Fliegen als Alltag, Fliegen als Ausnahmesituation

13. Dezember 2019

In der globalisierten Gesellschaft der Gegenwart ist Reisen zur Selbstverständlichkeit geworden. Dr. Larissa Schindler vom Institut für Soziologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) beschäftigt sich mit der modernsten Spielart – dem Fliegen. Sie leitet das DFG-Projekt "Die Flugreise. Vom körperlichen Vollzug technisch beschleunigter Mobilität".
 

Eben ist sie mit dem Flugzeug aus Wien gekommen. Es ist ein wenig später geworden als geplant: Flugbegleiterinnen und -begleiter streikten, Hunderte Flüge fielen aus. "Ich habe Fotos gemacht von den Anzeigetafeln", erzählt Dr. Larissa Schindler. Eigentlich wäre das nicht mehr nötig gewesen, sie hat in den vergangenen Jahren genug Material rund um ihr großes Forschungsprojekt gesammelt, aber solche Gewohnheiten schleifen sich ein. An dem rot leuchtenden "Canceled" kam sie nicht vorbeigehen, ohne das Smartphone zu zücken.

"Wenn Sie mit Menschen über ihre Flugerfahrungen sprechen, hören Sie jede Menge Geschichten darüber, was schiefgelaufen ist: Ein bestimmtes Essen ist Ihnen nicht bekommen oder es gab Streit mit dem Sitznachbarn. Sie berichten von Ärger an der Sicherheitskontrolle, von verlorenem Gepäck." Schlagzeilen von Flugzeugabstürzen mögen zusätzlich unruhig machen, Terrorgefahr bleibt im Hinterkopf. "Fliegen wird als Ausnahmesituation empfunden und als solche inszeniert", stellt die Soziologin fest.

Forschungslücke schließen, Debatten anregen

Nach ihrem Studium an der Universität Wien promovierte Schindler an der JGU. Eine Gastprofessur führte sie zurück nach Wien und eine Vertretungsprofessur an die Ludwig-Maximilians-Universität München, bevor sie 2013 an den Arbeitsbereich Soziologische Theorie und Gender Studies des Instituts für Soziologie der JGU zurückkam. Hier warb sie das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Projekt "Die Flugreise. Vom körperlichen Vollzug technisch beschleunigter Mobilität" ein. Im Jahr 2016 begann die Arbeit daran, nun tritt sie in die letzte Phase, in der die Projektleiterin auswertet und Fachartikel schreibt. "Am Ende soll es auch ein Buch geben", so Schindler.

"Was mich als Soziologin interessiert: Wie funktioniert Fliegen im Alltag und als Alltag?" Schindler hat sich damit auf ein Feld begeben, das bisher kaum erforscht wurde. "Die Mobility Studies fragen, wie Mobilität als kulturelle Praxis funktioniert, wie man die Gesellschaft vor dem Hintergrund beschleunigter Bewegung betrachten kann. Allerdings geht es dort stark um den technischen Aspekt. Es ist nur wenig darüber zu lesen, wie dieses Reisen körperlich vollzogen wird. Die Körpersoziologie wiederum betrachtet den ganz spezifischen Anteil der Körper am Sozialen, den eigenen Stellenwert des Körpers. Doch dort hat es bisher kaum Untersuchungen zur technisch beschleunigten Mobilität und schon gar nicht zur Flugreise gegeben. Ich bewege mich an der Schnittstelle zwischen beiden."

Schindler will neue Verbindungen herstellen und so eine Forschungslücke schließen. "Ich habe dabei ethnografisch gearbeitet, also viele Interviews mit Flugreisenden, Personal sowie Flughafenmitarbeiterinnen und -mitarbeitern geführt und teilnehmende Beobachtungen aufgezeichnet. Mir geht es nicht darum, Statistiken über das Fliegen zu erstellen, ich will das Fliegen als soziale Praxis aus der Sicht der Beteiligten verstehen und beschreiben. Damit möchte ich Theorien weiterentwickeln. Der eigentliche Erkenntniswert liegt in der Debatte."

Mobile Einschränkungen im mobilen Flugzeug

Soziologie nimmt das Selbstverständliche nicht selbstverständlich. Sie hinterfragt das Alltägliche und stellt seine Besonderheiten heraus. "Ich schaue, wie Menschen, die ja mit dem Körper an der Flugreise teilnehmen, ihre Zeit in einem Flugzeug organisieren. Sie sehen sich ungewöhnlichen Bedingungen gegenüber: Wir sind es zum Beispiel gewohnt, einen Meter Abstand voneinander zu halten und aus einer Situation flüchten zu können. Wir sind gewohnt, immer und überall SMS schreiben zu können. All das geht in einem Flugzeug nicht. Wie gehen wir damit um? Vor einem Flug sehe ich zum Beispiel regelmäßig Menschen, die wie wild auf ihrem Handy tippen."

Die einen sitzen lieber am Gang, die anderen am Fenster, manch einer fühlt sich sicherer auf einem der vorderen Plätze. "Dagegen sagten mir Leute im Interview mehrfach, dass sie lieber einen Platz hinten buchen, da hätten sie mehr Raum." Welche Dinge mitgeführt werden sollen, mitgeführt werden dürfen, ist ebenfalls ein großes Thema: Was kommt ins Hand-, was ins Fluggepäck? Dabei bleibt immer auch im Blick, was bei Sicherheitskontrollen mokiert werden könnte, was präsentiert und ausgepackt werden muss. "Strategische Entscheidungen sind nötig."

Auch die Frage, warum Körper überhaupt fliegen, stellt sich in einer Welt, in der Kommunikation in Bild und Ton im Prinzip über alle Entfernungen hinweg möglich ist. "Im wirtschaftlichen und im politischen Bereich bleibt es nach wie vor wichtig, dass Menschen durch die Welt transportiert werden, dass die Körper vor Ort sind. Damit geben sie einem Vorgang, einem Treffen oder einer Tagung, eine gewisse Wertigkeit. Bislang ist es so, dass die körperliche Anwesenheit ein starkes Moment ist. Mit dem Körper wird Verbindlichkeit hergestellt." Und wenn die Flugreise tatsächlich als Ausnahmesituation gesehen wird, gibt sie jenem Treffen noch mal mehr Gewicht.

Schindler präsentiert keine kausalen Zusammenhänge, keine Zahlen, stattdessen widmet sie sich vielen verschiedenen Aspekten der Thematik: Mit der Flugreise gewinnt der Körper eine ungeheure Mobilität. "Zugleich müssen die Passagierinnen und Passagiere im Flugzeug sitzen bleiben, sie sollen sich anschnallen. Das Herstellen von mobilen Körpern ist mit starken Mobilitätseinschränkungen verbunden."

Von Zeitzonen und Zeitlosigkeit

Diese Körper müssen sich an einiges gewöhnen. Bereits die frühen Bahnreisenden im 18. Jahrhundert beschwerten sich über die hohe Geschwindigkeit: Sie mussten lernen, anders zu sehen, denn die Blumen am Streckenrand erschienen ihnen als Farbschlieren. Das Flugzeug aber beschleunigt entschieden stärker – und es hebt sogar ab.

"Bei dieser Art des Reisens finde ich den Wechsel von Zeitlichkeit sehr spannend: Wenn ein Flugzeug mehrere Zeitzonen durchfliegt, gibt es eine Zeit am Abflugort und am Zielort, aber keine spezifische Zeit hier und jetzt im Flugzeug. Allgemein wird für die Passagierinnen und Passagiere die Zeit ein Stück weit ausgesetzt, sie sind einfach an Bord. Zugleich sind den Flugbegleiterinnen und -begleitern ganz klare Abläufe vorgegeben." Sie müssen zu bestimmten Zeiten Ansagen machen, müssen Getränke und Essen ausgeben. Auch sie nehmen Teil an der Inszenierung der Ausnahmesituation. Schindler fällt dazu ein Detail ein: "Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, dass es bei der Sicherheitsansage mittlerweile heißt: Für den unwahrscheinlichen Fall eines Druckverlusts in der Kabine ...?"

In wenigen Monaten wird die Soziologin ihr Projekt abschließen. "Das Thema wird mich allerdings in den kommenden Jahren sicher weiter begleiten", bemerkt sie. Auch wird sie sehr bald wieder ein Flugzeug besteigen, denn sie pendelt zwischen der Familie in Wien und der Arbeit in Mainz, mal mit, mal ohne Familie im Gepäck. Die Flugreise, der körperliche Vollzug technisch beschleunigter Mobilität, bleibt Alltag für sie.