Studierendeninitiative unterstützt Flüchtlinge

3. Juni 2019

2014 gründeten Studierende des Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) der JGU in Germersheim die Initiative Cross Borders. Mit Sprachkursen und verschiedensten Freizeitangeboten wollten sie Flüchtlingen helfen, sich in Deutschland zurechtzufinden. In den folgenden Jahren gab es einige Veränderungen, doch ein Kerngedanke blieb: Cross Borders versteht sich als Studierendeninitiative für Geflüchtete und mit Geflüchteten.
 

Als Amrei Bahr 2016 für ihr Masterstudium Konferenzdolmetschen an den Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) in Germersheim kam, traf sie auf die Studierendeninitiative Cross Borders. "Hier konnte ich ganz direkt etwas für Flüchtlinge vor Ort tun. Das sprach mich sofort an."

"Ich stamme aus einem Dorf im Allgäu", erzählt Nadine Müller. "Ich wollte schon früh raus und die Welt sehen. Während der Schulzeit war ich länger im Ausland, während meines Bachelorstudiums ebenfalls. Ich finde es spannend, verschiedene Perspektiven kennenzulernen und mit Leuten zu reden, die eine andere Sicht haben."

Café One World

Im Wintersemester 2017 kam Müller von Bonn nach Germersheim, um einen Masterstudiengang Translation zu beginnen. Mit Flüchtlingen zu arbeiten interessierte sie, bei Cross Borders bekam sie reichlich Gelegenheit dazu. "Ich gab gleich zu Beginn Sprachkurse", erinnert sie sich. "Das war ein Sprung ins kalte Wasser, aber es hat sich gelohnt."

Die beiden Studierenden sitzen im Haus Interkultur, einem Gebäude, das einst Teil der alten Germersheimer Festungsanlagen war. Hier rief Cross Borders 2014 das Café One World ins Leben. Es wurde in den folgenden Jahren zu einer wichtigen Säule der Arbeit mit Geflüchteten in der Region. "Hier treffen wir uns jeden Sonntagnachmittag", erzählt Bahr. "Der Verein Interkultur unterstützt uns dabei. So können wir das Café auch in der vorlesungsfreien Zeit regelmäßig öffnen." Um die 30 Menschen finden sich hier zum Austausch ein. Sie stammen aus Syrien oder Eritrea, aus Afghanistan oder aus einem kleinen Dorf in Bayern.

2015 suchten Hunderttausende Schutz in Deutschland. Damals gab es wenig passende Hilfsangebote für sie: Sprachkurse waren rar gesät, und wer frisch als Asylsuchender ankam, hatte erst mal gar keinen Anspruch darauf. Hier sprang Cross Borders in die Bresche. "Zeitweise haben wir von Montag bis Donnerstag jeweils täglich bis zu drei Kurse veranstaltet", erzählt Bahr. Die Studierenden waren nicht unbedingt darauf vorbereitet, also improvisierten sie: "Wir sprechen viele unterschiedliche Sprachen, und wir haben eine Ahnung, wie man Sprachen lernt. Unsere Kurse waren lange eines der wenigen Angebote dieser Art weit und breit. Sie wurden sehr gut angenommen."

"Wir achten darauf, dass wir jeweils zu zweit unterrichten", sagt Müller. "So finden Studierende, die neu sind, besser hinein, und wir können die Stunden individueller gestalten." Es gibt Alphabetisierungs- und Anfängerkurse, aber auch Veranstaltungen für Fortgeschrittene. "Wir versuchen immer auf aktuelle Bedürfnisse einzugehen. Gerade in den Fortgeschrittenenkursen gibt es oft Nachfragen zu bestimmten Themen oder grammatikalischen Details. Danach richten wir uns."

Vom Sprachkurs zum Buddy-Projekt

Über die Jahre wuchsen Kontakte zu verschiedensten Institutionen, etwa zur Flüchtlingshilfe in der Stadtverwaltung oder zur Caritas. Die Sprachkurse bestehen bis heute fort: Acht Veranstaltungen pro Woche stemmen die Studierenden. "Aber wir merken, dass die Nachfrage allmählich zurückgeht", meint Müller. "Es gibt inzwischen mehr Angebote dieser Art, und es kommen weniger Flüchtlinge nach Deutschland." Zwar hat sich Cross Borders eine Art Stammklientel erarbeitet. "Aber auch diese Leute haben inzwischen andere Bedürfnisse. Sie sind vielleicht in der Ausbildung oder suchen gerade eine Wohnung. Im Moment überlegen wir, unser Angebot zu modifizieren. Wir denken an eine Art Buddy-Projekt, wo wir Geflüchtete begleiten, oder an Sprechstunden zu speziellen Fragen."

Das Café One World ist als Freizeitangebot und Anlaufstelle bis heute ein Erfolg. "Auch hier haben wir viele Geflüchtete, die regelmäßig kommen", erzählt Bahr. Immer wieder bietet Cross Borders auch Veranstaltungen außer der Reihe. "Wir organisieren zum Beispiel Weihnachtsfeiern und Ausflüge", sagt Bahr. "Besonders gut kommen unsere Film-Tage an, aber auch ganz einfache Spieleabende sind der Renner." Auch bei den Festen am FTSK sind die Flüchtlinge gern gesehene Gäste.

Geflüchtete brauchen Raum

Bereits ein halbes Jahr, nachdem Bahr zu Cross Borders gestoßen war, übernahm sie gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Mona Gerlach die Organisation und Koordination all dieser vielfältigen Aktivitäten. Mittlerweile allerdings haben beide ihr Studium abgeschlossen und werden Germersheim verlassen. Müller soll nun diese Aufgaben übernehmen.

"Allgemein ist die Fluktuation für die Initiative immer eine große Herausforderung gewesen", sagt Bahr. Zwar seien einige Studierende über Jahre konstant dabei, doch anderen werde gerade in schwierigen Prüfungsphasen der Aufwand zu hoch, dann fielen sie recht kurzfristig aus. "Wir freuen uns immer über Leute, die uns unterstützen", bemerkt Müller. Im Moment sind 12 bis 15 Studierende engagiert dabei. Mit Blick auf die vielen Aktivitäten von Cross Borders sind das nicht allzu viele.

"Dabei ist unsere Arbeit sehr bereichernd", betont Bahr. "Nirgends sonst habe ich so viel Dankbarkeit erfahren. Außerdem finde ich es wichtig, dass man nicht nur für sich selbst lebt." Müller meint: "Die Flüchtlinge bringen ein bisschen die Welt nach Germersheim. Wir lernen gemeinsam, mit kulturellen Unterschieden umzugehen und unterschiedliche Auffassungen gelten zu lassen."

Seit fünf Jahren hilft Cross Borders Menschen, in Deutschland anzukommen und sich zurechtzufinden. "Wir müssen den Menschen Raum geben", sagt Müller. "Wie sonst sollen sie sich einfügen?"