Von schlürfenden Spinnen und tierischen Topmodels

8. Dezember 2020

50 Lehramtsstudierende der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) haben eine Videoreihe zur "Natur des Jahres 2020" produziert. Herausgekommen sind dabei 16 Kurzfilme, die Schülerinnen und Schüler neugierig machen sollen auf die Vielfalt der Biologie. Die Inhalte reichen von Bienen und Blumen bis hin zu raffinierten Jägern. Lehrkräfte können das kostenfreie Material direkt in ihren Unterricht einbinden.
 

Auf der Landwirtschaftsausstellung 1857 wird das schönste Rind der Habsburger Monarchie ausgezeichnet: "Wien's next Topmodel". Diesmal hatten weder das Holstein-, das Angus- oder das Charolais-Rind eine Chance. Es gewinnt: das Pustertaler Rind! "Kein Wunder, es kostet ja auch dreimal so viel wie jedes andere Rind, und es ist am Ende des 19. Jahrhunderts die leistungsstärkste Rasse der Alpen", berichtet Céline Klingel. Das Tier glänzt als Multitalent: "Es produziert nicht nur viel Fleisch und Milch, sondern kann auch sehr leicht viele Kälber auf die Welt bringen und zusätzlich noch als Pflugtier eingesetzt werden. Doch wie kann dieses Rind, das vor über 100 Jahren noch als Nutztier eingesetzt wurde, heute vom Aussterben bedroht sein? Habt ihr dazu eine Idee?" Gemeinsam mit Anna Bernardini und Paul Birx gibt Klingel in ihrem siebenminütigen Video die Antwort darauf.

Im Sommersemester produzierten 50 Studierende 16 kurze Erklärvideos: Darin stellen sie unter anderem den Baum und den Fisch, das Reptil und den Pilz des Jahres 2020 vor – oder eben jene bedrohte Nutztierrasse: das famose Pustertaler Rind, das angesichts der modernen Fleisch- und Milchproduktionen keinen Platz mehr findet zwischen seinen hoch spezialisierten Verwandten.

Vom Schlürfen der Jagdspinne

Die Videoreihe "Die Natur des Jahres 2020 – Fakten & Fun Facts" entstand im Zuge eines Moduls zum Studiengang Master of Education Biologie. Prof. Dr. Daniel Dreesmann, Leiter der Arbeitsgruppe Didaktik der Biologie am Institut für Organismische und Molekulare Evolutionsbiologie der JGU, bot das Seminar an und ist mehr als zufrieden mit dem Ergebnis. "Ich muss ein Riesenlob an die Studierenden aussprechen", meint er. "Alle haben hervorragende Arbeit geleistet und sehr kreative Produktionen vorgelegt. Mit solch einer hohen Qualität hatte ich angesichts der ungewohnten Rahmenbedingungen des Sommersemesters nicht gerechnet, doch die Studierenden haben sich wirklich ordentlich ins Zeug gelegt! "

Seine AG stellt alle Ergebnisse kostenfrei zur Verfügung. Gemeinsam mit dem ebenfalls von den Studierenden erstellten Begleitmaterial können die Erklärvideos im Biologie- und Sachkundeunterricht eingesetzt werden: als kurze Einheit oder als Anstoß, ein Thema zu vertiefen. "Wir wenden uns vor allem an die fünften bis zehnten Klassen", erklärt Philipp Hofmann. Er drehte mit Julia Conrad und Lina Rösch einen Streifen über die Spinne des Jahres.

Die Gerandete Jagdspinne kann übers Wasser laufen und in einer Luftblase abtauchen, um kleine Fische oder Kaulquappen zu jagen. Das Video zeigt aber auch, wie sie im Grünen Insekten nachstellt: "Zuerst fängt die Spinne ihre Beute und tötet sie durch einen Giftbiss innerhalb von nur wenigen Sekunden. Anschließend zerkleinert sie ihre Beute mit den Kieferklauen und mischt sie dabei mit einem Verdauungssaft. Den dabei entstandenen Verdauungsbrei kann sie dann mit Hilfe ihres Saugmagens schlürfen." Dieses Schlürfen ist nun überdeutlich zu hören.

"Ich suchte zuerst im Netz, ob ich irgendwo Geräusche kostenlos herunterladen kann", erzählt Hofmann. Das allerdings entpuppte sich als schwierig. "Also habe ich mich mit einem Glas Wasser und einem Strohhalm vor den PC gesetzt." Jenseits dieses Soundeffekts setzt seine Gruppe eher auf die Faszination des Faktischen: Es ist ein Sachvideo mit Informationen zu Aussehen, Verbreitung und Lebensweise einer Spinne entstanden, deren Lebensraum mehr und mehr schwindet.

Teams konnten frei und kreativ arbeiten

"Wir haben uns nicht zuletzt für dieses Tier entschieden, weil es leichter fällt, darüber ein spannendes Video zu machen als zum Beispiel über einen Baum oder einen Pilz." Die Aufgaben verteilte die Gruppe im Losverfahren – Hofmann sprach die Kommentare zu den diversen Filmsequenzen ein. "Ich verschickte die einzelnen Textabschnitte als Sprachnachrichten, so konnten wir sie relativ einfach den verschiedenen Kapiteln unterlegen."

Zunächst vermittelten Dreesmann und AG-Mitarbeiterin Liane Flemming einige grundlegende Informationen zur Recherche, zur Beschaffung von Bildmaterial und zu einem geeigneten Programm für die Videoproduktionen. "Unsere Filmteams bekamen viele Freiheiten", erzählt Flemming, "denn nur, wenn wir eine gewisse Kreativität zulassen, bekommen wir auch die Vielfalt, die wir am Schluss erreichen wollten." Ein gewisser Rahmen war zwar gegeben: Insbesondere sollte keines der Videos entschieden länger als fünf Minuten werden. Dann jedoch ließen sie die Studierenden arbeiten – und in einigen Fällen kräftig improvisieren. "Das Video zu den Spinnen geht schon sehr von der Biologie aus. Das passt aber auch sehr gut, weil das Tier an sich bereits für viele eine Faszination ausstrahlt. Andere mussten ihr potenzielles Publikum erst mal für ihr Thema interessieren. Doch auch das ist allen sehr gut gelungen."

"Didaktisch wussten wir schon recht gut, wo es hingehen soll", meint Klingel. "Allerdings brauchten wir einen spannenden Aufhänger, und auch sonst waren viele Entscheidungen zu treffen: Soll es eine einzelne Sprecherin geben, oder wollen wir das besser auf mehrere verteilen? Welche Bildsequenzen nutzen wir, und wie schneiden wir das Ganze? Wir haben uns an verschiedenste Stellen gewendet, um zusätzliches Material zu bekommen, und alle waren sehr hilfreich. Sie wollten als Gegenleistung nur das fertige Video sehen." Dies war bei Hofmanns Team leider anders: "Entweder bekamen wir gar keine Antwort, oder es gab gleich Honorarforderungen", erzählt er.

Klara Pippart, Sarah Guth und Anna Schneider produzierten einen Film zur Auen-Schenkelbiene, der Wildbiene des Jahres 2020. "Wir teilten uns die Arbeit auf", erzählt Pippart. "Sarah war für Bild und Ton verantwortlich, ich schrieb den Text und übernahm die Sprechrolle, Anna steuerte Zeichnungen und Animation bei. Es war zwar richtig viel Aufwand, aber dafür haben wir etwas geleistet, das uns weiterbringt, und wir können wirklich ein Ergebnis vorzeigen."

Herausragendes Ergebnis trotz Corona

Im Video führt Pippart ins Thema ein: "Wir lernen jetzt ganz viele interessante Dinge über … Bienchen und Blümchen … wenn ihr wisst was ich meine … mit Bestäubung und so." Text und Bild sind in dieser Produktion auch dank der Animationsszenen stark verschränkt. Das Publikum lernt eine Biene jenseits der gängigen Klischees kennen, und es erfährt auch hier von der Bedrohung eines Tieres. Der Streifen endet mit drei praktischen Tipps zur Bienenrettung.

"Mit unserem begleitenden Unterrichtsmaterial wollten wir die Schülerinnen und Schüler anregen, selbst aktiv zu werden", so Pippart. In einem für den Pausenhof konzipierten Spiel schlüpfen die Kinder in die Rolle von Bienen. Sie sammeln zuerst Pflanzenöle und setzen sich später mit Schmarotzern oder Insektiziden auseinander.

Zum Schluss kann Dreesmann ein Thema nicht unerwähnt lassen: "In diesem Jahr hat uns die Corona-Pandemie eiskalt erwischt. Wir mussten uns alle völlig umstellen, fast alles lief digital ab. Auch ich selbst habe viel gelernt. Es ist etwas völlig anderes, ob ich eine Vorlesung live halte oder aufzeichne – und ob ich im Seminar einfach in die Runde fragen kann: 'Wer hat Erfahrung mit Filmschnitt? Sie? Wunderbar, dann können Sie uns helfen.'" Der Didaktik-Professor freut sich darüber, wie gut alles insgesamt funktioniert hat – aber noch mehr freut er sich schon darauf, wenn er die Studierenden wieder zu Präsenzveranstaltungen auf dem Campus begrüßen kann.