Erlebnisreise in den Botanischen Garten

27. August 2012

Am heißesten Tag des Jahres lud der Botanische Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) zum Sommerfest. Tausende schauten sich auf dem Gelände um, erlebten Konzerte und Kindertheater, schwankten zwischen Couscous und Bratwurst – oder stürmten den beliebten Pflanzenbasar.

Sonntag, 11:00 Uhr: Horden von Menschen drängen sich hinter dem rot-weißen Absperrband, ihre Blicke sind fest auf die lange Tischreihe mit dem vielen Grün gerichtet. Große Körbe und Kisten stehen bereit für die Beute. "Urinstinkte werden hier geweckt", kommentiert ein Besucher hinter dem Gedränge. Aber warum steht er abseits? "Meine Frau ist heute die Chefin. Sie wartet da vorn. Ich bin nur der Träger."

Dann fällt das Band. Der Sturm auf die Tische beginnt. Ein Dutzend Helfer versucht, alles in geordnete Bahnen zu lenken. Baumoleander und Bluthasel, Kaschmir-Bergenien und Gewürzoleander, Feigen und Kakteen wechseln im Sekundentakt die Besitzer. An den beiden Kassen bilden sich lange Schlangen.

1.200 Pflanzen im Angebot

Mit dem Pflanzenbasar beginnt das diesjährige Sommerfest des Botanischen Gartens der JGU, das hat schon Tradition. "Wir sind im dritten Jahr da", meint der wartende Herr. "Die Qualität ist besser als im Handel. Aber wir kommen auch wegen der besonderen Atmosphäre."

Rund 1.200 Pflanzen sind im Angebot. "Mit dem Erlös finanzieren wir einen Großteil des Festes", meint Dr. Ralf Omlor, Kustos des Botanischen Gartens. Seine Mitarbeiter haben die grüne Handelsware herangezogen. Mal übten sich Azubis an der Vermehrung, mal handelt es sich schlicht um Überschuss.

Es ist er heißeste Tag des Jahres, doch der Besucherstrom fließt munter. Während die einen ihre Beute in Sicherheit bringen, stürzt sich die nächste Welle auf die vielen anderen Angebote. Ein simpler Rasensprenger wird in der glühenden Hitze zur besonderen Attraktion. Die jüngsten Besucher werfen sich quietschend ins kühle Nass, darüber bildet sich ein kleiner Regenbogen.

Eine Steppe im Botanischen Garten

Omlor eröffnet derweil den Reigen der Führungen durch den Garten. "Mainzer Sand und Steppenpflanzen" sind sein Thema. "Viele Besucher fragen sich: 'Och Gott, was ist denn hier los? Wird das gar nicht gepflegt?'" Tatsächlich sehen die drei unterschiedlichen Steppenlandschaften anders aus als die geordneten Beete in der Nachbarschaft. "Hier ist es uns recht gut gelungen, Steppen nachzubilden", erklärt Omlor nicht ohne Stolz.

Steppen mögen es trocken und warm. "Mainz hat mit den geringsten Jahresniederschlag in Deutschland. Wir kommen auf 500 Millimeter im Jahr. Steppen brauchen 400 bis 450 Millimeter. Wir sind also nah dran."

Dieser Umstand hat dazu geführt, dass sich mit dem Mainzer Sand zwischen den Ortsteilen Mombach und Gonsenheim ein natürliches Stück Steppe in Mainz erhalten hat. Auch sie wurde im Garten nachgebildet. Einen Meter tief reicht hier der typische Sand des Mainzer Naturschutzgebiets. So kann der Niederschlag schnell versickern, das verhindert faulende Pflanzen.

Mainz als Hotspot der Artenvielfalt

"Unsere heutige Vegetation ist vor gerade mal 10.000 Jahren nach der letzten Eiszeit wieder eingewandert. Nach und nach wurden die Steppenregionen verdrängt", erklärt Omlor. In Mainz aber konnte sich Steppe halten, das macht die Region zu einem Hotspot der Artenvielfalt. Seltene Pflanzen wie der Sand-Lotwurz finden sich in Deutschland nur noch im Mainzer Sand – und im Botanischen Garten.

Omlor reißt einen Baum aus, ein kleines Pflänzchen noch. "Der hat hier nichts verloren. Wir müssen intensiv jäten, damit nichts Unpassendes wächst. Das ist eine Herausforderung für unsere Gärtner: Sie müssen nicht nur die 40, 50 Pflanzen kennen, die hier vorkommen, sondern auch die 400, 500, die rausgerissen werden müssen."

Gärtnerisch-botanisches Puppentheater

14:00 Uhr: Das Fest ist in vollem Gange, nur der Pflanzenbasar macht dicht. Die Ware ist aus. Auf der Bühne wird das Jens Mackenthun Trio abgelöst. Auf entspannten Jazz folgt Anke Scholl mit ihrem Artisjok Theater. Ihr gärtnerisch-botanisches Stück "Flora Primelwurz" richtet sich vor allem an die jungen Besucher. Die Puppenspielerin zaubert aus einem einfachen Bollerwagen eine fantasievolle, aufregende Welt.

Überhaupt bietet das Fest vor allem für die Kinder viel: Auf einer Rallye mit sechs Stationen können sie den Botanischen Garten kennenlernen. Sie winden Blumenkränze, entdecken Kräuterdüfte oder pflanzen sich ihre eigene kleine Mimose in den selbst gebastelten Topf aus Zeitungspapier.

Angesichts des Wetters allerdings drängt sich eine Attraktion immer wieder in den Vordergrund: "Du, Papa", meint ein Dreikäsehoch, "ich habe etwas entdeckt." "Was denn?" "Einen echten Rasensprenger."

60 verschwitzte Helfer

Gegen 17:00 Uhr nähert sich das Fest dem Ende. Rund 60 Helfer des Freundeskreises des Botanischen Gartens, der Grünen Schule und Mitarbeiter des Gartens sehen verschwitzt, aber zufrieden aus. Tausende sind gekommen, um Pflanzen zu kaufen, Fassbrause, Couscous und Bratwurst zu probieren oder sich über die Natur zu informieren. Nun gibt es zum Finale noch ein höchst tanzbares Gemisch aus Tango und Blues, Klezmer und indischen Klängen.

Das Absinto Orkestra erntet viel Applaus und schickt die Besucher mit den Versen einer Eigenkomposition nach Haus: "Die Straßen sind verlassen, / und die Sonne macht sich rar. / Wir haben fast vergessen, / dass es einmal anders war. / Mit den Händen in den Taschen fällt das Abschiednehmen schwer. / Pack deine sieben Sachen und zieh dem Sommer hinterher."

Gut, der Text passte nicht so ganz zum Sommerfest und zum heißesten Tag des Jahres. Aber sonst, sonst stimmte alles.