Wege zur wirklich guten Kunst

9. November 2018

2017 kam Shannon Bool als bisher jüngste Professorin an die Kunsthochschule Mainz. Ihre Malerei-Klasse ist schnell gewachsen, 16 Studierende kann sie im Moment in ihren beiden Ateliers unterbringen. Ihnen will die renommierte Künstlerin helfen, eine eigene Handschrift zu entwickeln, ihnen möchte sie das Werkzeug für eine eigene Karriere an die Hand geben.
 

Das Semester eröffneten sie mit Pizza und einem Kinoabend im Atelier. Avantgardistische Filme und HipHop-Videos standen auf dem Programm. "Mir ist es wichtig, dass meine Studierenden möglichst viel und möglichst unterschiedliche Kunst zu sehen bekommen", erklärt Prof. Shannon Bool. "Mainz hat aber leider kein experimentelles Kino." Also sprang die Dozentin in die Bresche.

"Wir begrüßen hier viele Gäste", fährt Bool fort. "Künstlerinnen und Künstler aus Dänemark und Irland waren da – und eine Documenta-Kuratorin." Daneben geht sie mit ihrer Klasse gern auf Reisen. "Wir besuchten zum Beispiel Claudia Wieser, Ivan Seal und Emma Waltraud Howes in ihren Berliner Ateliers. Das sind renommierte Künstler, die uns erzählt haben, wie sie arbeiten. Wir waren auch in Venedig und haben uns dort vieles angeschaut."

Bool könnte die Liste noch lange fortführen, doch sie begnügt sich damit, kurz noch das neueste Projekt zu erwähnen: "Wir planen eine gemeinsame Ausstellung mit Studierenden der Bezalel Academy of Arts and Design Jerusalem." Für die Reise nach Israel müssen allerdings noch Anträge geschrieben werden. Erste Entwürfe hat die Klasse vorgelegt. "Im Moment klingt das noch ein wenig zu sehr nach Facebook-Eintrag", kritisiert Bool mit einem Augenzwinkern. Also müssen ihre Studierenden noch mal ran. Auch solche Dinge sollen sie bei ihr lernen.

Später Weg zur Kunst

Voriges Jahr folgte Bool als jüngste Professorin dem Ruf an die Kunsthochschule Mainz, um eine eigene Malerei-Klasse zu gründen. Zwei Ateliers stehen ihr zur Verfügung, die sie gründlich renoviert hat. "An sich sind das schöne Räume", sagt sie. Allerdings seien sie ein wenig verbaut gewesen. Deswegen ließ Bool in einem die Decke herausreißen. Nun deutet sie hinauf zum blanken Beton mit seinen freigelegten Strukturen: "Hier kommt die ursprüngliche Architektur gut zum Vorschein."

Architektur ist auch eines der großen Themen der Künstlerin Bool. Motive für ihre Werke schöpft sie aus unterschiedlichen Disziplinen – der Kunstgeschichte, der Musik, der Psychologie oder der Literatur. Ausgehend von der Malerei, nutzt sie viele Techniken: Photogramme, Collagen, Objekte und vieles mehr ist im Lauf der Jahre entstanden. Bool setzt Materialien und Bildtraditionen in neue Kontexte. Ornamente und architektonische Details interessieren sie dabei besonders. Darin sieht sie nicht nur bloße Dekoration und Oberfläche, sondern erspürt höhere Wahrnehmungsebenen und tiefere Zusammenhänge.

Bool ist relativ spät zur Kunst gekommen: Geboren 1972 in der kanadischen Kleinstadt Comox, studierte sie ab 1996 englische Literatur und Psychologie an der Universität Victoria. "Ich habe sogar eine Weile als Therapeutin gearbeitet", erzählt sie. "Meine erste zeitgenössische Kunstausstellung sah ich mit 25." Offensichtlich hinterließ die Schau einen bleibenden Eindruck: 1998 begann Bool ihr Studium am Emily Carr Institute of Art and Design Vancouver. 2001 wechselte sie an die Cooper Union New York, bevor sie noch im selben Jahr nach Deutschland an die Frankfurter Städelschule kam.

Eine ganze Reihe wichtiger Auszeichnungen und Stipendien zeugen von der Anerkennung, die ihre Kunst fand. Unter anderem wurde sie mit dem Absolventenpreis der Städelschule bedacht. In der Folge waren ihre Werke in Bonn und Karlsruhe, Basel und London, Toronto und Melbourne zu sehen. Gegenwärtig lebt und arbeitet Bool in Berlin.

"Ich unterstütze Unordnung"

Doch von alledem berichtet sie nur wenig bei dem Treffen in den Ateliers der Mainzer Kunsthochschule. Im Kreis ihrer Studierenden stellt sie lieber ihre Rolle als Dozentin in den Mittelpunkt. "2008 übernahm ich in Vertretung von Franz Ackermann eine Gastprofessur an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe." Sie machte die wichtige Erfahrung, dass sie sich in der Rolle der Dozentin wohl fühlte. Sie konnte den Studierenden ein Stück weiterhelfen auf ihrem Weg. 2017 war dies einer der Faktoren, der sie bewog, sich an der Kunsthochschule Mainz zu bewerben. "Ich kannte außerdem einige der Lehrenden hier: Tamara Grcic und Andrea Büttner, die zurzeit in Kassel ist, und ihren Vertreter Adrian Williams."

Mainz gefällt Bool. "Es ist eine angenehme Stadt, und die Studierenden, die hierherkommen, sind nicht nur offen und freundlich, sie sind auch bereit zu experimentieren. Mainz hat genau die richtige Größe. Es ist nicht so geprägt von den Großstadtmechanismen und vom Kunstmarkt. Das ist gut, denn solche Dinge können Studierende erdrücken. Außerdem gibt es eine sehr gute Kunsthalle. Dort sind wir oft zu Besuch."

Bools Klasse wuchs schnell. "Im Moment sind es 16 Studierende, mehr würden nicht in die Ateliers passen." Sogar ihr Büro hat die Dozentin geöffnet, damit wirklich genug Platz ist. Nun steht sie mit einem halben Dutzend Studierender in jenem Atelier, in dem auch während der vorlesungsfreien Zeit kräftig gearbeitet wurde: Großformatige Gemälde fallen zuerst ins Auge, davor auf Tischen verschiedensten Formats ausgedrückte Farbtuben und Unmengen von Pinseln. Auf dem Boden liegen hier und da farbbefleckte Schuhe, und jemand hat sich sogar einen alten Sessel hingestellt. Bool betrachtet lächelnd die Szenerie. "Ich unterstütze Unordnung", kommentiert sie, "aber nur bis zu einem gewissen Grad."

Bunte Klasse, viele Stile

Das Verhältnis zu ihren Studierenden ist eng, die Klasse international: Jiyoung Kim etwa stammt aus Südkorea, Anna Saloum aus Syrien, und Poppy Luley ist in England geboren. Mal sprechen sie Englisch miteinander, mal Deutsch. Das wechselt auch bei Bool ständig. Sie alle schauten sich nach zwei Semestern in der Basisklasse um, was die unterschiedlichen künstlerischen Klassen zu bieten haben, und entschieden sich dann sehr bewusst für die Kanadierin.

"Mir war wichtig, jemanden zu finden, der ernst nimmt, was ich tue", sagt Saloum. Luley nimmt den Faden auf: "Ich wollte eine Professorin haben, die sich wirklich mit meiner Kunst auseinander setzt." Tatsächlich führten Bools Ratschläge sie dann in eine unerwartete Richtung: "Shannon meinte, in meinen Bildern sei viel Bewegung, ich sollte es doch mal mit Animationen versuchen. Erst dachte ich: Was soll denn das? Ich bin in einer Malerei-Klasse, ich will malen. Aber dann habe ich es versucht – und sie hatte recht."

Bool sieht die Malerei als Basis. Von dort können sich ihre Studierenden verschiedenste Gebiete erschließen. "Ich führe sehr viele Einzelgespräche. Dabei ist es wichtig zu spüren, wann ich jemandem neue Impulse geben und wann ich ihn einfach nur in seiner Arbeit bestätigen muss." Kurz hält sie inne, dann geht es vorübergehend in Englisch weiter: "Artists are not typical people, they are sensitive, open and have a different way of looking at the world."

In Deutschland sei die soziale Unterstützung und die gesellschaftliche Akzeptanz von Künstlern hoch, sagt Bool. Das habe sie im Land gehalten. Ihre Professur auf Lebenszeit an der Kunsthochschule sieht sie als echten Glücksfall – aber auch als Herausforderung: "Es geht darum, die Stärke eines jeden Studierenden zu entdecken, seine Handschrift zu entwickeln und ihm Werkzeug an die Hand zu geben, um in die Welt hinauszugehen", meint die Professorin abschließend. "Sie alle sollen später wirklich gute Kunst machen."