Vielfalt ermöglichen, fördern und schätzen

14. Oktober 2020

Hochschulen sind Orte, an denen Vielfalt gelebt wird: Das scheint allzu selbstverständlich. Die Verantwortlichen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) jedoch begnügen sich nicht mit diesem Gemeinplatz. Sie arbeiten seit Jahren an einer umfassenden Diversitätsstrategie, die allen Mitgliedern der JGU die bestmögliche Teilhabe an universitären Prozessen, Strukturen und Ressourcen ermöglichen soll – und das unabhängig von Alter, Geschlecht, sozialem Hintergrund, Herkunft, Religion, sexueller Identität und Orientierung, körperlichen Fähigkeiten sowie individueller Lebenssituation.
 

"Hier an der JGU bieten wir ein gutes Umfeld für Diversität", meint Dr. Maria Lau. "Trotzdem gibt es noch viel zu tun." Die Leiterin der Stabsstelle Gleichstellung und Diversität schätzt die Weltoffenheit und Wertschätzung von Vielfalt an der JGU. Zudem sieht sie eine ganze Reihe positiver Entwicklungen in Richtung Inklusivität. "Es geht uns immer wieder darum, Bewusstsein für eine diversitätsorientierte Universitätskultur zu schaffen und dieses auf allen Ebenen fest zu verankern", betont sie.

Im Jahr 2008 kam Lau zum damaligen Frauenbüro der JGU. "Ich leitete damals unter anderem ein Projekt, das Studentinnen bei ihrer Karriereplanung beriet. Nach und nach erweiterte sich allerdings mein Fokus über die Frauenförderung hinaus. Es war mir wichtig, zum einen auch andere Diskriminierungsrisiken mit einzubeziehen, etwa die soziale Schicht oder den finanziellen Hintergrund von Studierenden, und zum anderen ebenso die institutionelle Ebene in den Blick zu nehmen."

Gemeinsam mit Stefanie Schmidberger, der Leiterin des Familien-Servicebüros an der JGU, stieß Lau im Frühjahr 2013 auf eine Initiative des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft – das Diversity-Audit "Vielfalt gestalten" mit dem Ziel der Entwicklung und Implementierung einer hochschulspezifischen Diversitätsstrategie. Mit weiterer Unterstützung durch Sarah Kirschmann, seinerzeit Persönliche Referentin des Präsidenten, trugen Lau und Schmidberger die Idee an die Hochschulleitung heran und erhielten viel Zustimmung für das Vorhaben. Die Universität bewarb sich und Anfang 2015 wurde das Auditierungsverfahren eröffnet. Lau wechselte vom Frauenbüro ins Projekt Diversität.

Ganzheitlicher, diversitätsorientierter Ansatz

"Es gab damals bereits sehr viele und sehr gut etablierte zielgruppenorientierte Angebote an der JGU, zum Beispiel die Psychotherapeutische Beratungsstelle, den Service für barrierefreies Studieren, das Familien-Servicebüro", erzählt Dr. Maria Lau. "Was aus strategischer Perspektive fehlte, war ein ganzheitlicher, diversitätsorientierter Ansatz, der alles miteinander verbinden, das Thema stärker in den universitären Strukturen verankern und gleichzeitig Raum bieten würde, Exklusionsmechanismen in den Blick zu nehmen, die bisher nicht im Fokus standen."

Eine Steuerungsgruppe wurde gegründet, in der neben Lau, Schmidberger und Kirschmann auch JGU-Präsident Prof. Dr. Georg Krausch und der damalige Leiter der Abteilung Studium und Lehre, Prof. Dr. Bernhard Einig, vertreten waren. Hinzu kam ein Lenkungskreis, dessen Mitglieder verschiedenste Gruppen der Hochschule repräsentierten.

"Der Stifterverband sah vor, dass die Steuerungsgruppe fünfköpfig, der Lenkungskreis zwölfköpfig zu besetzen sei", erzählt Lau. "Uns war das zu wenig. Wir riefen einen Arbeitskreis Diversität ins Leben, über den wir noch mehr Menschen in den Prozess einbeziehen konnten. Es war unser Ziel, uns in einem partizipativen Prozess mit möglichst vielen Mitgliedern der Universität auszutauschen." Das gelang in den kommenden zwei Jahren über Strategie-Workshops, Teilprojekte und verschiedenste andere Aktivitäten. Im Februar 2017 schließlich wurde die JGU mit dem Zertifikat "Vielfalt gestalten" ausgezeichnet – als eine von damals bundesweit 25 Hochschulen, heute sind es bereits 42.

Doch der Prozess sollte fortgeführt werden, darin waren sich alle Verantwortlichen einig. 2018 ging es an die Umstrukturierung des ehemaligen Frauenbüros: Unter Leitung von Lau ist es als Stabsstelle Gleichstellung und Diversität direkt dem Präsidenten der JGU zugeordnet. Von hier kommen, unterstützt durch die Diversitäts-Koordinationsstelle, weitere Impulse.

Universität als Impulsgeberin

"Mittlerweile führen wir regelmäßig Studierendenbefragungen zum Thema Diversität durch und versuchen ganz generell, viel mit unseren Studierenden zu kommunizieren – auch über Themen wie Rassismus und sexuelle Belästigung", berichtet Lau. Und in den letzten Monaten ist ein neues Thema aufgekommen: Die Umstände in Zeiten der Corona-Pandemie machen besonders den wirtschaftlich schwächer gestellten Studierenden zu schaffen. "Viele haben ihren Job verloren, über den sie ihr Studium finanzieren müssen. Es fehlen hier und da auch einfach Ressourcen, um an digitalen Lehrformaten teilzunehmen. Wir versuchen auszuhelfen, indem wir etwa Notebooks zur Verfügung stellen. Grundsätzlich ist das momentane Social Distancing eine Herausforderung für all jene, die sich an der Universität erst zurechtfinden müssen oder die ohnehin bereits belastet sind."

Doch Lau merkt auch, wie das Thema Diversität mehr und mehr Beachtung findet. "Ich bin Mitglied in einem Arbeitskreis, in dem Studierende, Forschende und Beschäftigte der Verwaltung regelmäßig zusammenkommen. Wir arbeiten hier aktuell an einer Handreichung zu diskriminierungsarmer Sprache." In den vergangenen Monaten sind genau dazu eine ganze Reihe von Anfragen seitens des Campus bei unserer Stabsstelle eingegangen. "Das ist ein Thema, bei dem mitunter jahrelange Gewohnheiten und auch Emotionen in die Diskussion einfließen. Wie der öffentlichen Debatte zu diesem Thema zu entnehmen ist, wird diskriminierungsarme Sprache von manchen auch schlicht als nebensächlich erachtet."

Dagegen argumentiert Lau vehement: "Als Universität sollten wir Impulsgeberin sein. Das gilt ganz besonders für ein diskriminierungsarmes Lern-, Forschungs-Arbeitsumfeld. Und wir sollten nicht aus dem Blick verlieren, dass es auch darum geht, dass hier an der Universität alle ihr Potenzial möglichst optimal entfalten können."

Diversitätsstrategie für umfassenden Kulturwandel

In einem breit getragenen Diskussionsprozess über die vollständige und gleichberechtigte Teilhabe aller Mitglieder der Universität an universitären Prozessen und Ressourcen wurde über die letzten Monate und Jahre hinweg eine Diversitätsstrategie entwickelt, die Lau und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter in den kommenden Wochen dem Senat der JGU vorlegen werden. Darin geht es um einen umfassenden Kulturwandel. Chancengleichheit, die Bekämpfung von Diskriminierung, der Abbau von Exklusionsmechanismen sowie die Förderung von diversitätsorientierter Lehre und Nachwuchsförderung stehen im Mittelpunkt.

"Unser erstes großes Thema ist die institutionelle Sensibilisierung im Hinblick auf mögliche Diskriminierungsrisiken, aber auch die Sichtbarmachung von Vielfalt und unterschiedlichen Bedürfnissen und Voraussetzungen: Wie schaffe ich eine Willkommenskultur? Wie kann eine Lehrperson wichtige Kompetenzen für eine diversitätsorientierte Lehre erwerben? Wie gestalte ich eine Exkursion oder eine Tagung diversitätssensibel?" Lau bringt die Idee eines Perspektivwechsels ins Spiel: Wer aus einem anderen Blickwinkel auf Dinge schaut, gewinnt Einsichten. "Bei einer internationalen Exkursion könnte ich mir Gedanken machen, ob die Reise in ein Land geht, in dem homosexuelle Menschen verfolgt sind. Ich könnte mich fragen, wie ich Partizipationsmöglichkeiten für Teilnehmende mit einer Behinderung sicherstelle, ob ich die Aktivitäten und Ruhezeiten in Hinblick auf die Belastbarkeit der teilnehmenden Personen angemessen geplant habe – oder ob sich wirklich alle die Reise leisten können. Zudem könnte ich überlegen, ob ich die Möglichkeit habe, besondere Fähigkeiten der Teilnehmenden in meine Planung einzubeziehen."

"Diversität bereichert. Das betonen wir immer wieder. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Voraussetzungen bringen unterschiedliche Kenntnisse und Qualifikationen mit. Davon profitieren alle – Studierende, Lehrende und Forschende ebenso wie die Verwaltung", so Lau. Nur müssten mitunter noch der Blick dafür geschärft, der Perspektivwechsel eingeübt, konkrete Hilfestellungen an die Hand gegeben werden. "Mittlerweile werde ich von verschiedensten Seiten in unterschiedlichsten Kontexten ganz selbstverständlich angefragt, ob ich aus Diversitätsperspektive etwas beitragen kann. Das freut mich sehr. Und natürlich ist es auch kein Problem, wenn jemand dem Thema kritisch gegenübersteht oder Fragen hat. Dann können wir uns im universitären Umfeld austauschen und diskutieren. Das gehört dazu. Dann wird Diversität an der JGU ernst genommen und gelebt."