paläoanthropologin Meave Leakey kam auf Einladung von Gutenberg-Stiftungsprofessor Friedemann Schrenk nach Mainz. Bei ihrer Vorlesung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ließ sie sechs Millionen Jahre Menschheitsgeschichte Revue passieren. Doch zuvor traf sie im Naturhistorischen Museum ihre Ahnen.
 

Meave Leakey ist nach Mainz gekommen, um ihre Vorfahren zu sehen und über sie zu reden. "Ich nenne sie immer meine Freunde", sagt die große alte Dame der Paläoanthropologie, als sie vor den Hominiden steht. Der breitgesichtige Australopithecus boisei schaut grimmig drein. Der Neandertaler oder der zierlichere Australopithecus africanus hingegen wirken etwas entspannter. Und auch der Neuling in der Runde blickt gelassen drein: Kenyanthropus platyops. Zu ihm hat Leakey ein besonderes Verhältnis.

Tatsächlich sind im Naturhistorischen Museum nur Rekonstruktionen der Vor- und Frühmenschen zu sehen. Aber die neun Büsten sind von bestechender Detailtreue. Jedes Haar wurde einzeln eingesetzt, die gläsernen Augen glänzen, unzählige Fältchen scheinen von Lebenserfahrung zu zeugen.

Familienalbum der Hominiden

Friedemann Schrenk hat diese Prachtstücke in die Stadt geholt. Denn als 13. Träger der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur gibt der Paläoanthropologe sich nicht damit zufrieden, in seiner Vorlesungsreihe "Out of Africa: Zur Globalgeschichte des Homo sapiens" an der JGU über den langen Weg der Menschwerdung zu erzählen. Er will darüber hinaus aktiv sein in der Stadt.

Also hat er seine Verbindungen zum Hessischen Landesmuseum Darmstadt spielen lassen, wo bereits 1998 acht der Köpfe zu sehen waren. Mit Unterstützung der Forschungszentrums GEOCYCLES der Johannes Gutenberg-Universität Mainz wurden sie nun zusammen mit der neuen Büste zu einer kleinen Sonderschau "Familienalbum – unsere Vorfahren zu Gast in Mainz" zusammengestellt.

Sechs Millionen Jahre in Afrika

Gleich zu Eröffnung allerdings mahnt Schrenk angesichts der berückend realistischen Rekonstruktionen: "Das ist nicht, wie sie wirklich ausgesehen haben, sondern wie wir denken, dass sie ausgesehen haben. Es gibt da kein richtig oder falsch, sondern nur Wahrscheinlichkeiten." Sehr wahrscheinlich jedoch ist die Hautfarbe, die alle Büsten außer der des Neandertalers miteinander teilen: "Wir hatten nur dunkelhäutige Vorfahren. Das ist ein interessanter Punkt, wenn man in die Ausstellung kommt und das sieht."

Auch Meave Leakey ist auf Initiative von Schrenk zu Gast bei der Eröffnung. An diesem Vormittag im Museum hält sich die 69-Jährige noch ein wenig im Hintergrund. Doch wenige Stunden später erzählt sie in der Vorlesungsreihe des aktuellen Stiftungsprofessors über "The human heritage: 6 million years of history in Eastern Africa" und von der Rolle, die ihre Familie bei der Entdeckung dieses Erbes gespielt hat ...

Ein Kontinent mit Geschichte

"Die Menschen denken im Allgemeinen, Afrika hätte nicht viel Geschichte." Mit diesem Vorurteil will die Paläoanthropologin aufräumen. Der Kontinent habe eine lange Geschichte. "Und auch wenn sie nicht niedergeschrieben ist, ist sie ungeheuer wichtig. Sie ist unsere Geschichte."

Daran allerdings wollte die Welt nicht glauben, als erste fossile Überreste in Afrika entdeckt wurden. Raymond Darts Taung-Fund etwa wurde 1924 weitgehend ignoriert. "Die Leute wollten keine afrikanischen Vorfahren", kommentiert Leakey.

Ihr Schwiegervater Louis Leakey brach 1931 zu einer Expedition nach Tansania ins Olduvai-Tal auf. Dieser Ort sollte ihn lange beschäftigen. Immer wieder kehrte er mit seiner Frau Mary zurück. Hier fanden die beiden Überreste des Australopithecus boisei – 1,7 Millionen Jahre alt. "Louis war enttäuscht. Er wollte etwas finden, das dem heutigen Menschen ähnlicher sieht." Auch das gelang: Homo habilis hatte seine Spuren in der Schlucht hinterlassen. Er war wohl ein Vorfahr des Homo sapiens, Australopithecus boisei dagegen wurde einem anderen Strang des verzweigten Stammbaums der Hominiden zugeordnet.

Neue Zweige im "Stammbusch"

Die junge Londoner Zoologin Meave Epps lernte Richard Leakey, den Sohn von Louis und Mary, im Jahr 1969 in Nairobi kennen. Er lud sie zu einer Expedition an den Turkana-See in Nordkenia ein – mit Folgen: Ein Jahr darauf waren die beiden verheiratet. Und der Turkana-See fesselt sie bis heute. An seinen steinigen Ufern fand Meave Leakey 1994 die bisher älteste bekannte Art des Australopithecus, den Australopithecus anamensis. Und 1999 entdeckte sie den Schädel des Kenyanthropus platyops. Er war ein weiterer Beleg dafür, wie verzweigt der Stammbaum der Hominiden ist. Schrenk redet angesichts der Funde sogar gern vom "Stammbusch".

Solche Fossilien früher Hominiden wurden bis heute ausschließlich in Afrika gefunden. Erst vor 1,7 bis 1,4 Millionen Jahren gelangten die frühen Menschen in den Rest der Welt. "Afrika ist der Schlüssel zu unserer Identität", betont Leakey. Der Ursprung der Menschheit liege eindeutig in diesem Kontinent. Das sollte den Afrikaner noch bewusster werden, findet sie – und hat einen Wunsch: "Ich würde gern sehen, dass das Wissen um diese Vergangenheit die Leute in Afrika veranlasst, nicht dieselben Fehler zu machen wie wir in Amerika oder Europa."

Bewusstsein schaffen für die Vergangenheit

Leakey selbst engagiert sich am Ort ihrer Entdeckungen. Sie hat das Turkana Basin Institute gegründet. Es ist Ausbildungs- und Forschungszentrum zugleich und bindet die Menschen vor Ort ein in die Suche nach ihren Vorfahren. Die Paläoanthropologin will so ein stärkeres Bewusstsein für die großartige Vergangenheit schaffen. "Das Problem dabei sind die Kirchen", erzählt sie. Eine wörtliche Auslegung der Bibel lasse keinen Platz für Evolution.

Trotz dieses Widerstands verzeichnet sie allerdings Fortschritte. Und so meint Leakey mit Blick in die Zukunft: "Die Afrikaner könnten uns anführen, um einen besseren Platz aus der Welt zu machen. Aber wir haben noch einen langen Weg vor uns."