Starthilfe für zugewanderte Akademikerinnen

21. Januar 2019

Seit April 2018 bietet das Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung (ZWW) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) die Brückenmaßnahme Bildung und Beratung (B3) an. Das Projekt wendet sich an zugewanderte oder geflüchtete Frauen mit akademischem Abschluss. Es soll ihnen helfen, eine adäquate Tätigkeit in ihrem ursprünglichen Berufsfeld aufzunehmen.
 

Es geht um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. An den Pinnwänden hängen bunte Zettel mit Stichworten wie "Identität" und "Diversität", "Toleranz" und "Migration", "Öffnung" und "Integration". Das Seminar ist Teil der Weiterbildung "Bildungsberatung und Kompetenzentwicklung", die alle Teilnehmerinnen der Brückenmaßnahme Bildung und Beratung durchlaufen. 18 Frauen diskutieren lebhaft, während Kursleiterin Beate Berdel-Mantz einen Moment verschnauft. Sie blickt zufrieden in den Seminarraum und zu den einzelnen Gruppen.

"Heute liegt unser Akzent auf der sich verändernden Gesellschaft und den Lernanlässen, die sich dadurch ständig ergeben", erklärt sie. "80 bis 90 Prozent dessen, was wir können, lernen wir informell, also im Alltag. Wir fragen uns unter anderem: Was bedeutet dieses lebenslange Lernen? Ich wähle dafür eine eher offene Form. Mir ist es wichtig, dass die Teilnehmerinnen eigene Erfahrungen einbringen." Sie hält einen Augenblick inne, schaut wieder hinüber zu den Frauen und stellt fest: "Sie bringen so viel mehr mit, als sie offiziell nachweisen können. Aber sie bekommen immer wieder gespiegelt: Das, was du kannst, ist nichts wert."

Sprachkurs, Weiterbildung, Coaching

Das Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung (ZWW) der JGU führt seit April 2018 erstmals eine spezielle Brückenmaßnahme für zugewanderte oder geflüchtete Frauen mit geistes- oder sozialwissenschaftlichem Hintergrund durch. "Alle unsere Teilnehmerinnen haben in ihrem Heimatland ein Studium abgeschlossen", erzählt Projektleiterin Merima Džaferović vom ZWW. "Es sind Psychologinnen und Lehrerinnen darunter. Doch meist werden ihre Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt. Viele durchlaufen eine Weiterbildungsmaßnahme nach der anderen, ohne dass sich ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern."

Die Brückenmaßnahme Bildung und Beratung verläuft anders als die meisten herkömmlichen Angebote. Immerhin erstreckt sich B3 über zehn Monate, da lässt sich einiges tun. "Wir führen drei Elemente zusammen", sagt Džaferović. "Wir bieten einen Deutschkurs auf C1-Niveau, die Weiterbildung und ein individuelles Berufscoaching mit Praktikumsvermittlung an." Deutschkurse für Menschen mit Migrationshintergrund werden von vielen Seiten angeboten. "Doch die meisten wenden sich an Anfänger. Kurse wie unseren für Fortgeschrittene gibt es nur selten." Auch für eine wirklich individuelle Beratung bleibe anderswo oft keine Zeit. "Ich recherchiere für jeden einzelnen Fall. Das ist sehr aufwendig und kann schon mal frustrierend sein."

Hevein Hassani ist mit ihrer Familie aus Syrien geflüchtet. Dort arbeitete sie als Biologielehrerin. "Am Anfang war es schwer für uns in Deutschland", erzählt sie. "Unsere Kinder gingen in Syrien in eine Privatschule. Sie fragten: 'Mama, was machen wir hier?' Es war schlimm, kein Wort Deutsch zu können, und zu Beginn hatten sie Probleme, die neue Sprache zu akzeptieren." Doch das ist mittlerweile vorbei. "Die Kinder haben zum Glück schnell gelernt und besuchen ein Gymnasium."

Selbstbewusstsein zurückgewonnen

Hassani selbst allerdings hat weiterhin Probleme unterzukommen. Dass sie nicht einfach so wieder als Lehrerin arbeiten könnte, war ihr klar, doch sie ahnte nicht, wie groß die Schwierigkeiten sein würden. "Als ich das erste Mal in einem Jobcenter war, habe ich mich wie in einem Verhör gefühlt. Ich habe geweint. Die Beraterin war aber sehr nett und hat mir gesagt, dass ich in Deutschland viele Sachen machen kann, ich bräuchte nur Zeit. Das war für mich eine große Motivation."

Die Psychologin Elizabeth Skye Rebenich hat Ähnliches erlebt. Sie hatte in mehreren Ländern ihren Beruf ausüben können: Rebenich lebte im australischen Perth und auf Malta, bevor sie mit ihrem deutschen Mann nach Mainz kam. "Ich habe mir immer wieder gesagt: Du bist gut ausgebildet, es braucht nur Zeit." Doch die Zeit zog sich. "Ich wusste nicht, wo ich ansetzen soll, um voranzukommen. Diese Brückenmaßnahme hat mir geholfen, eine Richtung zu finden. Ich habe jetzt eine Idee, welchen Weg ich gehen muss." Hassani nickt zustimmend. Ihr geht es genauso. "Außerdem ist mein Deutsch viel besser geworden, und ich bin wieder selbstbewusster", sagt die Syrerin.

Atefeh Hosn Shafahi flüchtete aus dem Iran. Das ist zweieinhalb Jahre her. "In meiner Heimat arbeitete ich in der Berufsberatung an einem Gymnasium. Wir haben dafür extra Abteilungen an den Schulen. Ich war erstaunt, als ich erfuhr, dass es so etwas in Deutschland nicht gibt." Ihr wurde eine Stelle als Küchenhilfe angeboten. Auch Hosn Shafahi ist sich sicher: "Die Brückenmaßnahme hilft mir sehr." Natürlich passt das Modul zur Bildungsberatung besonders gut für sie. "Mir ist aber vor allem aufgefallen, wie gut das gesamte Programm durchdacht ist. Wir bekommen in relativ kurzer Zeit sehr viele Informationen, und ich kann inzwischen alles in Deutsch ausdrücken, auch wenn es sehr anstrengend ist."

Gut aufgestellt und ausgerüstet

Ilona Eirini Pistopoulou, Erziehungswissenschaftlerin aus Griechenland, erwähnt noch einen weiteren Aspekt: "Diese Maßnahme ist wie ein interkulturelles Training. Für mich ist es interessant, mit Menschen aus vielen verschiedenen Ländern und Kulturen zusammenzukommen und zu arbeiten. Wir alle werden mit großem Respekt behandelt." Pistopoulou hatte Glück: Parallel zur Brückenmaßnahme bewarb sie sich als interkulturelle Fachkraft an einer Kindertagesstätte und bekam den Job – allerdings erst nach einigem bürokratischen Hin und Her.

Bis März 2019 werden die 18 Frauen nun an der JGU zu Gast sein. Im Moment geht es darum, dass jede einen Praktikumsplatz findet. Auch das ist nicht immer einfach. Im März wird dann der erste Jahrgang von B3 in Mainz abgeschlossen sein. "Wir hoffen, dass unsere Förderer dabei bleiben und wir weitermachen können", meint Džaferović. Das rheinland-pfälzische Ministerium für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz unterstützt das Projekt finanziell. Die Mainzer Agentur für Arbeit, die Jobcenter Mainz und Mainz-Bingen sowie das IQ-Netzwerk Rheinland-Pfalz fördern es als Kooperationspartner.

Ein Argument für B3 kann Džaferović auf jeden Fall ins Feld führen: Das Projekt gibt es in Freiburg bereits seit 2016. Dort wurde die Brückenmaßnahme in Zusammenarbeit mit dem ZWW und der Volkshochschule Freiburg im Zuge des Förderprogramms "Integration durch Qualifizierung (IQ)" ins Leben gerufen und stieß sogleich auf großes Interesse. Berdel-Mantz wirkte von Beginn an als Leiterin der Qualifizierung für Beratung und Bildung, Beruf und Beschäftigung mit. "Wir haben vor kurzem die Teilnehmenden unserer ersten drei Brückenmaßnahmen eingeladen", erzählt sie, "drei mal 18 Personen. Viele sind mittlerweile beruflich untergekommen, wenn auch nicht unbedingt in der Bildungsberatung. Sie alle meinten, sie hätten bei uns Selbstvertrauen gewonnen. Sie fühlen sich durch uns anders aufgestellt und ausgerüstet für ihr Leben in Deutschland."