Auf ins Actionkino der Antike

11. Juli 2012

Mächtige antike Meisterwerke, fein bemalte griechische Tongefäße und vieles mehr bieten die Original- und Abguss-Sammlung des Arbeitsbereichs Klassische Archäologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Nicht nur die Lehrenden, sondern auch die Studierenden engagieren sich hier. Gemeinsam entwickeln sie Gestaltungskonzepte und organisieren Ausstellungen.
 

Es wird Licht im Keller des Philosophicums, Konturen schälen sich heraus. Dort steht die dunkle Athena Lemnia. Einst schmückte sie Athens Akropolis. Sie war ein Geschenk von Bürgern, die sich anschickten, auf der Insel Lemnos zu siedeln. Umgeben ist sie von hellen Gestalten: nackten Jünglingen, Göttinnen in faltenreichem Gewändern, Kriegern. Gegenüber schaut Julius Caesar kühl in den Raum. Er führt den langen Reigen der römischen Kaiser an. Und hinten ragt eine große Platte vom berühmten Pergamonaltar empor. Dr. Patrick Schollmeyer zeigt zu ihr hinüber: "Das war das Actionkino der Antike."

Schollmeyer kümmert sich um die Original- und Abguss-Sammlung am Arbeitsbereich Klassische Archäologie der JGU. Zwei seiner Forschungsschwerpunkte sind die antike Plastik, die griechische und römische Ikonographie. Das wirkt sich aus, wenn er von den Schätzen der Sammlungen erzählt. Schnell ist vergessen, dass hier im Keller ausschließlich die Abgüsse stehen. Zu den Originalen geht es später.

Die Hellenen und der Wow-Effekt

"Der Gigant wird von der Göttin Athene im Vorbeieilen zu Tode gebracht. Athene packt ihn, zieht ihn nach oben." Gequält schaut der Gigant. Dem Ausdruck seines Gesichts kann sich der Betrachter kaum entziehen. "In dem Moment, wo er von der Erde gezogen wird, ist er sterblich." Gaia, Mutter Erde, ist zu erkennen, dazu die Schlange, die dem nun sterblichen Giganten den Garaus macht. "Die hellenistische Kunst zeigt deutliche Emotionalität, extremes Pathos, expressive Energie."

Dies alles präsentierte sich den Bürgern im kleinasiatischen Pergamon in Farbe. Das Hochrelief war bemalt, es strahlte mitnichten so weiß wie der Abguss. Schollmeyer ist sich sicher: "Als der Altar fertig war, muss das einen Wow-Effekt gegeben haben." Die Bilderflut überwältigte – Actionkino eben.

Odyssee einer Sammlung

Als Mainzer Bürger 1871 den Verein für plastische Kunst gründeten, wollten sie griechische und römische Meisterwerke der Bildhauerei, aber auch Stücke wie den Mose von Michelangelo zumindest als Kopien in die Stadt zu holen. Gut 250 Exponate trugen sie zusammen. Zuerst war die Sammlung im Kurfürstlichen Schloss zu sehen, später wanderte sie über viele Stationen in die Stadtbibliothek. Im Zweiten Weltkrieg wurde einiges zerstört. Ende der 1960er kamen die Abgüsse dann an die Universität.

Hier sind sie in die Lehre integriert, das ist Schollmeyer wichtig. Immer wieder betont er auch das Engagement der Studierenden. "Das Farbkonzept in diesem Raum stammt von ihnen." Vor den Wänden in dunkelrot setzt sich das Weiß der Kaiserbüsten deutlich ab, die blassgrauen Podeste treten bescheiden zurück.

Griechen ziehen keine Grimassen

Schollmeyer bleibt neben einem Kouros, einem nackten Jüngling, stehen. Der strahlt Gleichmut und Gelassenheit aus. Anders als in der hellenistischen Kunst mochte man in der früheren Klassik keine von Emotion verzerrten Gesichter, zumindest nicht unter Griechen. Selbst im Kampfgetümmel bleiben sie gefasst, nur der nichtgriechische Gegner schaut gestresst.

"Genug?", fragt Schollmeyer. Na gut, fürs Erste. Er löscht das Licht. Kaiser, Göttinnen und Giganten bleiben im Dunkel des Kellers zurück. Es geht mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock zu den Originalen.

Messalina auf Römisch und Italienisch

"First Ladies" heißt die Ausstellung, die Studierende hier ins Leben gerufen haben. Bis zum 20. Juli ist sie noch zu sehen. Klar strukturierte Texttafeln stehen ausgewählten Münzen und Büsten römischer Kaiserinnen gegenüber, konterkariert von italienischen Comics und Videokassetten aus den 1970ern: Der Film Messalina etwa bietet Erotik in knappem historischen Gewand. Allerdings wirkt er mit seiner Bildsprache längst angestaubter als die entschieden älteren Büsten.

Schollmeyer stellt vier Studentinnen und einen Praktikanten vor. Sie halten die Ausstellung am Laufen. "Ohne sie wäre das hier gar nicht möglich." Dienstags und donnerstags von 11:00 bis 13:00 Uhr ist sie geöffnet, nach Vereinbarung gibt es auch Sonderführungen. "In Zukunft wollen wir mehr Schulklassen mit unseren Ausstellungen ansprechen", erzählt Schollmeyer. Zudem soll in der vorlesungsfreien Zeit der Raum aufgemöbelt werden – in Zusammenarbeit mit den Studierenden.

Hoch versichert nach New York

Die rund 400 Exponate der Originalsammlung treten im Moment etwas hinter den First Ladies zurück. Gedrängt stehen die griechischen Tongefäße, die Objekte aus Terrakotta, Bronze und Stein in den Vitrinen. Die Schildchen mit den allzu knappen Erläuterungen wurden noch mit der mechanischen Schreibmaschine getippt.

Weiße Handschuhe müssen her, dann holt Schollmeyer eine attische Trinkschale hervor. Feine Figuren in Schwarz schmücken das flache Gefäß. Ein Reiter auf stolzem Ross ist zu erkennen. "Das Stück reiste schon nach New York, es war mit einer Million Euro versichert." Datiert ist die Schale auf 540 v. Chr. Sie lässt sich sogar einem Künstler zuordnen: Der schwarzfigurige Schmuck stammt vom so genannten Amasis-Maler.

Führungen, Ausstellungen, Lehrprojekte

Schollmeyer zeigt noch mehr: den fein gearbeiteten Bronzehenkel eines Trinkgefäßes aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. zum Beispiel oder eine Panathenäische Preisamphore, eine Art Pokal für den Sieger bei den großen Spielen zu Ehren der Göttin Athen.

"Genug?", fragt Schollmeyer wieder. Eigentlich nicht, es gäbe noch so viel zu sehen.

Immerhin: Zu sehen sind die Sammlungen des Arbeitsbereichs Klassische Archäologie regelmäßig. Es gibt Führungen, Ausstellungen und außergewöhnliche Lehrprojekte, in denen Studierende etwa lernen, die Exponate der Öffentlichkeit vorzustellen. Von so viel Leben kann manch andere universitäre Sammlung nur träumen.

Die Schule des Sehens

"Die Aura des Originalobjekts darf man nicht unterschätzen", sagt Schollmeyer. Dabei hat er nicht nur die eben vorgestellten Schätze im Blick. Vor dem Philosophicum hält er noch mal inne, bevor er sich verabschiedet: "Hier wird bald die 'Schule des Sehens' entstehen." Ein Raum mit Glasfront soll es werden, in dem sich alle Uni-Sammlungen schlaglichtartig präsentieren können. Der Verein "Freunde der Universität Mainz e.V." unterstützt das Projekt mit 250.000 Euro.

"Das wird wie ein Schaufenster", freut sich Schollmeyer. Die Sammlungen bekommen endlich Laufkundschaft an dieser belebten Achse auf dem Campus. Damit bricht ein neues Kapitel in ihrer wechselvollen Geschichte an.