In weißen Laborkitteln auf Expedition zu den Farben

16. August 2012

Das NaT-Lab der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat seine neuen Räume im Neubau des Instituts für Physikalische Chemie bezogen – und muss gleich einen ersten großen Praxistest bestehen: Vier Tage lang sind Schülerinnen und Schüler hier den Farben auf der Spur. Mit vielen Experimenten erleben sie Chemie, Biologie und Physik mal ganz anders als im normalen Unterricht.
 

Eine trübe Brühe köchelt im Glas. Spannend sieht das erst mal nicht aus, dennoch ist Jonas voll bei der Sache. Der weiße Laborkittel schlackert lose um die schlanke Figur des 18-Jährigen, der durch eine Schutzbrille den Sud aus Kastanienzweigen mustert.

"Jetzt kann das unters UV-Licht", meint Chemie-Doktorandin Carolin Heeschen. Jonas trägt das Glas unter die kastenförmige Lampe. "Oh, es wird grün", freut sich der Schüler. Heeschen aber runzelt die Stirn. "Eigentlich sollte es blau werden", sagt sie verwundert. Wird es dann auch und die Flüssigkeit scheint unter ultraviolettem Licht schließlich in durchdringendem Blau. "Cool", kommentiert Jonas.

Eine blitzsaubere feste Bleibe

Der Mainzer ist einer von 18 Schülerinnen und Schülern, die mit der Ferienakademie "Farben" die neuen Räume des NaT-Lab im Duesbergweg auf dem JGU-Campus einweihen. Alles ist noch blitz und blank. Der Raum mit seinen sechs Laborbänken riecht sogar neu, doch das werden die Jugendlichen im Laufe der nächsten vier Tage ändern. Sie haben ein großes Programm vor sich: Von morgens 9 bis nachmittags 17 Uhr wollen sie hier intensiv forschen. Und in der Mittagspause können sie sich unter die Studierenden in der Mensa mischen, um Campusluft zu schnüffeln.

"Hier im Neubau Chemie haben wir endlich eine feste Bleibe", freut sich Dr. Christa Welschof. Die Leiterin des NaT-Lab muss zwar einräumen, dass die neuen Räumlichkeiten etwas kleiner sind als im alten Schülerlabor im Welderweg. Aber die zahlreichen Kursteilnehmer signalisierten in der Vergangenheit immer wieder, dass ihnen die Räumlichkeiten im alten Flachbau so gar nicht gefielen. "Ich habe das mit der Zeit selbst gar nicht mehr wahrgenommen", sagt Welschof. "Aber es ist natürlich wichtig, dass sich unsere jungen Kursteilnehmer wohlfühlen. Wir wollen ja auch letztlich für ein Studium an der Uni werben."

6.000 Schüler experimentieren

Der eklatante Mangel an Nachwuchs im Fachbereich Chemie führte im Jahr 2000 zur Gründung des NaT-Lab an der JGU. "Es begann in sehr kleinem Maßstab", erzählt Welschof. "Es gab keine extra Räumlichkeiten. Über die Jahre ist das Projekt immer weiter gewachsen. Jetzt kommen rund 6.000 Schüler pro Jahr ins Labor, im gesamten naturwissenschaftlichen Bereich sind es über 10.000."

Die Existenz des NaT-Lab stand immer mal wieder auf der Kippe. "Die Finanzierung war unsicher. Vor zwei Jahren dann sagte Professor Dr. Wolfgang Hofmeister: 'Wir brauchen das!'" Der Dekan des Fachbereichs Chemie, Pharmazie und Geowissenschaften stellte so die Weichen. "Heute haben wir ein Budget, auch wenn wir zusätzlich noch Drittmittel einwerben müssen." Die Robert Bosch Stiftung etwa spendierte seinerzeit die Grundausstattung des NaT-Lab und die Kosten für die Ferienakademie übernimmt zum großen Teil die chemische Industrie. Die Schüler zahlen nur 50 Euro für vier Tage, inklusive Kost und Logis.

Spannender als die Schule

Jan wohnt eigentlich in London, aber das Angebot des Mainzer NaT-Lab hat den 18-Jährigen überzeugt. "Im normalen Chemieunterricht sind drei Viertel Theorie. Hier ist das ganz anders, wir experimentieren ständig. Das ist spannender als in der Schule", sagt er mit ernster Miene. "Und außerdem viel relaxter", schiebt er mit einem Lächeln auf den Lippen nach.

Das Experimentieren, das spielerische Herangehen an Chemie, Biologie, Physik oder Geologie, ist auch Welschof wichtig. "In der Schule ist das heute viel zu wenig", kritisiert sie. "Außerdem können wir im NaT-Lab in kleinen Gruppen arbeiten." Doktoranden helfen dabei und auch Lehramtsstudierende haben im Labor die Gelegenheit, mit Schülern auf Tuchfühlung zu gehen. "Sie können bei uns ein orientierendes Schulpraktikum machen, statt in die Schule zu gehen."

Enger Kontakt mit Studierenden

Heeschen leitet in der Ferienakademie eine dreiköpfige Gruppe. "Ich hätte nicht gedacht, dass sie so unheimlich viele Fragen stellen", meint die Doktorandin. "Sogar übers Studium an der Uni wollen sie alles wissen. Alle sind unheimlich neugierig. Das macht wirklich Spaß."

"Wenn ich ins Labor komme, herrscht schon eher so eine Art Lehrer-Schüler-Verhältnis", sagt Welschof. "Mit den jüngeren Schülerinnen und Schülern ist das ein bisschen anders, da ist der Kontakt viel enger." Auch das ist Programm im NatT-Lab, denn das Hauptgeschäft von Welschof und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind Schulklassen. "Jeden Tag kommt eine andere Schulklasse." Die Schüler ab der 5. Klasse aufwärts verbringen meist einen Vormittag im Labor. Außerdem gibt es noch die Grüne Schule im Botanischen Garten; zudem können die Nachwuchsforscher die Kernphysik, die Geologie oder die Biophysik besuchen. "Wir wollen damit auch verdeutlichen, dass keine Disziplin einzeln dasteht, alles ist vernetzt." Dies gelingt vor allem in der Ferienakademie mit ihren besonders interessierten Schülern.

Mädchen sind in der Überzahl

Thuy My kommt vom Mainzer Schlossgymnasium. Die 18-Jährige wundert sich über die Zusammensetzung dieser Akademie: "Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Mädchen da sind." In der Schule ist My eher eine Ausnahme. Im Chemie-Leistungskurs sitzen zwei Drittel Jungs. Im NaT-Lab sind die Mädchen in der Mehrheit. "Ich bin jetzt im achten Jahr dabei und da hat sich über die Jahre tatsächlich etwas geändert", kommentiert Welschof. "Den Mädchen ist es inzwischen egal, ob Chemie mal ein 'Jungsfach' war."

Nun stehen also Anna neben Jonas und Jennifer neben Jan, um sich nach dem Experiment mit den Kastanienzweigen der Herstellung von Indigoblau zu widmen. Eine unansehnliche Masse entsteht. Farblich liegt sie zwischen Grün, Gelb und schmutzigem Braun. Erst beim Färbevorgang wird sich das Blau zeigen. "Daher kommt auch der Ausdruck 'blau machen'", erzählt Welschof nebenbei: Hing der gefärbte Stoff zum Trocknen, konnten sich die Färber ausruhen.

Plötzlich spritzt eine Minifontäne an die Decke des neuen Labors. "Das kann eigentlich gar nicht sein", staunt Heeschen. "Das kann nicht explodieren. Aber vielleicht war die Natronlauge nicht richtig angesetzt?" Egal, das NaT-Lab ist gründlich getauft. "Cool", flüstert Jonas, während Welschof schon mal Putzzeug holt. "Das ist noch nie passiert", brummt sie.