Erfolgreicher Mix aus Freiräumen und professionellen Ansprüchen

16. Oktober 2019

CampusTV feiert seinen 20. Geburtstag. Das Studierendenfernsehen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) machte im Lauf seines Bestehens einige Wandlungen durch. Davon erzählen der ehemalige Leiter Prof. Dr. Karl Nikolaus Renner und seine Nachfolgerin Prof. Dr. Katja Schupp.
 

1999 versammelte sich eine Gruppe von Professorinnen und Professoren, um die allererste Magazinsendung von CampusTV Mainz zu begutachten. "In der anschließenden Diskussion meinten einige, das alles sei ihnen viel zu perfekt, das wirke gar nicht, als sei es von Studierenden gemacht. Sie erwarteten, Fehler zu sehen. Aber es war nie unsere Absicht, etwas Laienhaftes abzuliefern. Von Beginn an wollten wir professionellen Standards genügen. Wir wollten professionelle Sendungen mit professionellem Equipment produzieren."

Prof. Dr. Karl Nikolaus Renner erinnert sich gut an diese Zeit. Er gehörte zum Gründungsteam von CampusTV und leitete das Projekt bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2016. Neben ihm sitzt seine Nachfolgerin Prof. Dr. Katja Schupp. Sie kam 2017 ans Journalistische Seminar der JGU. Seitdem arbeitet sie gemeinsam mit den Studierenden an einer Neuausrichtung von CampusTV, die sich bald auch in einem neuen Namen für das Uni-Fernsehen niederschlagen soll: "Campus Media" könnte es heißen. "Über den neuen Namen streiten wir aber noch", räumt Schupp ein. Dass die Studierenden bei solchen Entscheidungen ein Wörtchen mitreden, hat Tradition.

Teamwork der kreativen Köpfe

Der Anstoß zu CampusTV kam seinerzeit vom Leiter des Studium generale, Prof. Dr. Andreas Cesana. "Für ihn war bereits erkennbar, welch große Rolle das Internet bald spielen würde", erzählt Renner. "Er suchte nach dem nötigen Know-how, um Vorträge und andere Veranstaltungen zu filmen. Tatsächlich war das nur minimal an der Universität vorhanden."

Also taten sich Vertreter der Publizistik und der Filmwissenschaft, der Journalistik und der Akademie der Bildenden Künste, der Stabsstelle Kommunikation und Presse sowie des Studium generale zusammen, um CampusTV auf den Weg zu bringen. Die erste Sendung wurde vom Zentrum für Interkulturelle Studien (ZIS) der JGU finanziert. "Danach stellte die Universitätsleitung einen Etat von jährlich 50.000 Euro zur Verfügung. Damit ließ sich schon einiges anfangen. Überhaupt hat die Uni das Projekt von Beginn an stark gefördert."

Jeder, der mitmachen wollte, war willkommen. Monat für Monat produzierten Studierende verschiedenster Fächer zwei Sendungen, in denen sie sich nicht nur mit Aspekten aus Forschung und Lehre, sondern auch mit den Facetten des studentischen Lebens auseinandersetzten. Die ersten Ausgaben des Magazins entstanden in einer einfachen Wohnung, dann zog CampusTV ins Medienhaus an der Wallstraße, wo ein Studio zur Verfügung stand. Dieses steht heute unter der Regie des Zentrums für audiovisuelle Produktion (ZAP) der JGU, einem wichtigen Partner des Uni-Fernsehens.

"CampusTV bietet unseren Studierenden eine ideale Mischung aus Freiräumen und professionellen Ansprüchen", meint Renner. "Es lebt vom Teamwork und davon, dass sich immer wieder ungewöhnlich kreative Köpfe finden." Schupp ergänzt: "CampusTV führt die Studierenden aus dem Hörsaal heraus ins richtige Leben. Sie treffen auf Menschen, die in ihnen echte Filmemacher oder Journalistinnen sehen und Entsprechendes erwarten."

Studiengang Audiovisuelles Produzieren

2010 tauchte mit dem Bologna-Prozess ein Problem auf: Würden die engagierten Magazinmacher angesichts der reformierten straffen Studiengänge mit ihrem umfassenden Anforderungskatalog weiter Zeit finden, sich zu engagieren? "Wir erfanden daraufhin als neue Rekrutierungsmöglichkeit das Beifach 'Audiovisuelles Publizieren am Journalistischen Seminar (AVP)'", erzählt Renner. Wer sich für AVP einschrieb, wurde automatisch CampusTV-Mitarbeiter. "Gleich im ersten Jahrgang merkten wir, dass wir einen großen Fang gemacht hatten."

"Das war ein sehr kluger Wurf", bestätigt Schupp. "CampusTV lebte und lebt vom außergewöhnlichen Engagement, nun wurde das in überprüfbare Studienleistungen und Credit Points überführt." Allerdings ergebe sich durch diese neue Struktur ein Problem: "Ein großer Teil unserer Studierenden brennt für unsere Sache, das ist toll. Doch nach wie vor ist es wichtig, dass Impulse von außen hinzukommen." Das CampusTV-Team rekrutiert sich zu drei Vierteln aus AVP-Studierenden, zu einem Viertel aus Studierenden der verschiedensten Fächer, die als freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dabei sind. "Die Interdisziplinarität ist ein wichtiger Punkt", sagt Schupp, "in dieser Ausprägung findet sich das nur in wenigen Projekten."

AVP besticht durch Praxisnähe. Schupp selbst arbeitet als Filmemacherin mit dem SWR, über Jahre war sie für das ZDF tätig. Zudem laden sie und ihre Kollegen immer wieder Fachleute ins Journalistische Seminar ein: Der Moderator, Drehbuchautor und Regisseur Thorsten Eppert, der unter anderem für ZDFneo tätig ist, gab hier unlängst seine Erfahrungen in Sachen Formatentwicklung weiter, und demnächst wird Stephan Denzer, der beim ZDF für Formate wie die "heute show" oder "Die Anstalt" verantwortlich zeichnete, ein Satire-Seminar anbieten.

Gerade die Frage der Formate ist momentan ein Riesenthema bei CampusTV: "Den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten bricht momentan massiv das Publikum weg", erläutert Schupp. "Auch für uns gilt, wir dürfen nicht mehr an der klassischen Magazinsendung kleben. Ich habe die Studierenden gefragt: Was wollt ihr stattdessen? Was sind denn eure eigenen Sehgewohnheiten? Was wünscht ihr euch?" Schupp erzählt von einem "rumpeligen, aber produktiven Prozess", der einige neue Reihen hervorbrachte, die sich mit ihren zehn bis zwanzig Minuten Länge unter anderem gut für den YouTube-Kanal von CampusTV eignen.

Aufbruch ins Internet

"Wir haben eine Online-First-Strategie entwickelt", fasst Schupp zusammen. Das innovative Talk-Format "Fass Dich kurz" von Daniel Reißmann passt dort gut hinein – oder die Serie "SUB", die subkulturelle und andere gesellschaftliche Phänomene porträtiert: "Safak Sengüls Folge über Studentenverbindungen hat knapp 16.000 Klicks auf YouTube bekommen. Das ist ein großer Erfolg", freut sich Schupp. "Studierende wie Daniel oder Safak, die sich als freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagieren, tauchen zum Glück immer wieder bei uns auf. Davon profitieren wir sehr."

Nicht nur CampusTV geht neue Wege, auch beim Studiengang AVP tut sich parallel einiges. "Seit 2018 steigen unsere Studierendenzahlen", erklärt Schupp, "zuerst von 16 auf 32 und dann weiter auf 48. Unter anderem haben wir eine Vereinbarung mit dem Fachbereich Physik, Mathematik und Informatik getroffen." Prodekanin Prof. Dr. Concettina Sfienti schwebt eine journalistische Ausbildung für Physik-Studierende vor, die ihre Zukunft eher in der Kommunikation und nicht so sehr in der Forschung sehen. "Dafür werden wir sechs Plätze zur Verfügung stellen", sagt Schupp. "Darauf freue ich mich besonders, denn ich wünsche mir schon lange mehr Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler bei CampusTV."

"CampusTV funktionierte von Anfang an so gut, dass es einfach Rahmen sprengte. So kann es weitergehen", fasst es Renner zusammen. Auch in der Welt der Neuen Medien.