Plautus in Originalsprache

3. Juli 2017

Studierende der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) bringen Latein live auf die Bühne: Unter der Leitung von Dr. Daniel Groß vom Arbeitsbereich Klassische Philologie haben sie kürzlich die Komödie "Casina" des römischen Dichters Plautus in Originalsprache inszeniert. Das Gutenberg Lehrkolleg unterstützte dieses innovative Lehrprojekt, aus dem mittlerweile eine eigene lateinische Theatergruppe hervorgegangen ist.
 

Trunken torkelt Lysidamus Richtung Domus. "Seitdem ich Casina liebe, glänze ich mehr", schwärmt der Alte in seinem Rausch, "bin anmutiger als die Anmut." Mit einem ungeschickten Ausfallschritt straft er sein Eigenlob Lügen. In diesem Zustand fällt es ihm schwer, die Balance zu halten.

Ein reizendes Mädchen in blassblauem Gewand kreuzt seinen Weg. Es ist die Angebetete. "Ständig parfümiere ich mich ein, um ihr zu gefallen", seufzt Lysidamus. Casina dreht den Kopf angesichts solcher Geruchsentwicklung weg und hastet wortlos weiter.

Latein lebendig und derb

Zurück bleibt er, der aufgeblasene Alte, der sich im zweiten Frühling wähnt. Gleich wird seine Gattin ihn entdecken. "Bist du noch ganz frisch?", wird Cleustrata ihn beschimpfen. "Du Nichtsnutz, du seniles Karnickel!" Von da an geht es steil bergab für den Herrn der Domus Lysidami. Er wird sich zum Narren machen – oder dazu gemacht werden. Als würde er es ahnen, wendet er sich ans Publikum und klagt: "Bin ich nicht eine arme Wurst?"

Diese Szene stammt aus der antiken Komödie "Casina". Der römische Dichter Plautus verfasste sie vor rund 2.200 Jahren. Und tatsächlich sprechen die Akteurinnen und Akteure dort oben auf der Bühne kein Wort Deutsch, sondern durchweg Latein. Dem Publikum im Saal wird auf einer Leinwand die Übersetzung geboten. So kann auch der Nicht-Lateiner den Leiden des Lysidamus folgen.

Mit dem Plautus-Stück feiert die Theatergruppe "Die Casinisten" ihre Premiere im Drusus-Saal auf der Mainzer Zitadelle. Der Ort atmet römische Geschichte: Auf dem Gelände erinnert der Drususstein aus dem ersten Jahrhundert an den römischen Feldherrn Drusus und einige Schritte weiter ist ein römisches Bühnentheater aus derselben Zeit zu besichtigen.

Theater als Lehrprojekt

"Der Ort passt hervorragend", schwärmt Dr. Daniel Groß. "Ich würde gerne sagen, dass wir ihn bewusst gewählt haben. Aber es war ein Glücksgriff. Ich habe händeringend nach einem passenden Saal gesucht, in dem wir unser Stück aufführen können." Und auf der Mainzer Zitadelle sind Groß und seine Studierenden schließlich fündig geworden. Nach einem Jahr intensiver Vorbereitungszeit freuen sie sich nun über zwei ausverkaufte Vorstellungen. "Die Nachfrage nach Karten war erfreulich und auch überraschend groß", meint Groß.

Als Dr. Daniel Groß am Arbeitsbereich Klassische Philologie der JGU anfing, wollte er an die Erfahrungen aus seiner eigenen Studienzeit anknüpfen: "In Trier spielte ich in einer lateinischen Theatergruppe mit. Ich dachte, so eine Gruppe könnte man auch in Mainz gründen." Er suchte Studierende, die interessiert waren, die vielleicht schon mal im Schultheater mitgewirkt hatten und gründete eine Theater-AG.

Beim Gutenberg Lehrkolleg (GLK) reichte er schließlich einen Antrag für das Lehrprojekt "Aufführung eines antiken Dramas in Originalsprache" ein – und erhielt prompt eine Förderung. "Ich wurde in der Lehre entlastet und konnte von den zur Verfügung gestellten Mitteln eine Hilfskraft einstellen, die bei den deutschen Übertiteln für das Stück half." Diese Übertitel waren ihm wichtig: "Ich wollte ein breiteres Publikum erreichen. Die wenigsten Leute verstehen so gut Latein, dass sie einem antiken Theaterstück folgen können."

Plautus und Charlie Sheen

Drei Seminare führten hin zur Aufführung: Zuerst machte sich die Gruppe in einer Lektüreübung mit dem Text vertraut. Es folgte ein Blockseminar, in dem die Studierenden das Textbuch für ihre Inszenierung erstellten und bearbeiteten. Dann ging es an die Inszenierung: "Die nahm wahnsinnig viel Zeit in Anspruch – und sie wurde nicht aufs Studium angerechnet. Trotzdem waren die Studierenden mit Begeisterung und mit unheimlich viel Engagement dabei."

Über die GLK-Förderung war es auch möglich, für zwei Tage einen Schauspiellehrer zu engagieren. "Es waren Studierende in der Gruppe, die meinten: 'Ich kann überhaupt nicht spielen – und ich will auch nicht.' Das Coaching eines professionellen Schauspiellehrers hat uns allen wichtige Grundlagen vermittelt und Mut gemacht, auf die Bühne zu gehen."

Ziel der "Casinisten" ist es, Latein live zu präsentieren. "Latein ist eine Sprache, die fast nur gelesen oder übersetzt wird", sagt Groß. "Wir wollen zeigen, wie sie gesprochen klingt. Der Reiz von Plautus' Stücken erschließt sich kaum über die Lektüre. Vom Humor erinnern sie eher an Charlie Sheen als an Loriot. Der Witz entsteht erst aus der Situation, aus dem Spiel. Diese Komödien sind für die Bühne geschaffen."

"Gesprochenes Latein ist etwas ganz anderes", bekräftigt Julius Wingerter. Er mimt den Lysidamus. "Es hilft mir, lateinischer zu denken und die Sprache noch besser zu verstehen." Der Student steht für "Casina" das erste Mal auf einer Schauspielbühne. "Meine Rolle im Stück habe ich mir nicht wirklich ausgesucht", bemerkt er trocken. "Sie blieb übrig, weil sie die textlastigste ist."

Inszenierung im Kollektiv

Joti Mirdha spielt Pardalisca, eine Sklavin des Lysidamus: "Plautus schreibt in vorklassischem Latein, das reizte mich. Es gibt zum Beispiel derbe Wendungen und Schimpfwörter, die vom Schullatein her kaum zu verstehen sind."

Groß inszenierte gemeinsam mit seinen Studierenden. Niemand gab den Ton an. "Wir haben alle Regie geführt. Jeder hat Ideen eingebracht. Das war vielleicht chaotisch und ein bisschen anstrengend. Aber so waren alle jederzeit beteiligt." – "Wir haben das Stück zu unserem Stück gemacht", bekräftigt Clara Brügner, die in die Rolle des Sklaven Olympio schlüpfte. "Jeder hat etwas beigetragen."

Plautus' Komödien sind öfter auf deutschen Bühnen zu sehen, allerdings kaum in Latein. "Wir haben 'Casina' ausgewählt, weil das Stück kaum aufgeführt wird, es wirkt noch frisch und unverbraucht", erklärt Groß. Namensgeberin der Komödie ist das Findelkind Casina, das als Sklavin von Lysidamus und Cleustrata aufgezogen wird. Kaum ist aus dem Mädchen eine schöne Frau geworden, vergucken sich sowohl der Hausherr als auch sein Sohn in sie. Verständlicherweise schlägt sich Cleustrata auf die Seite ihres Sprösslings. Es beginnt ein Tauziehen, in das auch die Sklaven des Haushalts hineingezogen werden.

Gags, Slapstick und Latein

All diese Verwicklungen liefern reichlich Stoff für die Komödie. Casina, gespielt von Hjördis Kasprowicz, taucht eher als ätherisches Wesen auf: Wortlos zieht sie an den anderen Akteuren vorbei. Um derart verehrt zu werden, darf sie nicht allzu real werden. Dafür agieren all die anderen Figuren sehr erdig: Sie schimpfen und schlagen sich, fluchen und lachen. "Casina" ist unter den Händen der "Casinisten" ein turbulentes Stück geworden. Die Studierenden bieten krachende Gags, Slapstick-Einlagen, schrägen Gesang und einiges mehr.

Dem Publikum im Drusus-Saal gefällt es. Der Applaus fällt reichlich aus. "Dies ist der Startschuss für uns", sagt Groß. "Die GLK-Förderung war eine Art Anschubfinanzierung, nun machen wir weiter." Mit der "Casina" des Plautus haben "Die Casinisten" überzeugt. Jetzt beginnt die Suche nach dem nächsten Stück.