Frauenlob – Provokateur, Poet, Oberlehrer

24. Oktober 2018

Am 29. November 2018 jährt sich der Todestag des Dichters Heinrich von Meißen alias Frauenlob zum 700. Mal. Studierende der Germanistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) präsentieren in ihrer Ausstellung "Zwischen Herz und Verstand. Einblicke in die Sprachwelten Frauenlobs" Sprachbilder des großen mittelalterlichen Lyrikers im modernen Gewand. Sie konzipierten für die Schule des Sehens eine interaktive Schau, die es Besucherinnen und Besuchern ermöglicht, sich Frauenlob aus verschiedenen Richtungen zu nähern.
 

Er war ganz und gar nicht zufrieden mit seinen Dichter-Kollegen und las ihnen wortgewaltig die Leviten: "Sie han gesungen von dem feim, / den grunt han sie verlazen", klagt Frauenlob, nur um gleich nachzusetzen: "Uz kessels grunde gat min kunst, so gicht min munt. / ich tun iu kunt / mit worten und mit dönen (…) dar zu bin ich der künste koch."

"Sie haben an der Oberfläche gesungen, den Grund ließen sie unberührt. Aus dem Grunde des Kessels kommt meine Kunst, so spricht mein Mund. Ich verkünde Euch dies mit Worten und mit Melodien (…) und dazu bin ich ein Koch der Künste." So selbstbewusst hatte sich bis dahin noch kein deutscher Dichter geäußert. Frauenlob war in seiner mutmaßlich von ihm selbst verfassten "Selbstrühmung" einzigartig.

Frauenlobs Wunderkessel

Ein Kupferkessel, gerahmt von Holzscheiten, steht auf dem schlichten Ausstellungspodest. Bis zum Rand ist er gefüllt mit Styroporkügelchen. "Greifen Sie ruhig hinein", ermutigt Lorraine Geib die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung. Die Finger tasten hinunter bis zum Grund und umfassen eine größere Plastikkugel. Darin findet sich ein Zettel mit einem weiteren Frauenlob-Zitat: "Mir ist ein wip / so nahen durch die ougen min / gebrochen in daz herze." – "Mir ist eine Frau ganz nah durch meine Augen in mein Herz (ein)gebrochen."

Geib muss die Bezüge zwischen Sprachbild und Exponat gar nicht extra erklären, alles fügt sich mühelos: der Kessel, der Koch der Künste, der Griff unter die Oberfläche. "Wir wollen die Frauenlob-Zitate zur Anschauung bringen", erklärt die Studentin. "die Besucher sollen so leichter einen Bezug dazu aufbauen. Wir wollen seine Aktualität zeigen, aber auch seine Einzigartigkeit."

Die Ausstellung "Zwischen Herz und Verstand" zum 700. Todestag des im Mainzer Dom beigesetzten Dichters Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob, ist das Ergebnis zweier Projektseminare am Deutschen Institut der JGU: Juniorprof. Dr. Claudia Lauer machte Bachelorstudierende mit der Sangspruchdichtung Frauenlobs bekannt, Prof. Dr. Sabine Obermaier schaute sich mit Masterstudierenden seinen Minnesang genauer an. Als die beiden sich vor zwei Jahren zusammensetzten, um ein gemeinsames Konzept für die Seminare zu erarbeiten, war klar, dass an deren Ende eine Ausstellung in der Schule des Sehens stehen sollte. Wie diese Schau allerdings aussehen würde, stand damals noch in den Sternen.

Mediävistik trifft Job & Karriere

Obermaier und Lauer entwickelten mit "Mediävistik trifft Job & Karriere" ein innovatives Lehrprojekt, das vom Gutenberg Lehrkolleg (GLK) der JGU unterstützt wurde. Inhaltlich spannten sie dabei einen weiten Bogen von der Wissenschaft über die Kreativität bis zur Berufsorientierung. Zuerst sollten die Studierenden zwar wie üblich an Originaltexten arbeiten, Übersetzungen erstellen und Hintergründe recherchieren. Doch das war nur der erste Schritt. In der Folge wurden sie mit all jenen Details konfrontiert, die für eine erfolgreiche Ausstellung unentbehrlich sind.

"Wir banden gleich zu Beginn Fachleute aus den Bereichen Museumspädagogik, audiovisuelle Produktion, Grafikdesign, Marketing und Kommunikation ein", erzählt Obermaier. In Workshops vermittelten sie den Studierenden das nötige Know-how.

In der Ausstellung sollte es um Frauenlobs Sprachbilder gehen, das war die einzige Vorgabe. "Bei der Umsetzung hatten wir völlig freie Hand", erzählt Geib. Sie wusste vor dem Seminar zur Sangspruchdichtung kaum etwas über Frauenlob. Sie hatte auch keine rechte Vorstellung davon, wie aufwendig dieses Projekt am Ende sein würde. "Unsere Dozentinnen haben uns in das Thema hineingezogen. Sie haben die richtigen Fragen gestellt, wir haben Lust auf Frauenlob bekommen und schon hingen wir am Haken. Wir wollten, dass diese Ausstellung ein Erfolg wird." – "Sie ist unser Baby geworden", fügt Sina Fröder hinzu. "Wir haben unheimlich viel dafür getan. Niemand von uns hatte wirklich Semesterferien."

"Es ist wirklich erstaunlich, was unsere Studierenden in dieser kurzen Zeit geschaffen haben", bekräftigt Lauer. Sie führt hinein in die Ausstellung: Im Eingangsbereich geht es noch recht nüchtern zu. Eine Schautafel informiert über das Leben Heinrichs von Meißen. "Wie bei vielen mittelalterlichen Dichtern gibt es auch hier nur wenige gesicherte Daten." Die Hauptformen der Frauenlob'schen Lyrik sind kurz dargestellt, seine Präsenz im heutigen Mainz ist dokumentiert und seine Rezeption kommt zur Sprache. "Er war nicht nur bei seinen Zeitgenossen umstritten, auch die Forschung ist sich uneinig", erzählt Lauer.

Fangnetz des Verstandes

Ein Vorhang verhüllt den Übergang in das Herzstück der Ausstellung. Wer ihn zur Seite schiebt, fühlt sich in einer anderen Welt. Viel gibt es zu entdecken. Auf den ersten Blick wirkt die Ausstellung wie eine wilde Zusammenstellung moderner Kunst, ein Potpourri aus Malerei und Collage, Installation und Videokunst. Über alledem hängt ein feines Gewebe mit blinkenden Lichtern von der Decke. "Es soll das Fangnetz des Verstandes darstellen, das alles verbindet", erklärt Lauer. Wie alle Exponate hier gründet es auf einem Frauenlob-Zitat: "Die hohe gotes stiure / wibez ez in miner witze hamen (...)" – "Die mächtige Unterstützung Gottes webt es in das Fangnetz meines Verstandes."

Die Studierenden nutzten verschiedene Medien, um Frauenlobs Sprachbilder für die Gegenwart zu übersetzen, um sie sicht-, spür- und hörbar zu machen. Unter anderem laufen kurze Filmsequenzen, in denen der Schauspieler Konstantin Hahn den Dichter verkörpert. "Wir zeigen drei verschiedene Dichterprofile", meint Julia Lorenz. "Einmal den Oberlehrer Frauenlob, der überheblich erklärt, wie richtig gedichtet wird, dann den Provokateur, der auch Kritik an der damaligen Gesellschaft übt, und den Lobsänger der Frauen."

"Wir möchten eine breite Öffentlichkeit mit unserer Ausstellung erreichen", sagt Geib. "Besonders Schulklassen sind herzlich eingeladen. Wir haben sogar ein Arbeitsblatt konzipiert, das wir den Lehrkräften zur Verfügung stellen können." Zudem liegen Tablets mit Hörbeispielen aus der Originaldichtung und mit Rätseln rund um Frauenlob bereit.

Finissage zum Todestag

Überhaupt ist viel entstanden rund um die Schau. Die Studierenden entwickelten gemeinsam mit Fachleuten ein eigenes Logo, sie warben mit Postkarten und mit einer Luftballonaktion in der Stadt für ihr Projekt und sie erstellten einen begleitenden Katalog, der bescheiden als Booklet daherkommt, aber im Grunde alles Wesentliche enthält.

Die Vernissage mit rund 100 Gästen war bereits ein großer Erfolg, nun hofft das Projektteam auf viele weitere Besucherinnen und Besucher. Ein wissenschaftliches Rahmenprogramm wird sich bis ins kommende Jahr hinein mit Frauenlob beschäftigen. Am 29. November endet die Ausstellung pünktlich zum 700. Todestag des Dichters mit einer großen Finissage.

"Ich denke, wir haben es geschafft, eine echt schwierige Textgrundlage verständlich zu vermitteln", resümiert Masterstudentin Annisa Fehre zufrieden. "Es steckt ungeheuer viel in Frauenlobs Dichtung: Anspielungen und Bildhaftes, Philosophisches und religiöse Motive. Das wollen wir hier auf moderne Weise präsentieren und zugleich die Besonderheit Frauenlobs zeigen."