Onlinetraining bei anhaltenden körperlichen Beschwerden

9. März 2021

iSOMA hilft Studierenden mit anhaltenden und belastenden körperlichen Beschwerden. Ein Team des Psychologischen Instituts der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) entwickelte das einzigartige Onlinetraining. Mit einer wissenschaftlichen Studie wurde nun untersucht, wie effektiv das digitale Selbsthilfeangebot tatsächlich ist. Das Ergebnis ist äußerst positiv.
 

"Etwas bereitet uns Kopfschmerzen, es schlägt uns auf den Magen oder lastet auf unseren Schultern: Wir sagen das ganz selbstverständlich, ohne uns groß Gedanken darüber zu machen", erzählt Dr. Severin Hennemann. Tatsächlich aber verberge sich hinter solchen Klagen ein weit verbreitetes Phänomen, das vielen Menschen zu schaffen macht. "Sie leiden unter Spannungskopfschmerzen oder Reizdarmsyndrom, unter Herzrasen oder Schweißausbrüchen. Sie haben Atembeschwerden oder Rückenschmerzen. Doch es bleibt häufig unklar, wo der Ursprung dafür liegt, gerade wenn mehrere Symptome gemeinsam auftreten. Nur allzu oft gibt es keinen überzeugenden medizinischen Befund. Wir haben es mit komplexen Wechselwirkungen zu tun und können kaum sagen, ob nun vor allem Psyche oder Körper dafür verantwortlich sind. In solchen Fällen sprechen wir auch von funktionellen somatischen Beschwerden. Hier können psychologische Interventionen helfen, die eigenen Beschwerden und ihre Entstehungsprozesse besser zu verstehen und diese mit gezielten Strategien positiv zu beeinflussen."

Ein Team um Prof. Dr.  Michael Witthöft von der Abteilung Klinische Psychologie, Psychotherapie und Experimentelle Psychopathologie am Psychologischen Institut der JGU entwickelte das achtwöchige Onlinetraining iSOMA, mit dem es sich speziell an Studierende wendet, die unter anhaltenden und belastenden körperlichen Beschwerden leiden. Das Training ist Teil der Studicare-Plattform, die eine ganze Reihe von Interventionen für unterschiedlichste Gesundheitsprobleme bei Studierenden anbietet und in wissenschaftlichen Studien untersucht.

Werkzeugkasten aus dem Internet

Neben Hennemann zeichnet vor allem Katja Böhme für die Konzeption dieses neuen Angebots verantwortlich: Mit Unterstützung des Zentrums für Audiovisuelle Produktion (ZAP) der JGU stellte sie ein Programm zusammen, das in sieben Lektionen praktische Übungen mit verschiedensten weiteren Hilfen und grundlegenden Informationen vereint. Die Inhalte basieren auf einem evaluierten therapeutischen Manual zur Behandlung von Personen mit medizinisch unerklärten Körperbeschwerden und somatoformen Störungen.

"Die Studierenden bekommen eine Art Werkzeugkasten", erklärt Böhme. "Er enthält Strategien und Techniken, die sich in der Praxis bewährt haben und die größtenteils auf etablierten Ansätzen der kognitiven Verhaltenstherapie basieren." Zwar existierten bereits ähnliche Onlinetrainings. "Aber sie beschäftigen sich mit anderen Problemen, sehr häufig zum Beispiel mit Stress, depressiven Störungen, Angststörungen oder spezifischen Körperbeschwerden. Ein Onlineangebot das gleichermaßen auf diverse Körperbeschwerden abzielt, gab es bisher noch nicht. Dabei sind solche Beschwerden recht häufig: Bis zu 20 Prozent der Studierenden leiden darunter."

Anfang 2020 lief die Rekrutierungsphase für die Studie zur Wirksamkeit von iSOMA aus. "Das war noch vor der weltweiten Ausbreitung von Corona", betont Hennemann. "Die Auswirkungen der Pandemie spielen hier also erst mal keine Rolle. Allerdings kann iSOMA gerade in Zeiten von Kontaktbeschränkungen sehr hilfreich sein." Darauf wird er noch eingehen.

156 Studierende mit erhöhter Belastung durch Körperbeschwerden von Universitäten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nahmen an der Studie teil. "Etwa ein Viertel nutzte parallel noch ein weiteres Angebot", erläutert Böhme, "beispielsweise Gespräche in den psychotherapeutischen Beratungsstellen der Universitäten oder eine ambulante Psychotherapie. Doch das ist kein Problem: iSOMA lässt sich gut kombinieren. Das ist einer der großen Vorteile des Programms." Die teilnehmenden Studierenden wurden per Los zwei Gruppen zugeordnet: Die eine durchlief sofort das Training und bekam regelmäßig ein professionelles schriftliches Feedback, während die andere zuerst als Kontrollgruppe fungierte, bevor sie dann ebenfalls in den Genuss des Trainings kam. Alle wurden regelmäßig befragt. Danach ging es an die wissenschaftliche Auswertung.

Sieben Lektionen, professionelles Feedback

Hennemann und Böhme geben am Computer einen kurzen Einblick, wie iSOMA aufgebaut ist: Jede der sieben Lektionen beschäftigt sich mit einem eigenen Themenkomplex, etwa mit Stress und Stressbewältigung. Kurze Videos bieten Hilfestellungen: So erklärt Witthöft, wie sich Anzeichen von Stress erkennen lassen. Daneben spielen Erfahrungsberichte eine wichtige Rolle: Schauspieler schlüpften in die Rolle von Wegbegleitern, die von ihrer Situation, ihren Beschwerden und ihrem Umgang damit berichten. Teilnehmerinnen und Teilnehmer können in einem Quiz Interessantes rund um das Thema Stress erfahren und mittels Fragebogen ihre persönlichen Stressquellen kennenlernen. Daneben bietet das Training alltagstaugliche Übungen wie die progressive Muskelentspannung.

Die Studierenden dürfen die Lektionen in einem für sie passenden und angenehmen Tempo durchlaufen – wann und wo sie wollen. Außerdem können sie per App ein einwöchiges Tagebuch führen, in dem sie nicht nur ihre körperlichen Beschwerden, sondern auch Dinge wie Stimmung, Schlafverhalten, Aktivitäten und Bewältigungsmaßnahmen festhalten. "Am Ende jeder Einheit und auch zum Tagebuch bekommen sie ein professionelles Feedback von einem unserer E-Coaches, also von geschulten Psychologinnen und Psychologen", erklärt Hennemann. Böhme und zwei wissenschaftliche Hilfskräfte des Instituts übernehmen diese Aufgabe. "Auf diese Weise können wir auf jeden eingehen und noch mal Tipps geben. Außerdem bekräftigen, motivieren und unterstützen wir die Teilnehmenden, bei der Stange zu bleiben."

iSOMA ist kein Ersatz für fachärztliche oder psychotherapeutische Behandlungen. "Wir bieten vielmehr eine Möglichkeit, den Blick auf die Beschwerden zu weiten und herauszufinden, wie man die Symptome im Alltag bewältigen kann", sagt Böhme. Die Psychotherapie habe sich auf diesem Gebiet als recht wirksam erwiesen, das zeige sich gerade bei chronischen Erkrankungen. "Aber es ist schon so, dass wir etwa bei Depressionen bessere Ergebnisse erzielen", räumt Hennemann ein. "Bei anhaltenden körperlichen Beschwerden wäre es wünschenswert, dass die psychotherapeutische Intervention noch effektiver wird."

Gerade hier jedoch konnte iSOMA punkten, das zeigen die Auswertungen der Studie, zu denen das Team zurzeit Publikationen vorbereitet. "Nicht nur bei den körperlichen Beschwerden waren die Effekte hoch, auch depressive Angstsymptome konnten deutlich verringert werden", sagt Hennemann. "Etwa die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gaben Beschwerden in einem klinisch relevanten Bereich an, auch hier war iSOMA wirksam. Neun von zehn waren generell zufrieden und würden das Training Freunden empfehlen." Neben der Wirksamkeit und der Akzeptanz untersucht die Studie auch die Sicherheit. "Es gab sehr selten Fälle, in denen sich Beschwerden vorübergehend verstärkten, aber das kennen wir bereits von solchen Interventionen, das hatten wir erwartet." iSOMA wirkt also nicht nur auf die Reduktion von Belastungen durch Körperbeschwerden, das lässt sich klar belegen. Eine Variante ohne therapeutisches Feedback wurde ebenfalls untersucht: "Unbegleitet ist die Wirksamkeit zwar geringer, aber auch dort konnten wir hohe Effekte nachweisen."

iSOMA in Zeiten von Corona

"Als Nächstes wollen wir uns die einzelnen Komponenten genauer anschauen. Wir wollen wissen, in welchen Fällen welche Bausteine besonders effektiv sind und inwieweit sie sich in anderen Zusammenhängen einsetzen lassen." Aktuell ist das Training zwar nicht verfügbar, aber das soll sich ändern. "Wir bekamen auch nach Ende unserer Rekrutierung regelmäßig Anfragen. Der Bedarf für solch ein Angebot ist gegeben." Gerade im Zuge der Lockdowns scheint dies sehr plausibel, denn iSOMA setzt auf digitale Kommunikation. "Deswegen könnte es gerade jetzt besonders nützlich sein", meint Hennemann.

Im Moment arbeiten Hennemann und Böhme daran, ihr Training in das Angebot der Psychotherapeutischen Beratungsstelle (PBS) der JGU zu integrieren. "Letztlich geht es uns darum, mit iSOMA das bewährte Onlineberatungsangebot der PBS zu erweitern. Uns liegt besonders an einer niedrigschwelligen Hilfe, die Studierende praktisch im Alltag begleitet."

Hennemann blickt noch einmal auf die Auswirkungen der Pandemie und der Lockdowns. "Was die Digitalisierung angeht, hat Corona sicher eine Tür aufgestoßen – das gilt auch im Bereich von Hilfsangeboten wie iSOMA. Die Akzeptanz dafür ist gestiegen. Sie werden in einer Zeit, in der persönliche Kontakte nur sehr eingeschränkt möglich sind und die Menschen sich zugleich zusätzlichen Belastungen ausgesetzt sehen, eine wichtige Rolle spielen." Zugleich gibt der Psychologe allerdings zu bedenken: "Wir sollten uns nicht zu sehr auf Corona fixieren. Sicher ist es wichtig, sich damit auseinander zu setzen, aber es existieren weiterhin andere Themen, denen wir uns widmen müssen." Jene anhaltenden körperlichen Beschwerden, an denen viele Studierende leiden, sind nicht aus der Welt. iSOMA kann helfen.