Unterhaus-Chef kehrt zurück an seine Alma Mater

24. Oktober 2019

Er gehörte zu den kreativsten Köpfen des ZDF: Stephan Denzer schuf eine ganze Reihe neuer Formate für den Sender, darunter die "heute show" und "Die Anstalt". Seit dem 1. Juli 2019 leitet er das Mainzer Unterhaus, und auch für die traditionsreiche Kleinkunstbühne hat er große Pläne. Einst studierte Denzer an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), nun kommt er auf den Campus, um Seminare über Sitcoms und Satire zu halten, um kreative Geister zu entdecken und Studierende für Kabarett und Comedy zu begeistern.
 

In der Mitte des Raums steht ein ovaler Tisch, darum eine übersichtliche Anzahl Stühle. Licht fällt durch einen Spitzbogen, ein Fenster im neogotischen Stil. "Das gibt dem Ganzen einen beinahe sakralen Anstrich", meint Stephan Denzer. Er plant Großes auf diesen wenigen Quadratmetern: "Dies könnte eine Art Entwicklungslabor werden." Kreative aus der Region sollen hier zusammenkommen. "Kennen Sie 'Die Affirmative'? Das ist eine Mainzer Impro-Theatergruppe. Ich mache jetzt mit denen einen Grundlagen-Workshop zum Thema Sketch-Writing." Der 52-Jährige will neue Formate entwickeln, nicht nur für Kabarett und Comedy, sondern auch darüber hinaus. "Es muss nicht gleich ein fertiger Prototyp entstehen. Ich will erst mal Basisarbeit leisten. Vielleicht lernt jemand, einen guten Dialog zu schreiben, eine zündende Pointe zu präsentieren – woraus sich dann mehr entwickeln könnte."

Seit Anfang Juli 2019 leitet Denzer das Mainzer Unterhaus, eine der ältesten und traditionsreichsten Kleinkunstbühnen der Republik. Er hat ein Büro bezogen, in dem bereits die Gründer des Unterhauses residierten. Es ist Teil einer Zimmerflucht im gut 150 Jahre alten Gebäude der Goldhand Sektkellerei, nur einen Steinwurf vom Unterhaus entfernt. Seine Handschrift ist bereits deutlich zu spüren, nicht nur in jenem "Entwicklungslabor".

Kabarett fürs ZDF, Satire für die JGU

Gleich zu Beginn sagte Denzer sehr klar, dass er einiges ändern will in und an der ehrwürdigen Institution Unterhaus. Nun betont er im Gespräch, dass er zugleich genau hinhören wird, was sich sowohl seine Gäste als auch die auftretenden Künstlerinnen und Künstler wünschen. "Dazu habe ich extra eine Umfrage gestartet."

Denzer kommt vom ZDF. Dort baute er ab 2008 den Bereich Comedy und Kabarett auf. Seit der Entlassung von Dieter Hildebrandt im Jahr 1980 hatte sich auf diesem Gebiet nichts getan, nun kam einiges in Bewegung. Denzer brachte die "heute show" zum Sender, und er konzipierte "Die Anstalt" mit, ein neues Format für politisches Kabarett. Der Leiter des "Teams Kabarett/Comedy in der Hauptredaktion Show" beließ es keineswegs dabei, weitere innovative Sendeformate folgten, auch für 3sat und ZDFneo.

Besonders die "heute show" wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Grimme-Preis, dem Deutschen Fernsehpreis und gleich mehreren Deutschen Comedy-Preisen. "Dieser Erfolg ist ganz der Verdienst von Oliver Welke, von seinem großen Können", betont Denzer. "Er verkörpert die Show. Ich war nur derjenige, der das Glück hatte, sich für den Richtigen zu entscheiden." Dieses Wege zu bahnen, das Anstoßen und Ermöglichen von Neuem, das ist Denzers Markenzeichen. Diese besondere Qualität bringt er auch mit ins Unterhaus – und er wird damit demnächst an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) gehen.

Ende Oktober hält Denzer in der Vorlesungsreihe "Spaß verstehen – Forschung zur Lachen und Humor" des Studium generale einen Vortrag unter dem Titel "Von der 'Big Bang Theory' zur 'heute show' – Grundlagen und Typologien von Comedy". Er warnt schon mal vor: "Das wird ein Parforceritt über 90 Minuten. Es ist gewissermaßen der Aufschlag zu weiteren Veranstaltungen, denn im Wintersemester halte ich noch ein Satire-Seminar am Journalistischen Seminar und ein Sitcom-Seminar bei der Filmwissenschaft."

Schulmusik: Von der Genauigkeit der Kunst

Für Denzer ist dies eine Rückkehr: Der gebürtige Kaiserslauterer studierte an der JGU Schulmusik und Germanistik mit Hauptfach Gesang. "Ich habe danach zum Glück nie als Lehrer gearbeitet", sagt er. Das Studium diente ihm eher dazu, seinen musischen Neigungen in geordneten Bahnen zu folgen und dem beamteten Vater das Gefühl zu geben, sein Sohn gehe solide Wege. "Der Kabarettist Lars Reichow studierte drei, vier Semester über mir. Wir hatten damals schon viel Spaß an seinen Sachen. Mich selbst brachte tatsächlich meine große Liebe zur Musik an die Uni, aber mein Talent war nur begrenzt. Als klar war, dass ich es nicht an die Met oder die Scala schaffen würde, gab ich auf." Denzer hält kurz inne und lächelt: "Ich hoffe, Sie verstehen Ironie."

Auf keinen Fall sei das Studium verlorene Zeit gewesen – im Gegenteil: "Ich lernte Genauigkeit. Wenn Sie mit einem Professor ein Stück durcharbeiten, wenn Sie darauf getrimmt werden, in Takt vier und Takt siebzehn den Ringfinger und kleinen Finger etwas mehr anzuheben, dann verstehen sie, wie wichtig Feinheiten im musikalischen Ausdruck sind. Diese Ausbildung hat mich insofern geprägt, als ich gemerkt habe, wie hoch künstlerischer Anspruch sein kann."

Die Verbindung mit der JGU ist Denzer gerade mit Blick aufs Unterhaus wichtig: "Mainz ist keine besonders große Stadt, aber es gibt diese große Universität mit über 30.000 Studierenden." Denen möchte er Kabarett und Comedy näher bringen. "Ich habe bereits Kontakt zum AStA aufgenommen: Wir wollen, dass Studierende günstiger an Karten zu bestimmten Vorstellungen kommen, wo sie dann ihre Leute auf unserer Bühne sehen können." An der JGU gebe es zudem sicher viele Potenziale im künstlerischen Bereich. "Ich möchte versuchen, einige aufzuspüren. Vielleicht kann ich einen kleinen Kern der Kreativen kreieren." Grundsätzlich ist Denzer fasziniert von der Begeisterungsfähigkeit und Offenheit junger Leute. "Ich lerne persönlich durch sie. Wenn mir ein 20-Jähriger etwas von irgendeiner App oder einem kulturellen Phänomen erzählt, empfinde ich das als bereichernd."

Denzer durchlief die Köln Comedy Schule, und einige Jahre versuchte er sich selbst im Fach. "Ich habe Stand-up- und Musik-Comedy gemacht." Doch rückschauend attestiert er sich auch hier sehr selbstkritisch nur begrenztes Talent. "Ich glaube allerdings, dass ich ohne diese Erfahrungen all die Sendungen fürs ZDF nicht so hätte entwickeln können."

Experimente und neue Marken fürs Unterhaus

Für das Unterhaus kann sich Denzer gut ein eigenes Ensemble vorstellen und – natürlich – neue Formate: Sie könnten an jenem ovalen Tisch entstehen. "Ich glaube, nicht nur die jungen Leute, auch unsere älteren Gäste sind offen für Neues." Im großen Saal des Unterhauses sollen weiterhin bewährte Künstler auftreten. Der kleine Saal jedoch, das Unterhaus im Unterhaus, könnte mehr und mehr zum Raum für Experimente werden. Auch den jährlich zu vergebenden Deutschen Kleinkunstpreis möchte Denzer aufmöbeln. "Diesen Wunsch haben bereits einige Künstlerinnen und Künstler an mich herangetragen." Er plant, den ewig gleichen Rhythmus von Laudatio, Ehrung und Kurzauftritt zu durchbrechen. Ein Rotationssystem in der Jury schwebt ihm ebenfalls vor, um frische Impulse zu bekommen. "Ich könnte mir außerdem vorstellen, den Preis durch neue, flexiblere Rubriken zu erweitern. Slam-Poetry kommt zum Beispiel bisher nicht vor – und wenn, dann wird sie in die Sparte Kleinkunst gepresst."

Kleinkunst! Damit ist Denzer bei einem Wort, das ihn aufregt. "Der Begriff klingt so unzeitgemäß. Kleinkunst ist längst nicht mehr klein. Volker Pispers hat jedes Wort, jedes Bild, jede Pointe so lange geschliffen, bis alles perfekt passt. Das ist nicht klein. Hagen Rether füllt mit seinen großartigen Programmen riesige Säle. Das ist nicht klein, auch in der Wirkung nicht. Gut, es steht nur ein einzelner Künstler auf der Bühne. Aber wenn ein Pianist eine Sonate spielt, nennen Sie das klein?"

Denzers Pläne sind ebenfalls alles andere als klein. "Ich hoffe, dass ich die jungen Leute begeistern kann, dass es mir gelingt, neue Marken zu schaffen, und ich denke über ein Open-Air-Angebot nach. Ich bewundere, was Markus Müller als Intendant am Mainzer Staatstheater geschaffen hat: All die neuen Formen, auch auf kleinen Bühnen. Ich werde das für Kabarett und Comedy versuchen, und ich werde alles tun, damit es gelingt."