Künstliche Intelligenz als Lektor, Vorleser – und Autor?

28. Mai 2019

Anfang des Jahres organisierte Prof. Dr. Christoph Bläsi am Institut für Weltliteratur und schriftorientierte Medien der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) das 14. Mainzer Kolloquium zum Thema "Künstliche Intelligenz in der Buchwelt – Maschinen als Lektoren, Maschinen als Vorleser?". Im Gespräch skizziert der Buchwissenschaftler, was auf diesem Gebiet bereits möglich ist und wohin es in Zukunft gehen könnte.
 

Werden eines Tages Computer entscheiden, was lesenswert ist und was nicht? "Verlage bekommen viel mehr unverlangte Manuskripte zugeschickt, als sie angemessen bearbeiten können", sagt Prof. Dr. Christoph Bläsi. "Oft engagieren sie deshalb zum Beispiel Studierende, um eine grobe Vorauswahl zu treffen. An dieser Stelle könnte Künstliche Intelligenz durchaus sinnvoll zum Einsatz kommen. Sie könnte bei einer ersten Sortierung helfen."

Das Start-up-Unternehmen QualiFiction bietet bereits eine Software an, die sogar entschieden mehr leisten soll: "Die Macher behaupten, ein System zu haben, das Bestseller-Potenzial in Prozent ausdrückt. Faktoren wie Satzlänge, Thema oder Spannungsverlauf werden dabei herangezogen." Um das System dazu zu befähigen, wurde – für eine Art Training – eine Unmenge an Büchern im Hinblick auf die genannten Eigenschaften sowie natürlich auf ihre Performance in den Bestsellerlisten ausgewertet und eingespeist. Dabei kamen Methoden des so genannten Maschinellen Lernens zum Einsatz. Frank Schätzings Erfolgsroman "Der Schwarm" wurde bei einem Probelauf beispielsweise knapp 90 Prozent Bestseller-Potenzial bescheinigt.

Künstliche Intelligenz mag Mainstream

Anfang 2019 lud der Arbeitsbereich Buchwissenschaft des Instituts für Weltliteratur und schriftorientierte Medien der JGU zu seinem 14. Mainzer Kolloquium ein. Es ging um "Künstliche Intelligenz in der Buchwelt – Maschinen als Lektoren, Maschinen als Vorleser?" Bläsi hatte die Tagung organisiert, Fachleute verschiedenster Disziplinen waren zu Gast. Neben Vertreterinnen und Vertretern der Verlagsbranche und dort tätigen Dienstleistern kam zum Beispiel Prof. Dr. Stefan Kramer vom Institut für Informatik der JGU zu Wort. Er klärte Grundlegendes zu Begriffen wie Künstliche Intelligenz (KI) oder dem in letzter Zeit so häufig aufgerufenen Deep Learning. Holger Volland, Vizepräsident der Frankfurter Buchmesse, spannte anschließend den Bogen von einer möglichen Automatisierung der Verlagstätigkeit – dem Hauptgegenstand des Kolloquiums – zur Kreation von Inhalten durch Künstliche Intelligenzen.

Bläsi selbst beschäftigt sich bereits seit einiger Zeit intensiv mit dem Themenkomplex KI und Buch. In jungen Jahren durchlief er eine Ausbildung zum Programmierer und Systemanalytiker. Dann studierte er Mathematik, Germanistik und Sprachwissenschaft, bevor er an den Universitäten Heidelberg und Bielefeld im Bereich Computerlinguistik forschte. Bläsi war danach zunächst bei großen Verlagen wie C.H. Beck oder F.A. Brockhaus in leitender Position für digitale Produkte zuständig. 2004 folgte er dem Ruf auf eine Professur für Buchwissenschaft an die Universität Erlangen-Nürnberg, 2009 kam er ans damalige Institut für Buchwissenschaft nach Mainz. "In meiner buchwissenschaftlichen Tätigkeit haben meine Kenntnisse im Bereich von Informatik und Computerlinguistik, heute ein zentraler Teil der Künstlichen Intelligenz, größtenteils brach gelegen", bedauert er. "Nun kommen beide Stränge auf glückliche Weise zusammen."

Zwei dem Kolloquium zugrundeliegende Fragen waren: Wie kann Künstliche Intelligenz dabei helfen, die Tagesarbeit in Verlagen effizienter zu gestalten? Kann sie eingesetzt werden, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Freiräume für Arbeiten zu schaffen, die nicht an Maschinen delegierbar sind? Der bereits beschriebene Nutzen einer ersten, KI-unterstützten Stufe im Lektorat scheint zunächst offensichtlich. Doch genau an diesem Punkt lassen sich auch problematische Aspekte aufzeigen: "Künstliche Intelligenz neigt zum Mainstream", bemerkt Bläsi. Sie analysiere, was in der Vergangenheit erfolgreich war. "Dabei kommt wirklich Neues, zum Beispiel Avantgardistisches, systematisch unter die Räder."

Neue Produkte und neue Aufgaben für Verlage

Nicht nur das: "Beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz, vor allem bei Ansätzen des maschinellen Lernens, ist es wahrscheinlich, dass bestehende – und damit vielleicht unerkannt in den Trainingsdaten eingeschriebene – Vorurteile fortgeschrieben werden." Das System kann dann nur mit den Wertekategorien arbeiten, die ihm beigebracht wurden. Ungewöhnlicheres, Sperriges oder ausgefallene Ideen könne damit keine Stärke von KI werden. Würde KI den gesamten Lektoratsprozess dominieren, kämen womöglich nur noch Klone nach bewährten Erfolgsmustern auf den Markt.

Entschieden unproblematischer wäre es, KI etwa einfache Korrekturprozesse zu überlassen. Auch das würde Verlagsangestellte entlasten. "Den gewonnenen Freiraum könnten sie nutzen, um dem Widerständigen eine Chance zu geben."

Künstliche Intelligenz kann aber nicht nur Arbeit abnehmen und Prozesse optimieren, mit ihr lassen sich auch Produkte verbessern und sogar neue Verlagsprodukte und -dienstleistungen schaffen. Bläsi gibt ein Beispiel: "Sachbücher und andere Verlags-Wissensbestände kann man mit einer intelligenten natürlichsprachigen Schnittstelle ausstatten." Leserinnen und Leser bekämen so die Möglichkeit, ihre Anfragen als Fragen zu formulieren und mit dem System in einen Dialog zu treten. Sie könnten damit noch schneller ihren Wissensbedarf befriedigen. "Man könnte ihnen für ihren Fragekontext Relevantes zur Verfügung stellen, auf das sie mit der Suche nach einem Stichwort mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gekommen wären."

Der Buchwissenschaftler sieht sogar eine Chance, dass Verlage in Zeiten von KI neue Aufgabengebiete für sich entdecken. "Sie könnten es als eine zentrale Aufgabe sehen, ihren Kundinnen und Kunden zu helfen, sich in der Flut der vor allem digitalen Daten zurecht zu finden. Die möglichst interessengerechte Auswahl, Aufbereitung und Präsentation von Informationen spielt in Zeiten des Internets eine riesige Rolle." Bläsi stellt sich Verlage vor, die über KI-Anwendungen in großem Stil gewissermaßen zu Kuratoren werden. Kuratoren, die potenziell unendlich belastbar sind und mit individuellen Angeboten aufwarten können. "Allerdings werden gerade kleine und mittlere Häuser bei solchen und ähnlichen KI-Vorhaben auf die bestehenden KI-Backend-Angebote von Konzernen wie vor allem Microsoft oder Google zurückgreifen müssen. Damit machen sie sich unweigerlich abhängig und geben wertvolle Daten aus der Hand, ohne Transparenz und Kontrolle darüber zu haben, was ihre Partner mit den Daten sonst noch machen."

Maschinen verfassen Texte – und was ist mit Kunstwerken?

Die Maschine als Lektoratshelfer ist denkbar, die Maschine als Vorleser und als – wenn auch noch sehr rudimentärer – Dialogpartner gibt es längst. Sprachassistenten gehören ja mittlerweile fast zum Standard, besonders im mobilen Bereich. "Es wäre in Zukunft denkbar, dass ich ein System bitte: Sag mir in einem Satz, was in diesem Buch steht. Oder: Erkläre es mir in 15 Minuten oder in einer halben Stunde – je nachdem, wie viel Zeit ich investieren möchte. Das wäre doch in vielen Fällen eine Erleichterung, oder? Um das gut zu machen, wäre es natürlich nötig, dass sich die KI auf den Fragenden einstellt, dass sie sich vor allem ein Bild davon macht, was er bereits weiß, zum Beispiel, indem sie Zugriff darauf hat, was er in jüngerer Zeit gelesen hat. Daraus würde sich ergeben, was sie ihm noch erzählen muss. Gut, ein bisschen gruselig ist das natürlich schon auch ..."

Künstliche Intelligenz kann schon jetzt – mit Einschränkungen und unter bestimmten Bedingungen – selbst Texte verfassen. "Im Bereich von Börsen- oder Wetterberichten etwa wird das bereits praktiziert: Die KI wandelt tabellarisch vorliegende Daten in einfache Texte um, die mit einer synthetischen Stimme ausgegeben werden können."

Wie Holger Volland auf dem 14. Mainzer Kolloquium vorgeführt hat, geht der Ehrgeiz der KI-Forschenden über die genannten, mehr oder weniger instrumentellen Anwendungen aber hinaus: KI soll Kreatives hervorbringen. So wurde ein Computer mit Daten zu Hunderten von Rembrandt-Gemälden gefüttert, um dann über einen speziellen Drucker ein eigenes, neues Werk im Stil von Rembrandt hervorzubringen. "Ähnliches wäre im Buchbereich vielleicht am ehesten im Genre Fiction denkbar, wo es relativ klare Regeln gibt, zum Beispiel im Bereich des Krimis oder der Fantasy." Hier wäre es dann möglicherweise auch kein gar so großes Problem, wenn das Sperrige, das Ungewöhnliche außen vor bliebe. "Mit einem von KI verfassten zweiten 'Ulysses' müssen wir auf absehbare Zeit aber auf jeden Fall nicht rechnen. Selbst wenn wir bei solch literaturwissenschaftlichen Fragen an den Rand dessen kommen, was wir als Buchwissenschaftlerinnen und Buchwissenschaftler Belastbares beitragen können: Als Intellektuelle und als Staatsbürger sind wir auch hier zu kritischer Begleitung aufgefordert."

Bläsi ist überzeugt: "Künstliche Intelligenz ist ein Thema, an dem wir als Buchwissenschaft dranbleiben müssen. Eine unkritisch-nerdige Begeisterung ist uns zum Glück verstellt, dafür sind wir zu sehr Geisteswissenschaftler. Es bringt aber auch nichts, Einsatzmöglichkeiten im Bereich der Buchkultur pauschal abzulehnen oder zu verteufeln. Wir müssen uns ausführlich damit auseinandersetzen, um Möglichkeiten und Gefahren abschätzen zu können." Genau das will der Buchwissenschaftler tun. "Wir sind gerade dabei, möglichst alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich an unserer Universität auf die ein oder andere Weise mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen, zunächst einmal wenigstens informell zusammenbringen. Einen Termin gibt es schon. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt."