Vom Menschen hinter der Sprache

2. Mai 2018

Nico Nassenstein kam 2017 als Juniorprofessor ans Institut für Ethnologie und Afrikastudien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Unter anderem konzipiert der Soziolinguist hier im Zuge der Kooperation "Afrikastudien Rhein-Main" gemeinsam mit einem Kollegen der Goethe-Universität Frankfurt am Main einen neuen, hochschulübergreifenden Bachelorstudiengang. Das Gespräch darüber ist für den Afrikanisten Nassenstein auch Anlass, die Geschichte seines Fachs kritisch zu beleuchten.
 

"Wie beschäftigt man sich wissenschaftlich mit Sprache und zwar so, dass es wirklich etwas bringt?" Diese Frage treibt Juniorprof. Dr. Nico Nassenstein um. Der Soziolinguist hat für sich gleich mehrere Antworten gefunden. "Ich schaue auf die alltägliche Seite der Sprache. Mich interessiert der Mensch dahinter: Warum spricht jemand auf diese oder jene Weise, warum und wozu benutzt er die eine oder die andere Sprache? Um das herauszufinden, suche ich nach Themen, die jedem zugänglich sind, mit denen im Grunde jeder etwas anfangen kann." Das spiegelt sich in Nassensteins Forschung. Er untersucht unter anderem das Schimpfen und Fluchen im Kongo und in Uganda, die Sprachpraxis von Migranten auf Mallorca oder die linguistischen Aspekte von Sextourismus an der ostafrikanischen Küste.

In sein Büro am Institut für Ethnologie und Afrikastudien auf dem Gutenberg-Campus ist Nassenstein gerade erst frisch eingezogen, doch es sieht schon recht wohnlich aus. Auf der Fensterbank häufen sich Tickets von Konferenzen, an denen er teilgenommen hat. So verschiedene Orte wie Kairo, Cape Town oder Lodz fallen ins Auge. An der Wand reihen sich selbst geschossene Fotos. Eines zeigt einen hellen Sandstrand vor blauem Meer in Ostafrika. Ganz links steht ein Schwarzer Mensch in traditioneller Tracht. Er schaut hinüber zu einer älteren weißen Frau im Bikini. Die Sonne hat ihr übel mitgespielt, ihre Haut ist kräftig gerötet. Nassenstein hat die Gesichter der beiden unkenntlich gemacht, doch das tut der Symbolkraft keinen Abbruch.

Studium interdisziplinär ausrichten

Im vergangenen Jahr kam Nassenstein von der Universität zu Köln nach Mainz. Seine Berufung passt gut in die jüngste Entwicklung der Afrikaforschung vor Ort: Im Mai 2016 bündelten die JGU, die Goethe-Universität Frankfurt und die Technische Universität Darmstadt ihre Kräfte in diesem Bereich. Im Zuge des engeren Zusammenschlusses der drei Hochschulen zur Allianz der Rhein-Main-Universitäten (RMU) formierte sich die "Afrikaforschung Rhein-Main". Ein Projekt dieser umfassenden Kooperation ist die Besetzung zweier Linguistik-Professuren in Frankfurt und Mainz, die sich ergänzen sollen: Mainz holte den Soziolinguisten Nico Nassenstein, Frankfurt den empirischen Sprachwissenschaftler Axel Fleisch.

"Wir werden einen gemeinsamen Bachelorstudiengang konzipieren", kündigt Nassenstein an. "Uns schwebt dabei etwas Neues mit stark interdisziplinärer Ausrichtung vor. Wir werden viele Leute in die Planungsphase mit einbeziehen, nicht nur aus unserem Fach und nicht nur aus dem akademischen Bereich. Wir wollen unter anderem Vertreterinnen und Vertreter aus der Medienbranche und der Entwicklungszusammenarbeit fragen: Was ist eurer Meinung nach Afrikanistik? Wir möchten den Studiengang in einen Kontext betten, der Sinn macht. Einerseits sollen die Studierenden gut mit einem weiterführenden Studium daran anknüpfen können, andererseits wollen wir unsere Studierenden fürs Berufsleben rüsten."

Über diesen neuen Studiengang hinaus ist Nassenstein überzeugt: "Wir müssen unser Fach verändern. Wir brauchen nicht nur eine Verzahnung mit der Ethnologie hier in Mainz, wir müssen auch mehr mit Kolleginnen und Kollegen reden, die verwandte Themen bearbeiten, etwa in der Soziologie oder in den Medienwissenschaften. Dieser Kontext ist vielleicht wichtiger als der Kanon unseres Fachs."

Die kritische Auseinandersetzung mit der Afrikanistik ist Nassenstein wichtig, das wird im Gespräch deutlich. Mit Blick auf die Sprachwissenschaft meint er: "Wir neigen dazu, afrikanische Sprachen zu exotisieren. Wir nehmen sie aus ihrem Kontext heraus, schauen uns grammatische Besonderheiten an und verlieren dabei oft die Menschen aus dem Auge, die diese Sprachen sprechen."

Kolonialismus und Machthierarchie

Die Afrikanistik wurde geboren als koloniale Disziplin und die Beschäftigung mit dem "Schwarzen Kontinent" war schon lange zuvor geprägt von einer klaren Machthierarchie, auch im Bereich der Beschreibung und Analyse von Sprachen. "Im Jahr 1659 entstand eine erste Grammatik zu Kikongo. Natürlich war sie auf Latein verfasst. Man versuchte, die afrikanische Sprache in das lateinische Korsett zu pressen und Teile, die zu fehlen schienen, wurden einfach ergänzt. Sie wurde zur Grammatiksprache aufpoliert. Und dann sagten die Missionare den Leuten, wie sie ihre Sprache zu sprechen haben."

Diese Hierarchien pflanzten sich fort. Afrikanische Sprachen rangieren für viele immer noch hinter der europäischen Konkurrenz. Das hat sich auch in Afrika selbst festgesetzt. "Dort wurde ich schon gefragt: Beschäftigst du dich immer noch mit afrikanischen Sprachen? Wann machst du denn endlich was Vernünftiges?" Der akademische Diskurs gestaltet sich entsprechend: "Auch heute noch müssen afrikanische Kolleginnen und Kollegen in Europa oder Amerika publizieren, um ernst genommen zu werden. Bei der Promotion und der Vermarktung von Wissen haben wir das Sagen, ganz selten werden lokale Stimmen angehört."

Nassenstein schlägt weite Bögen, er streift viele Themen. Zuletzt kommt er kurz auf eines seiner aktuellen Forschungsfelder zu sprechen: Gemeinsam mit Kolleginnen aus Köln arbeitet er an einem interdisziplinären, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt zu Sprachen und Migration auf Mallorca. Auch da klingt das koloniale Echo nach, mal mehr, mal weniger offen rassistisch, und gern auch als eine Art romantisierendes Sentiment.

Helmut aus dem Senegal

Am Ballermann verkaufen vorwiegend aus dem Senegal stammende junge Männer Sonnenbrillen und andere Kleinigkeiten. So versuchen sie über die Runden zu kommen. Viele Touristen nennen diese fliegenden Händler pauschal "Helmut". "Der Ausdruck wird sehr mokierend und ausgrenzend benutzt." Daneben gibt es eine andere Sicht, von der sich auch Nassenstein nicht unbedingt frei spricht: "Wir urteilen gern sensibel und ein wenig von oben herab: 'Diese armen Menschen!' Ihnen die Opferrolle zuzuordnen, macht sich gut, das passt in unser Klischee. Dabei ist es für viele dieser Männer schlicht ein Geschäft."

Nassenstein interessiert sich zwar auch für diese Rollen, vor allem aber schaut er auf die Menschen, die sie zugewiesen bekommen. "Mir hat einer dieser Verkäufer erzählt, Deutsch sei für ihn eine Arbeitssprache. Damit nähert er sich den Touristen auf dem Ballermann. Wer besser Deutsch spricht, verkauft mehr. Einige Straßen weiter, im Café Senegales, redet er in seiner Heimatsprache Wolof mit den anderen Verkäufern. Und wenn er für sich selbst sein will, geht er weg vom Ballermann, von all dem Lärm, setzt sich auf die Klippen und erlebt die Stille, um sich frei zu fühlen."