Neues Netzwerk zur Religionsforschung

11. April 2019

Zwölf renommierte europäische Institutionen sind am EU-Projekt "Research Infrastructure on Religious Studies" (ReIReS) beteiligt. Es soll den Austausch religiösen Wissens sowie die Forschung dazu fördern und vernetzen. Ein Partner dieser Kooperation ist die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Hier wird der Talmud-Experte Leor Jacobi aus Israel als ReIReS-Stipendiat zum Jom-Kippur-Ritual der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Mainz recherchieren.
 

Vor zwei Jahren war er bereits an der JGU zu Gast. "Damals berichtete ich auf einer Tagung über die hebräische Buchbinde-Praxis im mittelalterlichen Katalonien", erzählt Leor Jacobi. Er erinnert sich noch gut an den Austausch mit Fachleuten aus Italien, Frankreich und Spanien. Nun ist er zurück in Mainz, um auf einem ganz anderen Gebiet zu forschen: Der Religionswissenschaftler aus Jerusalem möchte mehr über die Jom-Kippur-Gebräuche in Magenza, dem mittelalterlichen Mainz, erfahren.

"Bisher weiß man darüber noch nichts, es gibt keine Veröffentlichungen", sagt Jacobi. Jom Kippur, das Versöhnungsfest, ist der höchste jüdische Feiertag. Es wird streng gefastet, zudem finden umfangreiche Gottesdienste statt. "Die aschkenasischen, aus Deutschland stammenden liturgischen Schriften dazu ähneln sich im Kern zwar, doch einige Teile können sehr variieren. Auch ihre Reihenfolge kann sich verändern. Es kommt vor, dass Rabbis ganze Passagen neu komponieren. Ein Aspekt meiner Forschung wird darin bestehen, Vergleiche zwischen solchen Liturgien zu ziehen."

Zugang zu Bibliotheken und Archiven

Jacobi ist der erste Stipendiat, der im Zuge des EU-Projekts "Research Infrastructure on Religious Studies" (ReIReS) nach Mainz kommt. ReIReS ist ein recht junges Projekt: Es startete im Februar 2018 und wird über drei Jahre hinweg aus dem Rahmenprogramm für Forschung und Innovation der EU Horizon 2020 finanziert. Zwölf europäische Institutionen sind beteiligt, darunter die Stiftung für Religionswissenschaften Giovanni XXIII. in Italien, die polnische Universität Warschau oder die Katholische Universität im belgischen Leuven. Auch die JGU ist mit von der Partie: Prof. Dr. Claus Arnold von der Katholisch-Theologischen Fakultät betreut das Mainzer Teilprojekt, unterstützt von Alexandra Nusser, die alle Aktivitäten vor Ort koordiniert.

Über ReIReS soll eine innovative Infrastruktur für Religionsforschung entstehen, ein neues Netzwerk, das den internationalen Austausch fördert. Unter anderem bekommen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler über zweiwöchige Stipendien Zugang zu bedeutenden europäischen Bibliotheken und Archiven. In Mainz sind die Martinus-Bibliothek des Bistums, die Wissenschaftliche Stadtbibliothek, das Institut für Mainzer Kirchengeschichte sowie an der JGU das Gesangbucharchiv und die Bereichsbibliothek Theologie mit der Jüdischen Bibliothek Teil des EU-Projekts.

Mit der Jüdischen Bibliothek konnte Jacobi sich gleich nach seiner Ankunft vertraut machen. Prof. Dr. Andreas Lehnardt von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der JGU ist dort sein Gastgeber. "Es gibt nur wenige jüdische Gemeindebibliotheken in Deutschland wie diese hier, die den Zweiten Weltkrieg überstanden haben", erzählt der Professor für Judaistik. Rund 5.000 Bände umfasst die Sammlung, die weiter im Besitz der Jüdischen Gemeinde Mainz ist, aber der JGU zu treuen Händen übergeben wurde.

Von Jerusalem über Kairo nach Mainz

"Wir entdecken ständig Neues", sagt Lehnardt. Dem Gast aus Israel präsentiert er einen Brief aus dem 18. Jahrhundert, der vor kurzem erst zusammengefaltet in einem Buch gefunden wurde. "In dem Schriftstück geht es um die jüdische Bestattungsgesellschaft für Frauen: wer dort Mitglied werden darf, wer was bezahlen muss." An Jacobi gewandt, meint er: "Ich hoffe, Du kannst mir helfen, den ein oder anderen Fund zu identifizieren."

In der jüdischen Bibliothek findet auch die offizielle Begrüßung des Stipendiaten von der israelischen Bar-Ilan-Universität statt. Sie fällt herzlich aus: Prof. Dr. Stephan Jolie, JGU-Vizepräsident für Studium und Lehre, findet schnell Anknüpfungspunkte mit dem Gast. Von Haus aus Germanist, hat er viel zur Literatur des Mittelalters gearbeitet und kann Jacobi die Wissenschaftliche Stadtbibliothek besonders empfehlen: "Sie verfügt über einen reichen Bestand an mittelalterlichen Handschriften, es ist immerhin eine der zehn größten Sammlungen in Deutschland."

Jacobi stehen all diese Quellen nun für seine Forschung zur Verfügung. Er weiß: Mainz hat eine lange jüdische Tradition, große Gelehrte wirkten hier als Rabbiner. Zusammen mit Speyer und Worms bildete Magenza im Mittelalter den Verbund der Schum-Städte. In diesen Zentren blühten jüdische Kultur und Religion auf. Aus dieser Zeit stammt eine Version, die sich unter den Handschriften aus der Kairoer Geniza erhalten hat: "Es ist ein Manuskript mit liturgischen Gedichten, die auch im Mainzer Ritus Verwendung fanden. Diese Texte sind heute nur noch dort zu finden." Sie brachten Jacobi auf die Idee, nach Mainz zu kommen.

Schlüsselrolle der Religionen

Dies ist erst der Anfang, in Zukunft sollen regelmäßig ReIReS-Stipendiatinnen und -Stipendiaten die Stadt mit ihren bedeutenden Bibliotheken und Archiven besuchen. "Im Moment sichten wir die Bewerbungen für die zweite Ausschreibungsrunde", erzählt JGU-Projektkoordinatorin Nusser. Darüber hinaus gab es bereits ein spezielles Trainingsprogramm: "14 junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Europa waren zu Gast, um unsere Bibliotheken kennen zu lernen." Außerdem wird ein digitales Netzwerk aufgebaut, das die umfangreichen Daten aller zwölf ReIReS-Kooperationspartner zusammenführt und multilingual zugänglich macht.

Im Fokus des EU-Projekts stehen dabei nicht nur die christlichen Konfessionen und das Judentum. "Uns interessieren auch die großen Sammlungen zum Islam", meint Arnold. Alle drei Religionen spielen in der europäischen Geschichte eine entscheidende Rolle. "ReIReS soll ihre historischen und kulturellen Einflüsse auf Europa ausloten und zum Verständnis der heutigen multireligiösen Gesellschaft beitragen", sagt der Theologe.