Maßgeschneiderte Hilfe für Studierende

10. Dezember 2019

Seit 52 Jahren unterstützt die Psychotherapeutische Beratungsstelle der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) Studierende bei der Bewältigung von Prüfungsangst, Schreibblockaden oder Leistungsstress, aber auch von anderen psychischen Problemen. Das Team entwickelt ständig neue Formate, um den Bedürfnissen ihrer Klientel gerecht zu werden. Jüngst kam das Online-Präventionsprogramm "me@JGU" hinzu.
 

In der Mitte des Tischs liegt ein Haufen bunter Lesezeichen. Auf ihnen sind Schlagworte abgedruckt, kurze Sätze, hier und da auch pointierte Aufforderungen: "Study-Life-Balance", "Klar bist du aufgeregt", "Setze Prioritäten", "Grübeln? Stopp!" Darunter steht jeweils winzig klein und deswegen auf den ersten Blick kaum erkennbar: "Mehr Gelassenheit im Studium."

"Damit waren wir an vier Ständen auf dem Campus unterwegs", erzählt Caroline Lutz-Kopp. "Wir hatten die Studierenden vorab per Facebook informiert, und das Interesse war sehr groß", freut sich die Diplompsychologin, "die Studierenden waren ungeheuer offen."

Anlässlich des World Mental Health Day stellte die Psychotherapeutische Beratungsstelle (PBS) der JGU ihr neuestes Projekt vor: das Online-Präventionsprogramm "me@JGU", für das Lutz-Kopp verantwortlich zeichnet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten Übungen und Info-Sessions vorbereitet, um sich und ihre Arbeit zu präsentieren, vor allem das eben erst ins Leben gerufene Internet-Portal für mehr Gelassenheit im Studium, das vom JGU-Projekt "Lehren, Organisieren, Beraten – Gelingensbedingungen von Bologna", kurz LOB, organisiert wird.

Jeder fünfte von psychischen Störungen betroffen

"2017 begannen wir mit der Arbeit", erinnert sich Lutz-Kopp. "Am Anfang stand eine Bedarfsanalyse, an der rund 3.000 Studierende teilnahmen. Wir fragten sie, wie es im Moment um ihr Wohlbefinden steht und was sie sich konkret wünschen für solch ein Präventionsprogramm. Unter anderem nannten sie Videos und Podcasts. Beides haben wir integriert." In Zusammenarbeit mit dem JGU-eigenen Zentrum für audiovisuelle Produktion (ZAP) entstand zum Beispiel ein Filmbeitrag, der in den Botanischen Garten am Rande des Campus führt: Er soll daran erinnern, wie nah dieser grüne Ort liegt und wie hervorragend er sich zur Entspannung zwischen den Seminaren eignet.

Dr. Maria Gropalis, seit April 2018 Leiterin der PBS, ergänzt den bunten Stapel auf dem Tisch in ihrem noch recht frisch bezogenen Büro durch ein weiteres Lesezeichen in dunklem Rot: "Jede*r fünfte Studierende ist von psychischen Störungen betroffen – Hab ein Auge auf deine psychische Gesundheit". Das klingt erst mal recht hoch gegriffen. Die Psychologische Psychotherapeutin erläutert: "Internationale Studien zeigen, dass rund 30 Prozent der Studierenden psychische Probleme haben, die sie aber oft selbst bewältigen können. 20 Prozent allerdings sind tatsächlich behandlungsbedürftig. Das zeigen Krankenkassen-Daten." Damit stehen sie im Vergleich zur Gesamtbevölkerung gar nicht mal schlecht da: Hier ist von etwa 25 Prozent die Rede.

"Wir haben es im Lauf der Jahre geschafft, dass immer mehr Studierende bereit sind, sich professionelle Hilfe zu holen, das verzeichnen wir als großen Erfolg", sagt Gropalis. "Wenn ich in solchen Zusammenhängen von 'wir' rede, beziehe ich mich natürlich immer auch auf meine Vorgänger und meine direkte Vorgängerin." Damit meint sie Prof. Dr. Hans Rohrbach, der 1967 eine "Beratungsstelle für studentische Lebensfragen" gründete, seinen Nachfolger Dr. Helmut Bonn und Prof. Dr. Ursula Luka-Krausgrill, die bis 2017 die PBS leitete. "Sie haben die Beratungsstelle konsequent jeweiligen Anforderungen angepasst."

Ausgehend von den ursprünglich im Mittelpunkt stehenden Kursangeboten entwickelte das PBS-Team eine ganze Reihe von Angeboten, beginnend mit der Eingangsdiagnostik, wo im Einzelgespräch ermittelt wird, was die einzelnen Studierenden brauchen. Die meisten Ratsuchenden erhalten Einzelberatung zu ihren individuellen Problembereichen. Manchen helfen jedoch bereits die Online-Übungen der PBS, andere belegen die Kurse zu Themen wie Schreibblockaden oder Stressbewältigung. Auch eine individuelle Online-Beratung ist möglich. Davon machen rund 60 Studierende pro Jahr Gebrauch. "Wenn nötig, bieten wir im Haus bis zu zehn Beratungssitzungen an", sagt Gropalis.

Beratungsstelle verzeichnet wachsenden Zulauf

Falls psychische Störungen vorliegen, vermittelt die Beratungsstelle weiter. "Wir haben ein umfangreiches Netzwerk aufgebaut, zu dem zirka 60 niedergelassene Psychotherapeutinnen und -therapeuten sowie drei Psychiater im Rhein-Main-Gebiet gehören. Studierende holen sich doppelt so oft psychologische Hilfe wie gleichaltrige Erwerbstätige." Gropalis setzt noch eine etwas persönlichere Beobachtung hinzu: "Grundsätzlich erleben wir unsere Studierenden als sehr offen. Diversität wird angenommen, egal, ob sexuelle Ausrichtung, Herkunft oder psychische Besonderheiten."

Angenommen wird auch die Beratungsstelle. 905 Klientinnen und Klienten wandten sich 2018 an die PBS. "Wir haben leichte Steigerungsraten, obwohl die Zahl der Studierenden an der JGU zurückgeht", stellt Gropalis fest. "Das liegt nicht daran, dass die psychischen Probleme häufiger oder schwerwiegender sind. Die Studierenden stehen uns einfach offener gegenüber." Das freut sie einerseits, andererseits bedeutet es viel Arbeit für ihr Team.

"Der PBS ging es von Beginn an darum, niedrigschwellige Angebote zu entwickeln und die Wartezeiten für Hilfesuchende möglichst kurz zu halten", sagt Lutz-Kopp. Letzteres jedoch werde immer schwieriger. "Drei Wochen hatten wir uns als Obergrenze gesetzt. Im Moment können wir das angesichts des großen Zulaufs leider nicht einhalten."

Niedrigschwelliges Angebot für alle Studierenden

Nun geht das bisher niedrigschwelligste Angebot der Beratungsstelle an den Start: "me@JGU" wendet sich an alle Studierenden. Es bietet Tipps, Übungen und verschiedenste weitere Beiträge zu Themenbereichen wie Prüfungsangst und Organisation. Die acht übersichtlich strukturierten Kapitel tragen Titel wie "Prüfungsstress meistern", "Aufschieben besiegen" und "Entspannter durchs Studium".

"Die Studierenden können sich hier genau das aussuchen, was sie brauchen", sagt Lutz-Kopp. "Manch einem reichen vielleicht schon die kurzen Tipps, die wir in den Einführungstexten hervorgehoben haben, andere schauen sich Checklisten zu einem Problem an, lesen sich ausführlicher ein, hören einen Podcast oder durchlaufen eine unserer Übungen." Wie das gesamte PBS-Programm, so soll auch dieses Angebot mit Blick auf die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer ständig modifiziert werden. "Es gibt zum Beispiel eine Rubrik 'JGU stories', wo Studierende von ihren Erfahrungen berichten können."

Gropalis und Lutz-Kopp sind gespannt, wie "me@JGU" angenommen wird. "Unsere Aktion auf dem Campus war jedenfalls ein großer Erfolg", meint Lutz-Kopp. Sie sammelt die bunten Lesezeichen vom Tisch, reicht sie hinüber und meint: "Hier, wenn Sie möchten, können Sie auch ein wenig für uns werben."