Frühe Konzepte von Mensch und Natur

10. Juli 2019

Anfang vorigen Jahres stand es fest: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Graduiertenkolleg "Frühe Konzepte von Mensch und Natur: Universalität, Spezifität, Tradierung" für weitere viereinhalb Jahre. Das fächerübergreifende Forschungs- und Qualifizierungsprogramm wurde 2013 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ins Leben gerufen.
 

"Gibt es so etwas wie ein universelles Wissen?", fragt Prof. Dr. Tanja Pommerening. "Wissen, das jederzeit an irgendeinem Ort aufscheinen kann? Gibt es Ideen, die im Menschen immer wieder unabhängig voneinander aufkeimen und von denen wir sagen können: Sie sind nicht tradiert?" Entwicklungsstränge und Einflüsse lassen sich über die Jahrhunderte und Jahrtausende, über Kontinente und Kulturen hinweg verfolgen. Alles scheint miteinander verwoben. Oder doch nicht?

In diesem Spannungsfeld bewegt sich das Graduiertenkolleg "Frühe Konzepte von Mensch und Natur: Universalität, Spezifität, Tradierung". Hier treffen Ägyptologie und Altorientalische Philologie auf Klassische Philologie und Klassische Archäologie, Mediävistik und Byzantinistik auf Vorderasiatische Archäologie und Medizingeschichte. Sogar die Vor- und Frühgeschichte, die Pleistozäne Archäologie, ist neuerdings mit im Boot. Diese Breite philologischer, archäologischer, kulturwissenschaftlicher, wissenschaftshistorischer und naturwissenschaftlicher Disziplinen in einem Graduiertenkolleg ist im Bereich der Altertums- und Mittelalterwissenschaften deutschlandweit einzigartig. Der Blick reicht von Vorderasien über Nordostafrika bis in den europäischen Raum, von der Zeit ab 100.000 v. Chr. bis zum Mittelalter – und gern noch ein wenig weiter.

Reger Austausch der Disziplinen

"Wir laden uns zum Beispiel auch Sinologen ein oder Fachleute, die zu mesoamerikanischen Kulturen referieren", meint Pommerening. "Universalität und Spezifität kann man erst genauer in den Blick nehmen, wenn man sich mit Gesellschaften auseinandersetzt, die mit den von uns untersuchten keinesfalls in Kontakt standen – auch nicht über historische Überlieferungspfade. Und man muss sich zudem fragen, welche Grundkonstanten den Menschen gemeinsam sind." Besonders freut sie sich daher auf einen Gast, der am 15. Juli zur nächsten internationalen Konferenz des Graduiertenkollegs aus den USA anreisen wird: Die Psychologin und Kognitionswissenschaftlerin Barbara Tversky hat sich angekündigt. Die emeritierte Professorin von der Stanford University will darüber referieren, wie der menschliche Verstand mit der Welt interagiert. "Putting the Mind in the World" hat sie ihren Vortag überschrieben.

Das Graduiertenkolleg "Frühe Konzepte von Mensch und Natur: Universalität, Spezifität, Tradierung" ist in einem Hochhaus in direkter Nachbarschaft zum Gutenberg-Campus untergekommen. Auf zwei Etagen steht hier eine Reihe von Büros zur Verfügung, dazu ein kleiner Besprechungsraum, in dem sich Pommerening nun mit Sandra Hofert und Katharina Zartner, den beiden Promovierendensprecherinnen des Kollegs, zum Gespräch eingefunden hat. Von draußen dringt ab und an gedämpftes Gelächter. "Die Stimmung bei uns ist sehr gut", kommentiert Pommerening. Die Ägyptologin vom Institut für Altertumswissenschaften der JGU ist seit Beginn Sprecherin des Kollegs.

20 Doktorandinnen und Doktoranden sowie vier Postdocs gehören momentan zum Graduiertenkolleg – viele von ihnen kommen aus dem Ausland und tragen somit auch zu einer internationalen Vielfalt des Kollegs bei. Mit ihren sehr unterschiedlichen Forschungsgebieten liefern alle Beteiligten Puzzleteile zu den vier großen Themenkomplexen, die im Kolleg behandelt werden: Konzepte von Urzuständen und Urelementen, Weltentstehung und Weltuntergang, Konzepte von Naturphänomenen, Naturgewalten und Naturkatastrophen, Konzepte von Flora, Fauna und Naturraum sowie Konzepte vom menschlichen Körper, von Krankheit, Heilung und Tod.

Dissertationen entstehen häufig im Alleingang. Doktorandinnen und Doktoranden sind über weite Strecken auf sich selbst gestellt. Im Graduiertenkolleg ist das völlig anders. "Wir tauschen uns intensiv aus, das ist sehr wertvoll und erfrischend“, meint Zartner. „Je mehr Blicke von außen hinzukommen, desto mehr Impulse gibt es, Dinge noch mal zu bedenken. In unseren Diskussionen entstehen viele neue Anregungen und Ideen. Es mag zwar sein, dass nicht alles direkt einfließen kann in unsere Arbeiten, aber wir können ja auch später noch mal darauf zurückgreifen."

Von Tieren und Helden

Die beiden Promovierendensprecherinnen kommen selbst aus zwei sehr unterschiedlichen Fachgebieten und arbeiten mit jeweils anderen Ansätzen. Hofert etwa beschäftigt sich mit der Darstellung und Instrumentalisierung von Tieren, Pflanzen und Mineralien im deutschsprachigen Mittelalter. "Ich untersuche, wie die Natur in den didaktischen Texten des 13. Jahrhunderts dargestellt wird. Grundsätzlich stützen sich die Autoren auf antike Quellen, auf Aristoteles und Plinius. Deren Wissen wird ins christliche Weltbild eingefügt: In der mittelalterlichen Kultur ist die Vorstellung verbreitet, dass die Natur neben der Bibel das maßgebliche Buch Gottes ist, das Handlungsanweisungen für den Menschen bereithält. In ihm gilt es zu lesen. Die hierarchisch organisierte Lebensweise der Biene beispielsweise kann als Ausdruck der Weltordnung verstanden und vorbildhaft auf die menschliche Gesellschaft übertragen werden."

Das Tier ist recht häufig Thema in den Dissertationen des Graduiertenkollegs. Hofert findet also reichlich inhaltliche Anknüpfungspunkte für den Austausch – aber auch ganz praktische Hilfe: "Als Altgermanistin kann ich altgriechische Texte leider nicht im Original lesen, aber ich kann mich an Graduierte aus dem Bereich der Klassischen Philologie wenden."

Zartner wiederum kommt aus der Vorderasiatischen Archäologie. "Ich arbeite völlig anders", meint sie. Ihr geht es in erster Linie nicht um Texte, sondern um bildliche Darstellungen eines übernatürlichen Wesens: Der sogenannte "sechslockige Held" war vom 3. bis zum 1. Jahrtausend v. Chr. eine weit verbreitete Figur in der Ikonographie Mesopotamiens und Syriens. "Er ist weder Gottheit noch gewöhnlicher Mensch. Er fällt durch seine wilde Frisur auf, außerdem wird er oft nackt dargestellt. Das ist im Alten Orient eher selten und nur in bestimmten Zusammenhängen möglich."

Konferenzen, Vorlesungen und ein Weblog

Der "sechslockige Held" wirkt wild und ungezähmt, nimmt aber zugleich die Rolle eines Beschützers der Herden und eines Gegners der Wildnis ein: Er bekämpft unter anderem Löwen. "Mich interessiert, wie ein solches Wesen entsteht, wie es sich im Lauf der Jahrtausende wandelt und welche Funktion es für die Menschen hat", erklärt Zartner. Unter dem Dach des Graduiertenkollegs mit der gemeinsamen Frage nach Konzepten, Universalien und Spezifitäten wird dieses Thema interdisziplinär sehr fruchtbar. Gerade hat Zartner gemeinsam mit einer Kollegin aus der Ägyptologie eine Publikation über gemeinsame methodische Zugänge vorbereitet.

Regelmäßig kommen die Graduierten auch mit dem Trägerkreis zusammen, um übergreifende, aber oft auch ganz spezielle Fragen zu klären. "Wir treffen uns alle zwei Woche zu einer Plenumssitzung", erzählt Hofert. "Außerdem organisieren wir internationale Workshops und Ringvorlesungen." Auch ein eigener Weblog ist entstanden, in dem die Doktorandinnen und Doktoranden sehr engagiert von ihren Forschungen und allen Veranstaltungen berichten.

Die Graduierten sind in alle Entscheidungen des Kollegs eingebunden, Zartner und Hofert fungieren dabei als ihre Sprecherinnen. "Vor Kurzem haben wir zum Beispiel die nächsten Bewerberinnen und Bewerber mit gesichtet", erzählt Hofert. "Und auch die übrigen Kollegiatinnen und Kollegiaten hatten Gelegenheit, sich selbst und das Graduiertenkolleg vorzustellen." Kommenden Oktober wird die neue Kohorte beginnen. Doch zuvor lädt das Graduiertenkolleg zur großen Internationalen Konferenz an die JGU: Vom 15. bis 17. Juli soll es um "Concepts of Humans and Nature Between Specificity und Universality" gehen.

Blick in die Zukunft

Am 1. Oktober 2013 nahm das Graduiertenkolleg seine Arbeit auf. Es startete zunächst mit sechs Doktorandinnen und Doktoranden. Ausschreibungen im Jahresrhythmus sorgten dafür, dass immer neue Kollegiatinnen und Kollegiaten hinzukamen. Die ersten wurden inzwischen promoviert. Anfang 2018 bewilligte die Deutsche Forschungsgemeinschaft eine Verlängerung des Projekts bis 2022 und eine Fördersumme von vier Millionen Euro.

Neun Jahre beträgt die übliche Laufzeit eines DFG-geförderten Graduiertenkollegs. In diesem speziellen Fall hat die JGU zugestimmt, die Förderung für ein weiteres, zehntes Jahr zu übernehmen "Ich denke, das ist ein guter Zeitraum. Danach sollte ruhig wieder etwas Neues beginnen", blickt Pommerening in die Zukunft. "Vielleicht könnten wir unsere Themen ja in einen Sonderforschungsbereich überführen."