Sehnsucht Leben

24. Juni 2019

Studierende treffen auf straffällig gewordene Jugendliche, und gemeinsam erfüllen sie alten Menschen ihre Sehnsüchte: Mit dieser Idee ging das Projekt "Sehnsucht Leben" im Sommer 2018 an den Start. Es ist Teil der Initiative "Ehrensache! Wir.Können.Helfen." des Zentrums für interdisziplinäre Forensik (ZiF) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).
 

Eine alte Dame möchte wieder mal ein Erdbeereis essen. "Aber nicht so eins, wie wir es hier im Altenheim bekommen", betont sie. "Ich möchte ein richtiges in der Eisdiele essen." Andere sehnen sich nach einem Spaziergang in der Neustadt, sie wollen den Mainzer Dom besuchen, ein Fußballspiel live erleben oder noch einmal das Haus ihrer Familie sehen. "Ein Herr wünschte sich einen Whiskey-Abend", erinnert sich Dr. Christoph Schallert vom Zentrum für interdisziplinäre Forensik (ZiF) der JGU. "Auch das konnten wir organisieren."

19 junge Menschen sind im städtischen Mainzer Altenheim zusammengekommen, um Seniorinnen und Senioren solche und andere Sehnsüchte zu erfüllen. Einmal im Monat findet dieses Treffen statt. Einige sind das erste Mal dabei. Ob sie alle bleiben werden, ist ungewiss. "Am Ende dieses Abends könnt ihr euch frei entscheiden, ob ihr mitmachen wollt", betont Schallert. "Wenn ihr merkt, dass dies hier nichts für euch ist: kein Problem. Sucht euch ein anderes Projekt, das euch mehr liegt. Aber wenn ihr dabeibleibt, müssen wir uns auf euch verlassen können. Denn die Wünsche, um die es geht, werden nur Wirklichkeit, wenn wir sie erfüllen. Den alten Menschen ist es allein nicht mehr möglich, und dem Personal hier fehlt einfach die Zeit dafür."

Studierende treffen Straffällige

In der Runde sitzen Studierende der JGU Seite an Seite mit Jugendlichen, die – meist auf richterliche Anordnung – gemeinnützige Arbeit leisten müssen. Sie werden in Gruppen zusammenarbeiten. Wer welchen Hintergrund hat, spielt dabei keine Rolle. Schallert ist ohnehin überzeugt: "Wer sich umschaut, wird kaum erkennen können, wer von der Uni kommt und wer wegen seiner Sozialstunden hier ist."

Das Projekt "Sehnsucht Leben" ist der neueste Teil der Initiative "Ehrensache! Wir.Können.Helfen.", in der das ZiF seit Sommer 2018 eine Reihe von Angeboten bündelt, die alle ein Ziel verfolgen: "Wir ermöglichen Studierenden verschiedener Fächer, vor allem mit dem Schwerpunkt- oder Beifachstudium Strafrechtspflege, mit straffällig gewordenen Menschen zusammenzukommen", erklärt Schallert. "Wer etwa Rechtswissenschaft studiert, hat so eine Begegnung in der Regel erst im Referendariat. Das ist zu spät. Wir wollen, dass die Studierenden die Straffälligen als Mitmenschen kennenlernen und nicht voreingenommen als Verbrecherinnen oder Verbrecher. Beide Seiten gehen bei uns respektvoll und zugewandt miteinander um. Ich bin überzeugt, dass diese Kontakte großen Einfluss auf das Verhalten im späteren Berufsleben haben."

Die "Knastgruppe" von "Ehrensache!" trifft sich alle zwei Wochen zu Gesprächsrunden mit Untersuchungsgefangenen in der JVA Rohrbach. Zwei weitere Projekte bieten "Erste Rechtshilfe" in der Mainzer Jugend- und Drogenberatung und geben Einblick in aktuelle Strafrechtsfälle. Noch recht neu ist das Waldprojekt: In der Pfalz campen Gefangene und Studierende in der Natur – ohne Handynetz, Strom und warmes Wasser, dafür bei anspruchsvoller Arbeit. "Das war ein außergewöhnliches Erlebnis", meint Jen Weimann. "Nach einem Tag waren alle Unterschiede vergessen."

Sehnsucht nach der Schaukel

Weimann half als Studentin, "Ehrensache!" aufzubauen und voranzubringen. Mittlerweile steckt die Juristin mitten im Referendariat. Das aber hindert sie nicht daran, die Initiative weiter tatkräftig zu unterstützen. Unter anderem gehört sie zum Organisationsteam von "Sehnsucht Leben": Auch hier verschwimmen die Grenzen zwischen Straffälligen und Studierenden schnell. Schließlich richtet sich ihr Blick vor allem auf die Seniorinnen und Senioren: Deren Wünsche sollen erfüllt werden.

Silke Bretschneider-Müller, Pfarrerin und Alten-Seelsorgerin, bereitet vor allem die Neulinge in der Runde darauf vor, was sie erwartet: "Wir haben circa 230 Bewohnerinnen und Bewohner hier im Haus. Sie sind zwischen 48 und 100 Jahre alt. Allein das ist eine große Bandbreite. Die wenigsten sind freiwillig hier. Sie wurden durch irgendwelche Umstände gezwungen, zum Beispiel, weil sie sich nicht mehr selbst versorgen können oder wollen." Sie führt in die Rahmenbedingungen des Altenheims ein und erklärt, womit zu rechnen ist, dass vieles vom Gesundheitszustand der Bewohnerinnen und Bewohner abhängt. "Es kann sein, dass ihr eine tolle Idee habt, alles ist vorbereitet, alles ist geklärt. Aber dann platzt der Termin, weil jemand einfach nicht das Bett verlassen kann."

Der Pfarrerin kommt eine zentrale Rolle im Projekt zu: "Ich gehe in unserem Wohnbereich herum und sammle die Wünsche und Sehnsüchte. Oft sind es ganz kleine Dinge. Eine Seniorin wollte beispielsweise unbedingt noch einmal schaukeln. Natürlich ergeben sich dabei Herausforderungen und Probleme, an die man erst mal nicht denkt. Wo kann ein erwachsener Mensch überhaupt schaukeln? Ist eine normale Spielplatz-Schaukel darauf ausgelegt?" Die Schaukel wirkte nach: Heute schmückt sie das Logo von "Sehnsucht Leben".

Sportfest, Club, Erzähl-Café

Nun pinnt Bretschneider-Müller ein Dutzend Blätter mit aktuellen Wünschen an die Wand. "Sucht euch aus, worauf ihr Lust habt", meint Schallert dazu. Tatsächlich finden sich viele Kleinigkeiten: "Mit netten Menschen basteln", "Eine Fahrt nach Schwabenheim", "Spaziergang zum Rhein". Doch es geht nicht nur um solche Einzelwünsche. "Vorige Woche haben wir ein Sportfest organisiert", erzählt Schallert. "Es gab Aktionen wie Eierlauf mit Rollstühlen, Korbwerfen und Völkerball. Wir hatten an die 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Der gesamte Innenhof war voll." Voriges Jahr richtete die Gruppe zur Nacht der offenen Kirchen einen stilechten Club in der Kapelle des Altenheims ein, in dem sich Alt und Jung auf originelle Weise begegnen konnten. Auch ein "Erzähl-Café" steht regelmäßig auf dem Programm. Dort kommen die Generationen ins Gespräch.

"Sehnsucht Leben" wird getragen vom ZiF, das in diesem Fall mit der Altenseelsorge im Evangelischen Dekanat Mainz, dem städtischen Altersheim, dem Jugendamt der Stadt Mainz und dem LOB-Projekt der JGU kooperiert. Im ersten Jahr steckten rund 40 Jugendliche insgesamt circa 500 Sozialstunden in die Wunscherfüllung, an die 30 Studierende waren mit von der Partie. "Dieses Projekt steht einzig da", sagt Bretschneider-Müller, "andere Einrichtungen in der Stadt würden sich etwas Ähnliches wünschen."

"Bei uns ist es so, dass auch die Jugendlichen schnell merken, dass es Freude bringt, anderen etwas Gutes zu tun", meint Raja Schmelz. Die Psychologie-Studentin arbeitet wie Weimann im Organisationsteam mit. "Ich bin zwar mit dem Ziel hierhergekommen, Kontakt mit straffälligen Jugendlichen zu bekommen. Aber wir reden fast gar nicht über solche Themen. Meist haben wir einfach eine gute Zeit, wenn wir einen Wunsch erfüllen, wenn wir in den Zirkus gehen oder ins Theater. Das ist ein wahnsinniger Spaß – für alle Beteiligten."