Vom mörderischen Messerstich zum wissenschaftlichen Experiment

25. April 2019

2017 kam Stefan Axmann ans Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Mainz, um eine Abteilung für Forensische Physik aufzubauen. Diese Neuerung fand viel Beachtung, auch die Medien berichteten mehrfach über die bundesweit einmalige Einrichtung. Der Physiker selbst erzählt mit Begeisterung von seiner Arbeit und von seinem Weg nach Mainz.
 

Stefan Axmann sitzt am Besprechungstisch seines geräumigen Büros, vor sich eine gediegene lederne Schreibmappe, daneben eine Tasse Kaffee und dazu ein Foto mit vier sehr verschieden geformten Messern, potenzielle Tatwaffen. Hinter ihm im Regal fällt sofort ein Buch ins Auge: "Die großen Physiker und ihre Entdeckungen" des Nobelpreisträgers Emilio Segrè. Nur ein paar Zentimeter weiter ruht ein menschlicher Schädel zwischen allerlei forensischer Fachliteratur.

"Als ich hier anfing, gab es im Grunde nur einen Klapphocker und einen kleinen Tisch", erinnert sich der 36-Jährige. "Inzwischen sieht es aus wie ein richtiges Büro." Am 1. Mai 2017 trat Axmann seine Stelle am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) an. Er war gekommen, um eine Abteilung für Forensische Physik aufzubauen, eine Einrichtung, die in dieser Form bundesweit einmalig ist. "Ich arbeite viel", sagt er. "Ich bin schließlich für alles zuständig, auch für das Administrative. Aber dafür habe ich die Chance, alles recht frei und nach meinen Vorstellungen zu gestalten. Selbst die Apparaturen nebenan im Labor konzipiere ich selbst. Es sind alles Prototypen."

Ein Extra für die Rechtsmedizin

Axmann führt seine Abteilung als Einmannbetrieb, aber allein fühlt er sich keinesfalls. "Ich bin gut in die Rechtsmedizin eingebunden. Durch mich wird nichts ersetzt, was es schon gab, sondern es gibt nun etwas extra. Wir arbeiten hier Hand in Hand, der fächerübergreifende Aspekt spielt eine große Rolle. Was ich von den Kolleginnen und Kollegen erfahre, ist sehr wertvoll. Unsere Arbeit lebt vom Austausch. Wir bereichern uns gegenseitig. Das betrifft nicht nur das jeweilige Fachwissen, sondern auch die unterschiedlichen Herangehensweisen, die Methoden."

Regelmäßig begleitet er die Obduktionen im Haus. An die Arbeit mit Leichnamen musste er sich als Physiker zwar erst gewöhnen, doch er meint: "Was ich dort in Augenschein nehmen kann, ist mehr wert als tausend Fotos."

Dienstleistung, Lehre und Forschung: All das muss Axmann unter einen Hut bringen. Er schätzt diese Vielseitigkeit. Die Dienstleistung, die Erstellung von Gutachten zu Fällen verschiedenster Art, ist wohl die augenfälligste seiner Tätigkeiten. "Im Moment bekomme ich ausschließlich Anfragen aus der Region. Meine Arbeit wird allerdings nach und nach bekannter. Es zeichnet sich ein weiter reichendes Interesse ab. Doch ich muss natürlich schauen, was sich bewältigen lässt." Auch die Medien interessierten sich bereits mehrfach für Axmann, Fernsehsender und Zeitungen brachten Beiträge. "Das freut mich, denn ich erkläre gern, was ich tue."

Axmann führt in sein Labor. Über aktuelle Ermittlungen darf er nicht reden, aber er kann ein wenig von einem typischen Fall aus der Vergangenheit erzählen: Jemand ist durch einen Messerstich zu Tode gekommen. Der mutmaßliche Täter behauptet, das Opfer sei ihm in die Waffe gelaufen. Der Physiker soll nun klären, ob das möglich ist, oder ob doch zugestochen wurde. "Wenn man mit einem Messer zusticht, ist der eigene Körper involviert, Arm und Schulter bringen kinetische Energie ein." Das lässt sich im Experiment messen.

Messerstechereien im Labor

Allerdings müssen solche Experimente reproduzierbar sein, für sie muss der Vorgang so aufbereitet werden, dass eine objektive Messung möglich wird. "Jeder Körper ist anders, und auch wenn ich einen Hergang zum Beispiel mit einer Schweinehälfte nachstellen würde, müsste ich deren individuelle Eigenschaften beachten." Aus diesem Grund arbeitet Axmann vorzugsweise mit sogenannten validierten Simulanzien: Dabei handelt es sich um synthetische Materialien, die weitestgehend dieselben Eigenschaften aufweisen wie menschliches Gewebe.

"Es gibt zum Beispiel Kunstknochen aus Polyurethan oder ballistische Seife, die im Mittel die Dichte von menschlichem Gewebe hat." Er deutet auf einen Block. "Er ist mit Chamoisleder überzogen, das ist nichts anderes als Fensterleder. Befeuchtet oder mit Wachs getränkt, ist es der menschlichen Haut sehr ähnlich." In solch einen Block könnte beim Experiment das Messer immer wieder eindringen – oder besser: ein auf die für den Tathergang wesentlichen Komponenten reduziertes Replikat des Mordwerkzeugs. Allerdings wird es dabei nicht von einem Menschen geführt, auch dann würden wieder individuelle Faktoren hineinspielen. Axmann nutzt einen Fallturm, den er selbst entworfen hat. Hier spannt er das Replikat ein. Es saust aus einer vorher errechneten Höhe herab. "Nur so bekomme ich ein wissenschaftlich exaktes und aussagekräftiges Ergebnis."

Zurück im Büro bleibt der Physiker noch einen Moment beim Thema Messer: Jenes Foto mit den vier verschiedenen Exemplaren kommt nun zum Tragen. "Mich würde interessieren, wie sich die unterschiedlichen geometrischen Eigenschaften einer Messerklinge auf das Eindringverhalten auswirken. Jedes dieser Messer ist für eine andere Funktion konzipiert, es wird also auch jeweils anders schneiden." Dies wäre ein ergiebiges Thema für ein Forschungsprojekt. "Im Moment fehlt mir dafür aber leider die Zeit", meint er. Ein leises Bedauern schwingt mit.

Auf solche und ähnliche forensische Fragestellungen stieß der Physiker vor einigen Jahren durch einen Zufall: Während er technische und angewandte Physik an der Hochschule Bremen studierte, schaute er sich intensiv nach einem Praktikumsplatz im Ausland um. "Für den Herbst 2008 bekam ich eine einzige Zusage", erzählt er lächelnd. An der Universität Bern baute Dr. Beat P. Kneubuehl zu dieser Zeit ein Zentrum für Forensische Physik/Ballistik auf und war auf der Suche nach einem Praktikanten.

Beim großen Ballistiker in Bern

"In den folgenden fünf Monaten hatte ich die Ehre, die Entstehung des Zentrums mitzuerleben und meinen Teil beizutragen." Es entstand zudem eine Bachelorarbeit über stumpfe Gewalteinwirkungen auf Strukturen des menschlichen Körpers. "Kneubuehl bot mir an, in Bern zu bleiben, aber ich wollte zuerst noch mehr über die theoretische Seite der Physik erfahren." Axmann absolvierte einen entsprechenden Master-Studiengang an der Universität Bremen, bevor er nach Bern zurückkehrte. Diesmal ging es in seiner Abschlussarbeit um Knalltraumata, um die Lärmbelastung bei Schussabgabe im Bereich des menschlichen Ohrs.

Axmann sagt es nicht ausdrücklich, aber Kneubuehl, die international nachgefragte Kapazität auf dem Gebiet der Ballistik, war für einige Jahre sein großer Mentor. Von ihm spricht er mit Bewunderung. Seine Bücher, anerkannte Standardwerke, stehen neben dem menschlichen Schädel im Regal.

Prof. Dr. Tanja Germerott, die Leiterin des Instituts für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Mainz, kam auf Axmann zu. "Sie hat selbst zeitweise in Bern gearbeitet und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, in Mainz eine Abteilung für Forensische Physik aufzubauen."

Nun also sitzt er in seinem noch recht frisch hergerichteten Büro. Allerdings hält es ihn nicht dauerhaft ruhig auf dem Stuhl: Axmann steht immer wieder auf, um sehr lebendig von der Arbeit, der Medizin und der Physik oder von seinen Ideen zur Forschung zu erzählen. Zwei Stunden nimmt er sich Zeit, obwohl sein Terminplan gut gefüllt ist. Darauf angesprochen, meint er: "Zur Arbeit finde ich schnell zurück, solche Gespräche sind mir wichtig."