Maler mit Hang zur See und Herz für Mainz

17. Oktober 2018

Wolfgang Blanke studierte in den 1970er-Jahren an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). 2013 gründete er unter dem Dach der Hochschule eine Stiftung, die alle zwei Jahre einen internationalen Preis für Malerei vergibt. Der gebürtige Münsteraner, selbst Maler, zugleich Schriftsteller und Seefahrer, ist in Schierstein vor Anker gegangen. Hier liegt sein Boot im Hafen, hier hat er sein Atelier eingerichtet – und von hier kann er über den Rhein auf seine Lieblingsstadt schauen: auf Mainz.
 

Das Bild zeigt Menschen, die auf eine Reihe mächtiger Pfeiler zueilen. Helles Licht dringt vielversprechend durch die Zwischenräume der dunkelgrau in die Höhe ragenden Strukturen. Ihre Architektur wirkt bedrohlich, einschüchternd und streng. Dagegen scheinen die Grüppchen von Personen höchst lebendig. Lichtreflexe tanzen im Takt ihrer Bewegung: Hier scheint jemand einer Gestrauchelten aufzuhelfen, dort zeigen zwei auf das leuchtende Ziel. Der Platz vor den Säulen ist ein flimmerndes Fest aus Farben. Was die Menschen dahinter erwartet, bleibt ungewiss. Einzig das Licht lockt.

"Das hier ist im Moment mein Lieblingsbild", erzählt Wolfgang Blanke. Das Werk ist erst kürzlich fertig geworden. "Es könnte Reisende auf einem Bahnhof zeigen, vielleicht aber auch Flüchtlinge. Das darf sich jeder selbst aussuchen." Interpretation und Assoziation bleiben beim Betrachter, Blanke sind andere Dinge wichtig.

Material als Thema

"Ich möchte, dass man ganz deutlich den Pinselstrich sieht", erklärt der Maler. "Ich thematisiere das Material selbst, ich feiere es geradezu." Er geht näher auf die Leinwand zu und neigt das Gemälde in verschiedene Winkel zum Tageslicht, das von draußen in sein Atelier dringt. "Ich arbeite viel mit Lasuren, mit transparenten Farbschichten, die ich nacheinander auftrage." Das bringt Bewegung und Leben ins Bild. Nur bei den Pfeilern macht Blanke eine Ausnahme. Sie bleiben undurchsichtig und tot. So entsteht ein fesselnder Kontrast. Nach dem Titel seines Lieblingswerks gefragt, muss er schnell mal auf die Rückseite schauen. "Cluster – Border", liest er vor.

Einmal im Jahr, gegen Ende des Sommers, lädt der Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler in Mainz zur Aktion "Offene Ateliers". An zwei Wochenenden präsentieren Kreative ihre Werkstätten und Ausstellungsräume der breiteren Öffentlichkeit. Nun wohnt Blanke nicht wirklich in Mainz, er hat sich in Wiesbaden-Schierstein ein Zuhause geschaffen. "In Mainz nennen sie das 'grenznahes Gebiet Wiesbaden'", erklärt er mit leicht zuckenden Mundwinkeln, "deswegen darf ich mitmachen."

Tatsächlich spielt Mainz im Leben des 70-Jährigen eine wichtige Rolle. "Es ist meine Lieblingsstadt", sagt er. Hier studierte er Kunst und Kunsterziehung. "Das sind tolle Fächer und es war ein tolles Studium, bei dem man nicht allzu viel arbeiten musste. Ich war viel in den Weinstuben unterwegs und paddelte im Boot auf dem Rhein." Im Gespräch mit Blanke legen sich Ernst und Scherz untrennbar übereinander. Beides blitzt immer wieder auf. Ein wenig erinnert das an jene transparenten Lasuren, die seine Bilder so eindrucksvoll machen.

Der JGU fühlt sich Blanke bis heute eng verbunden. Im Jahr 2013 rief der Künstler unter dem Dach der Johannes Gutenberg-Universitätsstiftung die Wolfgang Blanke-Stiftung ins Leben, die mit ihrem internationalen Preis bemerkenswerte Positionen und Leistungen in der Malerei fördert. Die Auszeichnung wird alle zwei Jahre vergeben, abwechselnd an künstlerisch Schaffende und an Kunstwissenschaftlerinnen oder -wissenschaftler. Fachkundige Köpfe der JGU helfen bei der Auswahl. Erster Preisträger war der Wormser Maler Julius Grünewald. "Ich möchte so die Kunstszene in Mainz bereichern", sagt Blanke. "Vielleicht gelingt es mir ja, in Zukunft noch mehr überregionale Künstler in die Stadt zu holen."

Vater und Sohn als Stifter

Wolfgang Blanke, gebürtiger Münsteraner, fand auf Umwegen zur Kunst, seine erste Leidenschaft galt dem Meer. "Ich war ein schlechter Schüler, ich träumte von der weiten Welt." Mit 18 fuhr er zur See. "Ein Jahr durfte ich Rost klopfen und Toiletten reinigen und habe viel einstecken müssen." Er brachte es bis zum Nautiker-Assistenten, doch dann riss er Anfang der 1970er-Jahre das Ruder herum.

"Von unterwegs bat ich meinen Vater, mich an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe anzumelden." Der Amerikanist Prof. Dr. Gustav H. Blanke war 1968 einem Ruf an den Fachbereich für Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der JGU in Germersheim gefolgt. Karlsruhe lag also in der Nachbarschaft. Vater Blanke machte sich gerade sehr um die Hochschule verdient: Er baute das junge Fach der Amerikanistik mit auf. Drei Jahrzehnte später würde er mit seiner Frau die Prof. Gustav Blanke und Hilde Blanke-Stiftung gründen, die bis heute Forschung auf dem Feld der Amerikanistik am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim unterstützt. Sein Sohn nahm sich ihn zum Vorbild, als er später seine eigene Stiftung an der JGU gründete.

Doch zurück ins Jahr 1971. "Ich bestand mein Probejahr an der Akademie", erzählt Blanke. "Aber Karlsruhe war eine Wiege der Jungen Wilden und mir gefiel ihr Gekleckse nicht. Ich sagte das auch deutlich: 'Ihr müsst auch mal Bilder der Surrealisten anschauen. Dalís Gemälde, das sind richtige Bilder.'" Blanke wechselte fürs weitere Studium nach Mainz und malte surrealistisch.

Vom Mischen der Farben

Nach dem Staatsexamen unterrichtete er 25 Jahre lang Kunst in Kaiserslautern und Germersheim. Zwischendurch allerdings trieb es ihn wieder aufs Wasser: Er setzte die Segel und kreuzte im Mittelmeer. Sein Buch "Aussteigen oder Von der Philosophie des Fahrtensegelns" zeugt davon. Es enthält wortgewaltige literarische Skizzen und eine ganze Reihe Bilder, die klar machen, dass sich Blanke mittlerweile ein gutes Stück vom Surrealismus entfernt hatte.

"Anfang der 1990er-Jahre erkannte ich, dass die Jungen Wilden so schlecht gar nicht sind. Besonders die Kunst von Klaus Arnold, dem Rektor der Karlsruher Akademie, faszinierte mich so sehr, dass ich ihn eine Zeit lang praktisch kopierte." Blanke führt hinauf in den ersten Stock, ins Wohnzimmer seines Schiersteiner Hauses. Dort hängt ein Bild von Arnold, ein Reiter hoch zu Ross. Sichtbarer Pinselstrich und Lasuren lassen die Verwandtschaft zu Blankes Werk erkennen. Beide feiern das Material.

Bei Blanke geht es so weit, dass er seine eigenen Farben aus Rohstoffen fertigt. Gleich nebenan in einem kleinen Atelierraum reihen sich im Regal unzählige Glasbehältnisse mit buntem Inhalt. "Ich lasse mir künstliche organische und anorganische Pigmente liefern." Er greift ein blaues Pulver heraus. "Das ist Cobalt-Oxid. Sehen Sie, wie wunderbar es in der Sonne leuchtet?" Diese Leuchtkraft hat es ihm angetan. "Ich rühre die Pulver in einer Emulsion aus öligen und wässrigen Bindemitteln an." Blanke nimmt Leinöl und Zelluloseleim, um den Prozess zu demonstrieren. Dieses Handwerk ist ein wesentlicher Teil seiner Kunst, auch darüber schrieb er ein Buch. "Ich überarbeite es gerade, es soll demnächst in einer Neuauflage erscheinen."

Blanke ist als Künstler erfolgreich, er kann gut davon leben – und er ist dankbar dafür. "Das gelingt vielleicht zwei Prozent aller studierten Maler." Gerade hat er 40 Bilder für eine Ausstellung nach Luxemburg gefahren, eine zweite Schau in Wiesbaden zeigt einige Stücke aus seiner früheren Zeit. Blanke ist in einigen Galerien präsent.

Nur ein paar Pinselstriche

In seinem Haus, einem alten Schiersteiner Dachdeckerbetrieb, den er jüngst gründlich umbaute und sanierte, scheint beinahe an jeder Wand eines seiner Bilder zu hängen oder in Ständern auf die Besucherinnen und Besucher des "Offenen Ateliers" zu warten: Zahlreich sind die Tischszenen, gern mit Frauen und mit gut gefüllten Weingläsern auf der gedeckten Tafel. Alles atmet Lebenslust.

Immer wieder finden sich auch Menschengruppen aus der Vogelperspektive wie in seinem Lieblingswerk "Cluster – Border". Eines zeigt junge Männer in erdfarbenen Gewändern über weiße Bücher und Blätter gebeugt. "Koranschule" heißt es. "Solch eine Schule habe ich in Marokko besucht", erzählt Blanke. Womöglich segelte er dorthin, denn dies ist eine Leidenschaft, die ihn ständig begleitet. Blanke braucht ein Schiff, ein Boot, das Wasser. Sein Haus ist nur wenige Schritte vom Schiersteiner Hafenbecken entfernt und er hat offensichtlich den richtigen Beruf gewählt, um diese Leidenschaft auszuleben: "Praktisch muss ich ja als Maler gar nicht so viel machen", behauptet er, während wieder die Mundwinkel zucken. "Nur ein paar Pinselstriche – und die Ergänzungstätigkeit des Betrachtenden beginnt."