"Wir wollen ein lebendiges Haus"

12. Februar 2021

Im Sommer 2019 übernahmen Martina Habner-Keiffenheim und Nicole Roth als Doppelspitze die Leitung des Deutschen Kabarettarchivs – bundesweit eine einzigartige Institution. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, viel Leben in ihr Haus zu bringen. Das allerdings fällt schwer in Zeiten der Pandemie. Die beiden vereint nicht nur ihre Liebe zum Schauspiel und zur Kleinkunst, sondern auch ihre Alma Mater: Sie studierten an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU).
 

Im Vorfeld hatte Martina Habner-Keiffenheim noch gewarnt: "Unser Archiv wirkt im Moment ziemlich leer, weil wir die Räumlichkeiten für unsere kommende Ausstellung vorbereiten." Tatsächlich aber gibt es immer noch einiges zu sehen in den weiten Gewölben des alten Mainzer Proviantmagazins: Allein die Bibliothek umfasst rund 33.000 Bände und mehr als 25.000 Tonträger. Hinzu kommen unzählige Ordner mit Manuskripten, mit Regiebüchern, mit Nachlässen von 92 Kabarettistinnen und Kabarettisten sowie allerlei anderen Dokumenten. Auf dem Weg zur hauseigenen Bühne geht es an einer Bar vorbei, an Wänden voller Fotos und Karikaturen, an Büsten von Hanns Dieter Hüsch und Dieter Hildebrandt.

"Im Moment liegt das Deutsche Kabarettarchiv wegen Corona in einer Art Winterschlaf", meint Habner-Keiffenheim. Sie bedauert das sehr. "Wir wollen ein lebendiges Haus und freuen uns immer, wenn wir Besucher begrüßen können." Sowohl Künstlerinnen und Künstler, die vielleicht eben noch im Mainzer Unterhaus gespielt haben, als auch Forschende und interessierte Laien kommen hierher – normalerweise. Im Moment jedoch ist die benachbarte Kleinkunstbühne geschlossen und Veranstaltungen jedweder Art müssen verschoben werden. "Studierende, die bei uns recherchieren möchten, dürfen während des Lockdowns leider auch nicht persönlich vorbeikommen. Wir hoffen sehr, dass sich das bald wieder ändert."

Ein erfüllendes Studium an der JGU

Im Sommer vorigen Jahres übernahm Habner-Keiffenheim die Leitung des Kabarettarchivs. Nicole Roth steht ihr als Verwaltungsleiterin zur Seite. Gemeinsam entwickelt diese neue Doppelspitze nun Ideen für die Zukunft des Hauses. Unter anderem gibt es einen völlig neu gestalteten Internet-Auftritt. Dokumente werden weiter fleißig digitalisiert und eine Suchmaschine zeigt, in welchem Archiv – ob in der Geschäftsstelle in Mainz oder in der Dependance in Bernburg/Saale für DDR-Kabarett – was zu finden ist. Zunehmend sollen eigene Ausstellungen und Veranstaltungen neue, und gern auch junge Gäste anlocken. "Ideen habe ich ständig und viele. Nicole muss mich da allerdings manchmal bremsen", räumt Habner-Keiffenheim ein. Die junge Kollegin schaut genau aufs Budget, und das ist nun mal leider begrenzt. "Wir sind ein kleines Team und legen deshalb auch überall selbst Hand an", erzählt Habner-Keiffenheim. "Wenn jetzt wieder eine Ausstellung ansteht, hänge ich genauso Bilder auf oder räume Verpackungsmaterial weg. Das ist ganz selbstverständlich und das mache ich auch gerne."

Roth und Habner-Keiffenheim nutzten die ersten Monate in ihren neuen Jobs auch dazu, sich aufeinander einzuspielen. "Wir stellten ziemlich schnell fest, dass wir uns gut ergänzen", sagt Roth. Das scheint nicht selbstverständlich, denn die Karrieren der beiden unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Jede fand auf ihrem ganz eigenen Weg ins Deutsche Kabarettarchiv, doch eines immerhin haben sie gemeinsam: Sie studierten an der JGU.

Roth ist in Mainz geboren. Ihr Abitur holte sie auf dem zweiten Bildungsweg nach. "Ich interessierte mich schon immer fürs Schauspiel", meint sie. Das beeinflusste ihre Fächerwahl: 2008 schrieb sie sich für Theaterwissenschaft und Germanistik ein. "Das Studium hat mich total erfüllt. Ich erinnere mich besonders gern an unser szenisches Projekt, wo wir in zwei Semestern ein Stück erarbeiteten und auf die Bühne brachten."

In dieser Zeit arbeitete Roth bereits als Werkvertragsstudentin im Kabarettarchiv. "Ich wuchs ganz selbstverständlich ins Metier hinein. Durch den vorigen Leiter war das Haus aber sehr stark Hüsch-geprägt. Es fehlte mir an Bandbreite. Mit der neuen Geschäftsführung änderte sich das. Das Haus öffnete sich und präsentiert nun noch mehr die Vielfalt an Kabarettistinnen und Kabarettisten." In ihrer Masterarbeit brachte Roth das Studium und den Nebenjob zusammen: Sie schrieb über "Kabarett-Theater in den 1980er-Jahren".

Journalistin gründet eigene Kleinkunstbühne

Habner-Keiffenheim kam 1980 für ein Lehramtsstudium an die JGU. Auch sie fühlte sich ursprünglich zum Theater hingezogen. "Mein Vater arbeitete als Orchestermusiker am Staatstheater Wiesbaden, und ich war oft dabei. Für mich war klar: Ich würde einmal Schauspielerin werden." Es kam anders. Theaterwissenschaft stand als Fach aber noch nicht zur Auswahl. Die junge Frau entschied sich also für Germanistik. "Als Hauptfach belegte ich Sport. Das brauchte ich einfach für meinen Bewegungsdrang. Dann nahm ich noch Kunstgeschichte hinzu – einfach, weil es mich interessierte." Der gebürtigen Wiesbadenerin gefiel Mainz und das Leben auf dem Campus. "Es war klasse, alles hat gepasst." Lehrerin allerdings sollte sie nicht werden.

"Ich finanzierte mein Studium über Jobs beim ZDF. Unter anderem als Filmemacherin für die Sendung 'Pfiff – das Sportstudio für junge Zuschauer'. Ich habe gern mit Jugendlichen zu tun, nur im schulischen Kontext gefiel mir das nicht so." In der Folge arbeitete Habner-Keiffenheim als Radio- und Fernsehredakteurin für unterschiedliche Sendungen des ZDF und SWR, sowie als Autorin und in der PR.

Über Umwege kam sie dann zurück zu ihren Wurzeln. "Ich schrieb ein Drehbuch für eine Schauspielerin und vier Urologen, die ich im Operationssaal musizierend auftreten ließ und filmte. Die Geschichte war schön schräg und gefiel offensichtlich einigen Leuten. Ich wurde angesprochen, ob ich weitere Filme für die SWR Landeskultur drehen wollte. Ab da hatte ich dann viel zu tun mit dem, was mir eigentlich immer am Herzen lag: Schauspiel und Kabarett."

Habner-Keiffenheim zog mit ihrem Mann nach Saulheim in eine denkmalgeschützte Hofreite. "Zum Geburtstag meiner Mutter inszenierte ich ihr Lieblingsschauspiel 'Langusten' von Fred Denger und stellte fest, dass sich unsere Scheune gut für solche Veranstaltungen eignet." 2002 gründete sie die KleineKUNSTBÜHNE, ihr eigenes Theater, wo bis heute regelmäßig namhafte Kabarettistinnen und Kabarettisten ein- und ausgehen. "Im Januar 2019 bewarb ich mich dann auf die Stelle als Leiterin des Deutschen Kabarettarchivs." Auf die Frage, ob sie dann lange über dieses Angebot nachgedacht habe, antwortet Habner-Keiffenheim sehr kurz und bündig: "Nö!"

Kabarettisten malen Meer

Nun also stehen im neuen Jahr Veranstaltungen und eine neue Ausstellung im Deutschen Kabarettarchiv an, alles unter dem Motto: "Kabarett +/- Malerei +/- Meer". Es gibt zum Beispiel Gemälde und Zeichnungen von Joachim Ringelnatz oder den gebürtigen Hamburgern Wolfgang Borchert und Helene Bockhorst zu bewundern. Ergänzend dazu zeigt Dirk Langer sein gemaltes Seemannsgarn "Bullaugenblicke", weiterhin sind Gemälde von Liedermacherin Kristin Bauer-Horn und Kabarettist Matthias Egersdörfer zu sehen. Geplant sind auch – sobald es wieder möglich ist – kabarettistische Museumsführungen mit Langer in seiner Rolle als Nagelritz, dem musizierenden Seefahrer. Wie es genau mit der Eröffnung laufen wird, wann Gäste empfangen werden können, ist noch nicht klar.

"Wir bringen drei lebende und drei bereits verstorbene Künstlerinnen und Künstler zusammen", erzählt Habner-Keiffenheim. "Sie beschäftigen sich auf jeweils ganz eigene Weise mit der Malerei und dem Meer. Von Helene Bockhorst weiß ich zum Beispiel, dass sie zur Entspannung ihre Fische malt." Mit den Ringelnatz-Gemälden kommt eine weitgehend unbekannte Facette des außergewöhnlichen Dichters und Kabarettisten aufs Tapet. "Wir wollen zeigen, was wir hier alles an Kabarettgeschichte zu bieten haben, wollen aber gleichzeitig am Ball bleiben und Aktuelles mit einbeziehen", sagt Habner-Keiffenheim. "Kabarett entwickelt sich ständig weiter und wir wollen dranbleiben." Sie hofft, dass der Winterschlaf bald endlich vorbei ist fürs Archiv. "Es soll leben."