Klimawandel hier und jetzt

22. September 2020

Die Scientists for Future Mainz/Wiesbaden formierten sich Anfang 2019. Sie wollen das Thema Klimawandel auf der regionalen Ebene präsent machen. Das Institut für Physik der Atmosphäre der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) war die Keimzelle für die Initiative. Mittlerweile zählt die Gruppe rund 20 aktive Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
 

"Ich habe den Eindruck, dass der Klimawandel sehr weit weg ist vom Alltag der Menschen", sagt Dr. Franziska Teubler vom Institut für Physik der Atmosphäre der JGU. "Viele denken, es sei etwas, das in der Arktis stattfindet oder irgendwann in der Zukunft. Deswegen müssen wir das Thema auf die lokale Ebene bringen. Wir müssen klar machen, was hier und jetzt passiert und was jeder von uns konkret tun kann, um gegenzusteuern." Ihr Kollege Dr. Heiko Bozem führt den Gedanken fort: "Wenn wir dahin kommen, dass die breite Öffentlichkeit sich des Problems bewusst wird, wenn sie es realistisch einordnen kann, dann werden die Menschen zweifellos erkennen, dass dringend was passieren muss."

Damit haben die beiden in wenigen Sätzen skizziert, worum es den Scientists for Future der Ortsgruppe Mainz/Wiesbaden vor allem geht: Sie wollen auf ihr direktes Umfeld einwirken, wollen vor Ort informieren und konstruktive Ideen einbringen. Teubler und Bozem sind gemeinsam mit Roland Bednarz vom Department Chemie der JGU in den Botanischen Garten am Rande des Mainzer Campus gekommen, um von diesem Engagement zu erzählen. Hier im Grünen lassen sich die Corona-Regeln problemlos einhalten.

Unterstützung für Fridays for Future

Am 12. März 2019 machten die Scientists for Future das erste Mal Schlagzeilen. Auf Pressekonferenzen in Wien, Graz und Berlin präsentierten sie eine Stellungnahme, in der sie unter anderem mahnten: "Nur wenn wir rasch und konsequent handeln, können wir die Erderwärmung begrenzen, das Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten aufhalten, die natürlichen Lebensgrundlagen bewahren und eine lebenswerte Zukunft für derzeit lebende und kommende Generationen gewinnen.“ Sie sagten den Schülerinnen und Schülern von Fridays for Future ihre Unterstützung zu, und lobten deren Engagement, das drei Tage später in einem ersten weltweit organisierten Klimastreik gipfeln sollte: An die 1,8 Millionen Menschen gingen auf die Straße.

"In Mainz haben wir uns zuerst am Institut für Physik der Atmosphäre zusammengesetzt", erzählt Bozem. "Wir überlegten, wie wir die Schülerinnen und Schüler von Fridays for Future unterstützen können. Also luden wir einige von ihnen zu einem ausführlichen Gespräch ein, um zu erfahren, was sie sich von uns erhoffen, was wir konkret für sie tun können. Wir boten an, Faktenwissen zu vermitteln oder vielleicht auch eine Art wissenschaftliche Beraterrolle einzunehmen. In der Folge konzipierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen mit Schülerinnen und Schülern unter anderem zwei Unterrichtsstunden rund um den Klimawandel.

"Aus diesen Anfängen entwickelte sich unsere Regionalgruppe", so Bednarz. "Seit August vorigen Jahres treffen wir uns regelmäßig alle zwei Wochen." Auf der Mailing-Liste der Scientists for Future Mainz/Wiesbaden finden sich mittlerweile rund 140 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Region, 20 bis 25 bilden den aktiven Kern. Das Gros rekrutiert sich aus den verschiedensten Bereichen der JGU. "Vor allem aus den Naturwissenschaften bekommen wir viel Zuspruch. Das ist in vielen Regionalgruppen anders: Dort dominieren oft die Geisteswissenschaften."

"Wir fragten uns, wo wir unsere Rolle zwischen all den bereits vorhandenen Gruppierungen sehen", erzählt Bozem. "Sicher ist es gut, dass Fridays for Future mit zum Teil provokanten Thesen und zweifelsohne gerechtfertigten Forderungen aufrüttelt und so das Thema Klimawandel ins Bewusstsein der Menschen bringt. Aber wir wollten einen anderen Weg gehen. Wir dachten uns, als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wären wir gut beraten, Sachverhalte ganz nüchtern auf faktenbasierter Ebene einzuordnen. Wir wollen der Klimabewegung beratend zur Seite stehen und sie kritisch begleiten. Panikmache ist nicht unser Ding. Das hielte ich auch für kontraproduktiv."

Studium generale, VHS, Meenzer Science-Schoppe

"Wir wollen verständlich informieren", sagt Bednarz. "Um aber mehr Menschen zu erreichen, müssen wir neue Wege finden. Es reicht nicht, wenn wir einen Vortrag auf dem Campus anbieten", meint der Chemiker. "Wissenschaft ist häufig etwas, das hinter verschlossenen Türen stattfindet", ergänzt Teubler. "Wir denken aber, wir sollten unsere Türen weit öffnen, um miteinander zu diskutieren." Die Scientists for Future Mainz/Wiesbaden wollen Öffentlichkeit herstellen. "Wir nahmen dieses Jahr sogar am Rosenmontagszug teil", erzählt Bozem.

Auch wenn die Corona-Pandemie danach viele Pläne zunichtemachte, bleibt die Regionalgruppe nicht untätig. Sie ist mit Veranstaltungen an der Mainzer Volkshochschule oder beim Studium generale der JGU zu Gast, und jüngst organisierte sie in der populären Reihe "Meenzer Science-Schoppe" zwei Abende am Mainzer Rheinstrand: Unter dem Titel Erkläre mir den Klimawandel – Ein Rollenspiel über Fakten, Wissen und Halbwissen" diskutierten Bozem und Dr. Vera Bense vom Institut für Physik der Atmosphäre der JGU mit ihrem Publikum, und Dr. Ralf Schiebel vom Max-Planck-Institut für Chemie wagte mit dem Vortrag "Klimawandel – Wenn der Rheinstrand breiter wird" einen Blick in die Zukunft.

Zudem treten die Scientists for Future Mainz/Wiesbaden mit der Posterreihe "Klimafakten Mainz" an die Öffentlichkeit. In den Schaufenstern des Einzelhandels werben ihre Plakate für Upcycling, für lokales Einkaufen oder für umweltfreundliche Mobilität: "Mit dem Fahrrad schützt du deine Lieben durch Einhaltung des Corona-Mindestabstands und CO2-Vermeidung. Außerdem macht's Spaß", ist dort zu lesen. Daneben findet sich ein konkreter Klimafakt: "Mit dem Rad von Gonsenheim in die Oberstadt und zurück: Das spart 1,5 kg CO2 im Vergleich zur Autofahrt." Bednarz meint dazu: "Wir wollen positive Informationen beisteuern und vermitteln, dass jeder einzelne etwas tun kann."

Fragen stellen und sachlich informieren

Die Ortsgruppe knüpft auf verschiedensten Ebenen Verbindungen: "Unser Kontakt zu Parents for Future, Fridays for Future und Students for Future ist super", sagt Teubler. "Wir tauschen uns intensiv aus. Die Students unterstützen uns zum Beispiel bei der Öffentlichkeitsarbeit." In Richtung Land, Kommune und Parteien gibt es ebenfalls Verbindungen. "Die Altstadt-SPD fragte an, was sie in ihrem Stadtteil für den Klimaschutz tun kann. Darüber diskutieren wir nun. Wir würden auch gern ein Mitglied für den Klimabeirat der Stadt Mainz stellen, aber da ist bisher noch nichts draus geworden." Bozem meint: "An der JGU treffen wir gerade von Seiten der Professorinnen und Professoren auf viel Verständnis. Wenn wir jemanden für einen Vortrag brauchen, müssen wir nicht lange suchen."

Die Scientists for Future Mainz/Wiesbaden werden weiter in Sachen Klimawandel informieren. "Durch den Corona-Lockdown erreicht Deutschland jetzt doch noch seine Klimaziele für 2020, wenn auch eher aus Versehen", greift Teubler einen aktuellen Aspekt auf. "Aber was ist, wenn die Wirtschaft wieder hochfährt? Solche Fragen müssen wir in der Öffentlichkeit stellen." Bozem blickt in Richtung Regierung: "Ich weiß nicht, ob die Politik versteht, wie sehr sich Geld auszahlt, das sie heute in den Klimaschutz steckt. Wir wissen, dass Handeln jetzt etwas bringt. Später könnte es um ein Vielfaches teurer werden, die Auswirkungen des voranschreitenden Klimawandels zu mildern."