Mit Pulver und Pille gegen Kater und Sonnenbrand

8. März 2018

Der Anti-Kater-Drink hat bereits Schlagzeilen gemacht, nun folgt die Sonnenschutzpille: Prof. Dr. Bernhard Lieb, Molekularbiologe an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), und Masterstudent Patrick Schmitt entwickeln Nahrungsergänzungsmittel, die bei alltäglichen Problemen und Herausforderungen helfen sollen. Sie wollen akribisches wissenschaftliches Arbeiten in eine Branche bringen, die bisher nicht immer den besten Ruf genießt.
 

Dunkel glänzend liegen sie in der Petrischale: die Pillen gegen den Sonnenbrand. Patrick Schmitt greift zum Skalpell, um eine von ihnen aufzuschneiden. Aus der schwarzen Hülle quillt eine blutrote Flüssigkeit. "Die Farbe stammt von einem speziellen Stoff, dem Astaxanthin, der aus der Blutregenalge gewonnen wird", erklärt der Masterstudent. Mit diesem Stoff schützt sich die winzige Pflanze gegen UV-Strahlung. "Kleine Krebse fressen die Algen, die wiederum von Flamingos gefressen werden", erzählt Prof. Dr. Bernhard Lieb. "Daher bekommen die Vögel ihre typische Farbe."

Die Flüssigkeit enthält noch einiges mehr: einen Farn-Extrakt, Komponenten aus der Granatapfelschale und aus Brokkoli, Vitamine, Zink … "Sie soll präventiv wirken", erläutert Schmitt. Drei Pillen pro Tag könnten reichen, um einem Sonnenbrand vorzubeugen. Sie würden nicht nur das lästige Einreiben mit Sonnenschutzmitteln ersparen. "Die Pillen sind keine Arznei, sondern ein Nahrungsergänzungsmittel", sagt Lieb. "Sie sind völlig ohne Nebenwirkungen." Herkömmliche Sonnenschutzmittel können zu Hautreizungen und mehr führen. Wenn sie in die Gewässer gelangen, können sie dort Pflanzen und Tiere schädigen. "Das alles fällt bei unserer Pille weg", so der Professor.

Klinikstudie für Sonnenschutzpille

"Wir sind gerade dabei, Gelder für eine Studie einzuwerben", berichtet Schmitt. Lieb muss noch einen Antrag schreiben, der könnte in ein, zwei Monaten genehmigt sein und die ersten Probanden könnten antreten.

Die Forschung von Schmitt und Lieb hat das Zeug zur Schlagzeile, keine Frage. Die Medien interessieren sich brennend für die Pille. Unlängst war der SWR zu Gast. Das brachte den beiden entschieden mehr als nur die Schlagzeile: Über den Sender kamen sie in Kontakt mit Prof. Dr. Stephan Grabbe, dem Leiter der Mainzer Hautklinik, und Prof. Dr. Petra Staubach, der Leiterin des Clinical Research Center an der Universitätsmedizin Mainz. "Beide haben sich sehr für unser Projekt interessiert und sich dazu bereit erklärt, die Studie in der Klinik durchzuführen", erzählt Lieb. "Das ist natürlich der ideale Ort dafür. Wir freuen uns, dass diese Kooperation zustande gekommen ist."

Lieb und sein Masterkandidat Schmitt tüfteln bereits seit einiger Zeit auf dem Gebiet der Nahrungsergänzungsmittel. "Diese Mittel haben oft einen schlechten Ruf, sie werden mit Quacksalberei in Verbindung gebracht", meint Lieb. "Das liegt auch daran, dass es oft an wissenschaftlichen Studien zu ihrer Wirksamkeit und Unbedenklichkeit fehlt." – "Über die verwendeten Einzelsubstanzen liegen meist Studien vor, aber über das Zusammenwirken mehrerer Stoffe in einem konkreten Produkt weiß man oft nichts", ergänzt Schmitt.

Nutrakognosie

"Im Bereich der Pharmazie wird schon lange geforscht, wie tierische und pflanzliche Inhaltsstoffe in Medikamenten Anwendung finden können", berichtet Lieb. Pharmakognosie nennt sich diese traditionsreiche und allgemein anerkannte Disziplin. "Für die Nahrungsergänzungsmittel gibt es nichts Vergleichbares. Das ist ein Gebiet, das wir auf wissenschaftliche Füße stellen wollen." Die beiden nennen das Nutrakognosie. "Wir interessieren uns dabei nicht für Stoffe, die medizinisch wirken. Für uns sind die ernährungsphysiologischen Aspekte interessant."

Schmitt und Lieb wissen hier genau zu unterscheiden. Beide sind als Sachverständige für Nahrungsergänzungs- und Arzneimittel tätig. Schmitt ist sogar Inhaber einer Kanzlei, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Daneben betreibt er eine eigene pharmazeutische Produktentwicklungsfirma.

Im Jahr 2016 kamen Vertreter eines Unternehmens mit einem Nahrungsergänzungsmittel auf ihn zu, das die Nachwirkungen von Alkoholgenuss mindern sollte. Schmitt schaute sich diesen Anti-Kater-Drink genauer an und begann, ihn zu modifizieren. Das Mittel wurde zum Gegenstand seiner Masterarbeit bei Prof. Dr. Bernhard Lieb. Damit begann ihre enge Zusammenarbeit.

"Zuerst war viel Literaturarbeit nötig um herauszufinden, welche Inhaltsstoffe aus wissenschaftlicher und juristischer Sicht für den Drink in Frage kommen", erzählt Schmitt. Dann ging es an die Kombination und die konkrete Rezeptur. "Wir mussten unter anderem sicherstellen, dass der Körper die Substanzen aufnimmt", meint Lieb. "Wir kennen es ja von Vitaminpräparaten, dass die Stoffe manchmal nicht dort ankommen, wo sie wirken sollen, sondern einfach wieder ausgeschieden werden."

Hangover-Drink auf dem Prüfstand

"Am Ende hatten wir eine völlig neue Mixtur", erinnert sich Schmitt. Ginkgo, Weidenrinde, Ingwer und Kaktusfeige, Magnesium, Natrium und Vitamine kamen zum Einsatz. Besonderen Wert legten Schmitt und Lieb – wie später auch bei der Sonnenschutzpille – auf antioxidative Stoffe, die freie Radikale im Körper neutralisieren und so den Stress für die Körperzellen mindern sollen.

"Nachdem ich das Produkt zum Patent angemeldet hatte, organisierte ich eine wissenschaftliche Studie", fährt Schmitt fort. Insgesamt rund 1.000 Probanden meldeten sich für die "German Hangover Study". Einige nahmen den Anti-Kater-Drink zu sich, eine Kontrollgruppe bekam Placebos, eine weitere Gruppe eine Kohlenhydrat-Elektrolyt-Lösung mit Mineralstoffen. In einer späteren Phase wechselten diese Rollen.

Schmitt maß vor und nach dem Alkoholgenuss und im Abstand von weiteren zehn Stunden Gewicht, Körperfett, Wassergehalt, Muskelmasse, Atemalkohol, den Gehalt von Antioxidantien im Hautgewebe und Urinwerte. Zudem ließ er Fragebogen ausfüllen, die speziell zur Ermittlung von Kater-Symptomen entwickelt wurden und auf diesem Gebiet schon länger Anwendung finden. Alles musste strengen Standards genügen, was dazu führte, dass am Ende 240 verwertbare Datensätze blieben. "Einige Probanden richteten sich in dem einen oder anderen Punkt einfach nicht so genau nach unseren Vorgaben."

Im Moment sitzt Schmitt an der Auswertung der rund 38.000 Messdaten für seine Masterarbeit und eine Publikation in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift. Danach hoffen Lieb und er auf Folgeveröffentlichungen. Insgesamt 46 Katersymptome hatte Schmitt im Blick, bei den zentralen Beschwerden konnte er statistisch signifikante Verbesserungen durch die Einnahme des Anti-Kater-Drinks feststellen: Kopfschmerz verringerte sich durchschnittlich um 35 Prozent, Übelkeit um 43 Prozent. Ab einer gewissen Dosierung, bezogen auf das Körpergewicht, waren weder Kopfschmerz noch Übelkeit festzustellen. Ebenso entdeckte Schmitt, dass Wassertrinken entgegen der oft geäußerten Meinung keinen positiven Effekt auf den Kater hat.

Mittel, die etwas verändern

Mittlerweile ist der Anti-Kater-Drink "one:47" im Handel, mehrere Ketten haben ihn in ihr Sortiment aufgenommen. Er ist flüssig und als Pulver erhältlich. "Es ist das einzige Katermittel auf dem Markt, zu dem es eine umfangreiche wissenschaftliche Studie gibt", erklärt Schmitt.

Natürlich erregte auch dieses Mittel die Aufmerksamkeit der Medien. Ein Anti-Kater-Drink macht sich einfach gut als Schlagzeile. "Aber darum geht es uns nicht", stellt Lieb klar. "Wir wollen tolle Sachen entwickeln", fügt Schmitt hinzu, "Dinge, die etwas verändern. Das sehen wir nicht nur als Arbeit, das macht uns auch Spaß."

Demnächst also kommt die Sonnenschutzpille auf den wissenschaftlichen Prüfstand – und dann? Die beiden schauen sich an. "Können wir schon etwas verraten?", fragt Schmitt. Lieb zögert, es ist noch etwas zu früh. "Wir haben auf jeden Fall noch mehr Ideen, wie wir bei Alltagsproblemen helfen können", meint er.