Arbeiten in der Flut digitaler Daten

1. Februar 2019

Mit einem Team des Hessischen Rundfunks hat er Ende des vorigen Jahres den Deutschen Reporterpreis in der Kategorie Multimedia gewonnen. Als Mitarbeiter des Journalistischen Seminars der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) bereitete er das Thema Datenjournalismus für den Lehrplan auf und arbeitet derzeit an seiner Dissertation. Frederik von Castell kennt sich in der journalistischen Praxis aus, ist aber auch in der akademischen Welt zu Hause.
 

Er wirkt beinahe, als sei er bereits auf dem Sprung, dabei hat er noch ein paar Monate Zeit. "Im Oktober läuft mein Vertrag an der JGU aus", erzählt Frederik von Castell. "Dann möchte ich zurück in den Journalismus." Unter anderem hat er bereits für die ARD, das ZDF, die Welt und die Frankfurter Allgemeine Zeitung gearbeitet. Nun würde er gern nach Hamburg gehen. In Bamberg wuchs er auf, von dort zog er nach Berlin, um an der Universität Potsdam Soziologie und Germanistik zu studieren.

Die Zeit am Journalistischen Seminar der JGU will er auf keinen Fall missen, das macht von Castell gleich zu Beginn deutlich: "Ich komme bestimmt für den ein oder anderen Lehrauftrag zurück. Darauf freue ich mich."

Reporterpreis für "Opfer ohne Stimme"

Anfang Dezember vorigen Jahres zeichnete das Reporter-Forum in Berlin das Team von HRinfo mit dem Deutschen Reporterpreis in der Kategorie Multimedia aus: Mit "Opfer ohne Stimme – Wie wir unsere Kinder vor Gewalt schützen" hatten Petra Boberg, Sabine Mieder, Christina Sianides, Stefan Ehlert, Heike Borufka, Daniela Klein, Christine Rütten, Dominik Nourney, Klaudija Schnödewind, Bettina Emmerich und Frederik von Castell ein hochsensibles Thema ausführlich aufbereitet. Opfer kommen in den Reportagen, Features und Interviews zu Wort, aber auch Vertreterinnen und Vertreter der Jugendämter, der Justiz oder der Polizei, und sogar Täter äußern sich.

"Wir wollten alle Perspektiven einbeziehen, ohne dass eine Seite überwiegt", erläutert von Castell. "Es ging uns darum, das komplexe Geschehen nachvollziehbar zu machen." Ihm selbst war noch ein weiterer Aspekt wichtig: Die Beiträge sollten in die Tiefe gehen. "Natürlich brauchten wir die Einzelschicksale, die verschiedenen Stimmen. Aber darüber hinaus war es nötig, erst einmal zu recherchieren, was es an Daten zu dem Thema gibt, sie zu sichten, einzuordnen, aufzubereiten und zu vermitteln. Das ist es, was die gefühlte Wahrheit zu echter, empirischer Wahrheit werden lässt."

Das ist es auch, womit sich von Castell am Journalistischen Seminar vor allem beschäftigte: mit Datenjournalismus. Damit machte er sich im Laufes seines Studiums einen Namen an der JGU, und als Prof. Dr. Tanjev Schultz 2016 ans Seminar berufen wurde, wünschte er sich, dass der junge Journalist als wissenschaftlicher Mitarbeiter bleibt. Von Castell sollte neue, wichtige Aspekte in den Studiengang bringen, die dort bisher keine große Rolle gespielt hatten, obwohl sie die moderne Medienwelt zunehmend mitprägen: digitale Recherche, Verifikation und Datenjournalismus.

Datenjournalismus an der JGU

Datenjournalismus ist im Aufwind. "Seit zehn, zwölf Jahren spielt er im angelsächsischen Raum eine zunehmend wichtige Rolle, bei uns liegen die Anfänge etwas später. In den letzten fünf Jahren hat sich das Interesse dafür auch bei uns potenziert. Die Affäre um die Panama Papers etwa wäre ohne Datenjournalismus gar nicht denkbar gewesen. Es handelt sich um rund 11,5 Millionen Dokumente." Von Hand hätten die sich unmöglich auswerten lassen. Datenjournalismus baut darauf, dass der Computer einen großen Teil der Arbeit übernimmt. "Viele Leute, die sich mit Datenjournalismus beschäftigen, sind wie ich mit dem PC aufgewachsen, sie haben ihn schon immer als Werkzeug begriffen. Im klassischen Journalismus heißt es noch: Nimm das Telefon zur Hand! Das gilt auch hier weiterhin, reicht aber nicht mehr aus."

Es gilt, die steigende Flut der digitalen Daten nutzbar zu machen. "Tanjev Schultz war für das Thema sehr offen, er hat mir Raum gelassen. Es gab vorher ein Defizit in digitaler Recherche, das haben wir behoben. Viele Fortbildungen wurden mir ermöglicht, und wir holten für Workshops Spezialisten ins Haus: Vanessa Wormer oder Sascha Venohr haben den Studierenden und auch mir eine Menge beigebracht. Datenjournalismus braucht viel Handwerkszeug: Daten überhaupt zu scrapen, also sie zu befreien, zu gewinnen, aber dann auch zu säubern und auszuwerten – all das gehört zur Recherche und kommt noch weit vor der interaktiven Anwendung oder Visualisierung. Die Studierenden lernten, wie sie Daten einschätzen, auswählen und verifizieren, wie sie sie präsentieren können, um Zusammenhänge und Hintergründe klar zu machen."

"Ich übe mit den Studierenden die Praxis ein, beleuchte aber auch die Randgebiete außen herum. Ich zeige ihnen zum Beispiel, wie sie technisch Zugang zum Darknet bekommen. Da gibt es zu Beginn Ängste: Mache ich mich nicht strafbar? Wie im Umgang mit Datenbergen gilt auch hier für Nachwuchsjournalisten: Sich einarbeiten und nicht abschrecken lassen. Wir müssen in der Lage sein, überall nach Themen zu suchen, zu recherchieren, zu verifizieren. Nur so hat der Journalismus eine Chance, seiner wichtigen Aufgabe weiterhin und allumfassend nachzukommen."

Mit Datenjournalismus lässt sich Karriere machen. "Datenteams werden zurzeit überall gegründet." In den Zeitungen ist der Datenjournalismus längst angekommen, wie eine Studie von Castell und seinem Doktorvater Schultz aus dem Jahr 2017 zeigt. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender ziehen nach: "Der SWR hat 2017 ein sehr ehrgeiziges Projekt mit einigen sehr wichtigen Recherchen gestartet. NDR und WDR gründeten ein Team in Zusammenarbeit mit der Süddeutschen Zeitung, das Team BR Data des Bayerischen Rundfunks ist beinahe schon eine Institution – und der HR hat im Mai 2018 auch eins gegründet." Der Hessische Rundfunk holte von Castell vorab als Experten, der bei der Teamgründung beratend zur Seite stehen sollte, doch für die Beiträge zur Gewalt gegen Kinder brauchte es sofort einen Spezialisten. So kam von Castell ins HRinfo-Team und arbeitete mit an "Opfer ohne Stimme".

Umfassende journalistische Ausbildung

Dass ihm solche Themen und deren differenzierte Aufarbeitung liegen, hatte er bereits Jahre zuvor während seiner Zeit an der Universität Potsdam bemerkt: Seine Bachelorarbeit etwa beschäftigte sich mit der Menschenrechtsbildung in deutschen Schulbüchern. Und auch seine Masterarbeit im Journalismus-Studium in Mainz zeigte sein journalistisches Interesse an unteilbaren Rechten: Er hörte einen jungen Mann bei einer Abschlussfeier in der Schule seiner Schwester reden und war beeindruckt. "Ich wunderte mich nur, dass ich ihn gar nicht kannte." Die Schwester klärte auf: Dieser Junge war im Körper eines Mädchens zur Welt gekommen und aufgewachsen. "Manchmal fallen einem die Themen einfach so in den Schoss", meint von Castell. Für seine Masterarbeit begleitete er den jungen Mann und schrieb ein Feature zur Geschlechtsangleichung bei transsexuellen Jugendlichen: "Zwischen den Ohren". Wie bei "Opfer ohne Stimme" dort stand eine einzelne Person im Vordergrund, zugleich aber bereitete von Castell eine breite Palette an Hintergrunddaten auf, durchforstete die Netzwelt und erschloss neue statistische Zugänge zu einem bis dato kaum beachteten Thema.

Von Castell entschied sich sehr bewusst für Mainz: "Die JGU bietet mit dem Studiengang am Journalistischen Seminar als einzige Universität eine komplette journalistische Ausbildung, die wirklich umfassend ist, von Print über Radio bis zum Fernsehen, von der Recherche über das Schreiben, Aufnehmen und Filmen bis zur Moderation – Online immer mitgedacht. Nun haben wir auch den Datenjournalismus etabliert, der im Moment Karrieren ermöglicht, die in der Branche sonst kaum mehr denkbar sind. Und gerade sind wir dabei, den Studiengang neu zu akkreditieren, um all das zu verfestigen."

Mitglied der Gutenberg-Akademie

Selbstverständlich beschäftigt sich von Castell auch in seiner Dissertation mit seinem großen Thema: Er forscht zu "Qualität im Datenjournalismus – eine qualitative Inhaltsanalyse deutschsprachiger Datenjournalismusbeiträge im Internet". Dort fühlt er dem neuen Trend auf den Zahn. "Datenjournalismus verspricht, transparenter und wissenschaftlicher zu arbeiten und zugleich guten Journalismus zu bieten. Ich untersuche, ob dieses Versprechen eingelöst wird, und möchte eine Möglichkeit finden, das objektiv zu messen."

Das Projekt hat an der JGU überzeugt, von Castell wurde damit in die Gutenberg-Akademie aufgenommen, die herausragenden Doktorandinnen und Doktoranden vielfältige Unterstützung bietet, ein spezielles Mentoring arrangiert und den Kontakt über die Fächergrenzen fördert. "Voriges Jahr waren wir für ein paar Tage gemeinsam auf Studienfahrt in Sevilla. Es war sehr spannend, die Leute aus den verschiedensten Disziplinen kennen zu lernen, von ihren Themen zu hören und von ihrer unterschiedlichen Art zu arbeiten."

Das alles hält von Castell aber auf Dauer nicht in Mainz. "Seit Ende 2013 bin ich nun hier. Ich bereue nichts – aber irgendwann muss ich einfach weiterziehen. Am liebsten würde ich das Journalistische Seminar mit all seinen Mitarbeitern und Studierenden, seinen kleinen Macken und seinen großen Ansprüchen an guten Journalismus mit an meine nächste Station nehmen. Das geht natürlich nicht, aber für einen Lehrauftrag komme ich immer gern wieder", bekräftigt er.