Studierende stellen in der Kunsthalle Mainz aus

26. Mai 2020

21 Studierende der Kunsthochschule Mainz sollten mit ihren Werken zu Gast sein in der Kunsthalle Mainz: Das war der Plan vor der Corona-Pandemie. Die Schau "Wir leben auf einem Stern" musste verschoben werden, dafür präsentiert Kuratorin Lina Louisa Krämer nun ein "Intro" zur Ausstellung. Seit dem 20. Mai sind fünf Arbeiten vorab zu sehen, begleitet von Videos aller Studierenden. Aus der Not entstand eine Ausstellung mit eigenem Charakter.
 

POKY ist ein Würfel von drei Metern Kantenlänge, ein "institute of contemporary art". POKY ist eine begehbare Skulptur und ein temporärer Ausstellungsraum zugleich, geschaffen von den beiden Studierenden Julia Gerke und Alina Röbke. Zeitgleich steht er vor dem Haupteingang der Kunsthochschule Mainz, nun ist er auch zu Gast bei der Ausstellung "Wir leben auf einem Stern" in der Kunsthalle Mainz – oder genauer: beim Prolog zur späteren Ausstellung, dem "Intro".

POKY hat sich ausgefaltet im Saal. Aus dem Würfel wurde eine Fläche, deren Grundrisse jetzt als schwarze Linien auf weißem Boden erscheinen. Ein wenig wirkt er dort wie ein Spielfeld für einen unbekannten Sport und ein Spielfeld sollte POKY ja immer sein, ein Spielfeld der Kunst. Auf zwei mobilen Plattformen sind die steinernen Grundplatten des Würfels zu Hockern gestapelt, damit wird die Skulptur nicht nur begeh-, sondern in gewisser Weise sogar befahrbar. POKY hat eine Evolution durchgemacht: Im Ausstellungsraum der Kunsthalle muss der Würfel selbst nicht mehr Ausstellungsraum sein. Röbke und Gerke haben darauf reagiert. Aus POKY ist etwas Neues geworden.

Fünf Werke im Werden

Ursprünglich war für den 20. Mai 2020 eine große Schau geplant: 21 aktuelle und ehemalige Studierende der Kunsthochschule Mainz sollten in der Kunsthalle Mainz ihre Werke präsentieren. Dann jedoch kam die Corona-Pandemie. Bald war klar, dass eine Ausstellung in der geplanten Form zum geplanten Zeitpunkt nicht möglich sein würde, denn die Ateliers bleiben weitgehend geschlossen und manche Künstlerinnen und Künstler sitzen im Ausland fest.

"Wir wollten die Ausstellung aber nicht einfach verschieben, wir wollten auch nicht unsere vorherige Ausstellung verlängern, wie das andere Kunstinsitutionen in dieser schwierigen Situation gemacht haben", erzählt die Kuratorin Lina Louisa Krämer. "Wir wollten etwas Eigenes schaffen, das zur regulären Schau im Herbst hinführt." Krämer entwickelte die Idee zu "Wir leben auf einem Stern. Intro".

"Ich habe fünf Positionen eingeladen, die Räume zu gestalten, außerdem drehten alle an der späteren Ausstellung Beteiligten ein eigenes Video. Diese Arbeiten zeigen wir." Ein Balkon ragt in einen hohen Raum, auf der Wand gegenüber laufen die Clips. "Viele Studierende haben zuvor noch nie etwas gedreht, andere kennen sich sehr gut damit aus. Die Herangehensweisen sind sehr unterschiedlich."

Jule Martin etwa dokumentiert, wie sie mit einem ganz besonderen Material, mit menschlichen Haaren, arbeitet, und auch Elisabeth Schröder aus der Medienklasse von Prof. Dieter Kiessling bietet einen Blick hinter die Kulissen: Sie führt durch ein Wohnzimmer wie zu Großmutters Zeiten, mit Ölbild über dem Sofa und Stehlampe daneben. Hier entsteht gerade ihr Beitrag. Sie kommentiert, zwischendurch immer wieder hustend oder schniefend – ein sehr spezieller Kommentar zur aktuellen Lage. Überhaupt äußern sich die Studierenden in den Videos nicht nur zur Kunst. Einige reden über das Leben in Zeiten von Corona, sie berichten von ihren Endrücken, ihren Gefühlen und davon, wie Menschen "aus dem öffentlichen Raum nach und nach verschwinden".

Kunsthochschule lebt in ihren Klassen

Dieses Verschwinden hat Danijel Sijakovic in seiner Fotoreihe "Night Moves" festgehalten: "Er suchte nachts Orte in Mainz auf, die tagsüber sehr belebt sind", erzählt Krämer. Ein Werkstor ist zu sehen, eine Laderampe oder eine geöffnete Schranke, alles in Scheinwerferlicht getaucht. Ein so genannter Hollywood-Filter verleiht den menschenleeren Aufnahmen eine eigene Qualität.

"Wir leben auf einem Stern" ist ein Zitat der norwegischen Künstlerin Hanna Ryggen. Sie zog sich Mitte der 1920er Jahre auf einen Bauernhof zurück und lebte dort beinahe autark. Sie isolierte sich jedoch nicht, sondern verarbeitete in ihrer Kunst aktuelle Themen wie Nationalsozialismus und Faschismus oder ihre Rolle als Frau in der Gesellschaft. Krämer sieht Parallelen in der Institution der Kunsthochschule Mainz: Auch sie bietet eine Art Mikrokosmos, einen geschützten Raum, der aber durchlässig bleibt für Strömungen. Die Studierenden reagieren auf die Umwelt, auf das Weltgeschehen und sie gehen mit ihren Werken hinaus – zum Beispiel in die Kunsthalle. Die Kuratorin betont den Laborcharakter der Kunsthochschule, der sich in der "Intro"-Ausstellung spiegelt: Hier können die Besucherinnen und Besucher das Werden von Kunstwerken verfolgen.

"Ich habe aus jeder Klasse mindestens eine Studentin oder einen Studenten eingeladen", sagt Krämer, "denn ich denke die Kunsthochschule lebt in ihren unterschiedlichen Klassen. Auch sonst habe ich mich um einen Querschnitt bemüht: Studierende aus recht frühen Semestern sind ebenso dabei wie Meisterschülerinnen und -schüler oder Ehemalige."

Theresa Lawrenz ist Meisterschülerin in der Bildhauer-Klasse von Prof. Sabine Groß. Im letzten Saal der Ausstellung hat sie eine Mauer aus Beton und Stahl hochgezogen, korrespondierend zu einer bereits vorhandenen Mauer am gegenüberliegenden Ende des Raumes. Dieser Teil ihrer Installation "Lost & Looking" zeigt Risse und Löcher. Es wirkt, als hätte der Zahn der Zeit daran genagt. Metallstreben ragen wie ein entblößtes Skelett in die Höhe. "Ich habe an Ruinen gedacht und mich gefragt: Muss eine Ruine überhaupt zerfallen sein, um Ruine zu sein, können die Risse nicht auch künstlich sein?" Für Ihre Kunst schaut sich Lawrenz Strukturen und Techniken im städtischen Umfeld oder auf Baustellen ab. So erinnern zwei gerade entstehende Skulpturen an Schutzgitter für Bäume.

Arbeiten unter erschwerten Bedingungen

Die Studentin sieht ihre Teilnahme an der Ausstellung als Herausforderung und als Risiko: Alles musste recht kurzfristig geschehen und manche Materialien sind derzeit schwer zu beschaffen, wie der Beton, mit dem sie besonders gern arbeitet. "Ich bekam diesen Raum unter erschwerten Bedingungen. Ganz viel funktioniert im Moment nicht, aber ich soll etwas machen. Kann ich da überzeugen?"

Diese Frage können die Besucherinnen und Besucher nun beantworten: Seit dem 20. Mai 2020 ist die Kunsthalle Mainz wieder geöffnet, wenn auch unter strengen Auflagen. Die Vernissage zur Ausstellung "Wir leben auf einem Stern. Intro" lief noch digital. Am 16. Oktober 2020 folgt die Ausstellung "Wir leben auf einem Stern" mit Werken von 21 Studierenden und Ehemaligen der Kunsthochschule Mainz.

Für Dr. Martin Henatsch, den Rektor der Kunsthochschule Mainz, ist diese doppelte Schau ein lebendiger Ausdruck  für den regen Austausch zwischen der Kunsthalle und seinem Haus. "Nachdem die letzte Studierendenausstellung in der Kunsthalle mittlerweile ein Jahrzehnt zurückliegt, rücken die beiden aus meiner Sicht wichtigsten Institutionen für zeitgenössische Kunst in Mainz wieder näher zusammen", meint er. "Damit sind wir auf dem richtigen Weg." Er verfolgt mit viel Interesse, was unter der Regie von Krämer entsteht: "Sie hat als Kuratorin der Kunsthalle natürlich einen ganz anderen Blick auf die Kunsthochschule als ich, aber das finde ich spannend. Es ist großartig, dass die Ausstellung nicht einfach verschoben wurde, sondern dass etwas Zusätzliches entstehen konnte: Dieses Intro ist mehr als nur ein Appetithappen auf die kommende Ausstellung."