"Die Mathematik fasziniert mich immer wieder neu"

26. November 2020

Sie gehört zu den jüngsten Professorinnen in Deutschland – und das in einem Fach, in dem Frauen nach wie vor unterrepräsentiert sind: Lisa Hartung begann noch während ihrer Schulzeit mit dem Mathematikstudium. 2019 wurde sie mit 27 Jahren auf eine Juniorprofessur an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) berufen, im Jahr darauf übernahm sie eine reguläre Professur am Institut für Mathematik.
 

Dass sie immer mal wieder für eine Studentin gehalten wird, kümmert Prof. Dr. Lisa Hartung nicht großartig, dafür hat sie nur ein gleichgültiges Schulterzucken übrig. Das passiere halt und sei nicht weiter tragisch, meint sie. Aber darum soll es ja auch nicht gehen in diesem Gespräch: Die 29-Jährige möchte ein wenig davon erzählen, wie sie zur Mathematik kam und was sie an die JGU führte.

Mit 15 Jahren begann Hartung ihr Mathematikstudium an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. "Tatsächlich fing ich damit an, weil ich die Schule so langweilig fand", meint sie. "Dort werden einem bestimmte Rechenregeln beigebracht, und dann muss man Aufgaben danach lösen. Im Studium dagegen lernt man vor allem abstrakte Argumentationsführung. Der Teil, wo man wirklich knobeln muss, ist viel größer. Es geht darum, tiefergehende Strukturen zu verstehen. Mathematik ist im Studium völlig anders als im Schulunterricht. Das stellt für viele, die an die Universität kommen, ein großes Hindernis dar: Plötzlich rechnen sie nicht mehr mit Zahlen, sondern mit abstrakten Formelzeichen."

Erst Vordiplom, dann Abitur

Hartungs Eltern sind beide Mathematiker, doch hier sieht sie keinen direkten Zusammenhang, auch wenn sie von ihnen unterstützt und bestärkt wurde. "Mein Zwillingsbruder arbeitet als Baumaschinenführer, und aus mir hätte ebenfalls etwas ganz anderes werden können. Aber die Mathematik fasziniert mich immer wieder neu, nichts anderes hat mich auf Dauer so sehr gepackt." Ihr Schulleiter kam darauf, sie für ein Frühstudium anzumelden. Von da an besuchte sie mit Begeisterung die Universität. 

2009 absolvierte sie noch kurz vor ihrem Abitur das Vordiplom in Mathematik. "Dass es so schnell ging, war eigentlich Zufall: Gerade fand die Umstellung auf die Bachelor- und Masterstudiengänge statt. Ich hatte aber schon so viele Vorlesungen fürs Diplom gehört, dass ich mich für den alten Studiengang entschied." Dieser Abschluss allerdings ließ sich nicht nach hinten hinausschieben.

Neben der Mathematik studierte Hartung Wirtschaftswissenschaften in Bonn. "Ich wollte herausfinden, ob das etwas für mich ist." Im Sommer 2011 absolvierte sie ihren Bachelor of Science, gut ein halbes Jahr später folgte das Mathematikdiplom. Hartung hatte sich inzwischen auf die Stochastik spezialisiert. "Dort wurden die Veranstaltungen angeboten, die ich am spannendsten fand."

Stochastik, Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik sind bis heute ihre Forschungsgebiete. Wenn sie allerdings näher davon spricht, wird es schwierig: "Ich beschäftigte mich mit Energielandschaften, mit Systemen, in denen Energie in verschiedensten Zuständen im Wechselspiel steht. Mich interessieren dazu die grundlegenden, sehr abstrakten Modelle."

Grübeln über einem Blatt Papier

Hartung betreibt Grundlagenforschung reinsten Wassers. "Im Grunde sitze ich über einem Blatt Papier und grüble. Wenn ich Glück habe, sitzt noch jemand anderes dabei und grübelt mit." Dies sei eine der besonderen Qualitäten der Mathematik: "Die Diskussion, der Austausch mit anderen bringt einen voran. Diese Interaktion gefällt mir sehr gut." Allerdings spürt sie auch den Druck, Forschungsergebnisse vorzuweisen. "Es kann sehr frustrierend sein, wenn man mit dem Grübeln einfach nicht weiterkommt. Außerdem braucht man Ergebnisse, um sich erfolgreich bewerben zu können."

Ihren Doktorvater Anton Bovier vom Hausdorff-Zentrum für Mathematik der Universität Bonn hebt Hartung besonders hervor. "Er hat mich über Jahre hinweg sehr unterstützt. Wenn es mal nicht voran ging, sagte er: Lisa, du schaffst das!" Sie schaffte es mit Auszeichnung: Die Fachgruppe Stochastik der Deutschen Mathematiker-Vereinigung bedachte ihre Dissertation mit einem Förderpreis.

Bovier ermutigte Hartung, als sie sich auf Postdoc-Stellen bewarb. "Wenn ich schon woanders hin sollte, dann wollte ich wirklich weit weg. Holland zum Beispiel wäre mir zu sehr in der Nachbarschaft gewesen." Sie entschied sich für das Courant Institute of Mathematical Science der New York University – und wurde genommen. Drei Jahre unterrichtete und forschte sie dort.

"In dieser Zeit schaute ich mich bereits nach einer passenden Stelle für später um." Die durfte auch ruhig wieder in Deutschland sein: Hartung bewarb sich auf eine Juniorprofessur an der JGU. "Bonn und Mainz sind sich ähnlich", begründet sie ihre Wahl mit einem leisen Schmunzeln. "Beide sind römische Städte, liegen am Rhein und haben etwa gleich viele Einwohner." Tatsächlich fühlt sie sich wohl an der Mainzer Universität. "Die Atmosphäre am Institut ist sehr kollegial, wir verstehen uns. Ich bin hier nicht die Neue, der man erst mal Dinge zuweist. Es hieß gleich zu Beginn: Komm, wir setzen uns zusammen und schauen, was wir die nächsten Jahre machen können, was wir für die Studierenden anbieten."

Wenige Professorinnen in der Mathematik

Trotz dieses Empfangs gab es einen Moment, der Hartung ins Nachdenken kommen ließ: "Ich bekam das Angebot, an einem Max-Planck-Institut eine Nachwuchsforschungsgruppe aufzubauen. Das wäre noch mal eine völlig andere Herausforderung gewesen." Dann allerdings ging ein Mainzer Kollege in Ruhestand, und es wurde eine reguläre Professur frei. "Das ist eine große Chance", sagt Hartung. "In unserem Fach gibt es relativ wenig Frauen und es gibt noch viel weniger, die Professorinnen werden. Die meisten studieren auf Lehramt, nur ein kleiner Teil geht in die Forschung."

Nun lebt sie sich ein in ihr neues Amt. "Ich mag die Mischung: Ich kümmere mich um Lehre und Forschung, aber auch um meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie um administrative Belange. Letztens saß ich zum Beispiel in einer Berufungskommission. Das war wieder eine ganz neue Erfahrung." Nichts davon möchte sie missen. "Ich will meine Vorlesung halten, aber auch Zeit für die eigene Forschung haben. Das alles gehört für mich zusammen."

Jüngst veränderte Corona so einiges, aber auch hier lässt sich Hartung nicht unterkriegen. "Ich habe den Eindruck, dass unsere Studierenden gut mit den digitalen Medien klarkommen. Es findet weiter viel Kommunikation statt. Natürlich wäre es schön, sich persönlich zu sehen, sich wieder mehr mit Doktorandinnen, Doktoranden oder Postdocs zu treffen. Aber bei den Veranstaltungen sind alle gut dabei. Wir kommen klar. Ich finde sogar Zeit, meine eigene Arbeitsgruppe in der Stochastik aufzubauen."