Vom Elfenbeinturm in die Mitte der Gesellschaft

23. Februar 2021

Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) steht besser da als je zuvor: Sie findet sich in der Mitte der Gesellschaft, ihre Expertisen sind gefragt und der wissenschaftliche Output ist exzellent wie nie. Zugleich allerdings steuert sie auf neue Herausforderungen zu. Vor 75 Jahren von der damaligen französischen Verwaltung auf dem Gelände einer alten Flakkaserne oberhalb einer zerbombten Stadt wiedereröffnet, hat sich die JGU im Laufe der Zeit grundlegend verändert. Sie wird weiter Wandel erleben, ihn aktiv begleiten und mitgestalten.
 

"Was macht die Universität aus?", fragt Prof. Dr. Michael Kißener. "Ist es die alte Flakkaserne oder vielleicht doch die Gutenberg-Büste in ihrem Innenhof?" Dem Dekan des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften der JGU geht es nicht um schnelle oder einfache Antworten. Er sieht in diesen Fragen vielmehr den Ausgangspunkt für ein Gespräch mit dem Präsidenten der JGU, Prof. Dr. Georg Krausch. Die beiden haben sich zu einem lockeren Austausch anlässlich des aktuellen Jubiläums getroffen. Es ist ein Termin am Rande und ohne großen Bahnhof. Krausch und Kißener machen sich Gedanken zu 75 Jahren JGU. Der Physiker und der Historiker schauen zurück, richten den Blick aber auch nach vorn.

"Die Probleme und Entwicklungen der Gesellschaft spiegeln sich in der Universität wider, ob es sich nun um Aufbrüche, Zäsuren oder Defizite handelt", sagt Kißener. "Die Geschichte vom universitären Elfenbeinturm war immer nur ein Mythos." Die Universität existiert nicht autark, sie ist eingebettet in ein Umfeld, mit dem sie auf vielen Ebenen interagiert, das sie beeinflusst, von dem sie aber auch beeinflusst wird: Dies ist eine der zentralen Thesen, die Kißener in seiner Einleitung zur Festschrift zum 75. Jahrestag der Wiedereröffnung der JGU ausführt. Er zeichnet verantwortlich für die Herausgabe dieses gut 800 Seiten starken Bandes, der im Mai 2021 erscheinen wird. "Die Vorstellung, man existiere abgelöst von allem anderen und lebe nur für die Wissenschaft, stimmte noch nie", betont er.

Herausragende Rolle der Grundlagenforschung

Krausch stimmt zu, wenn auch mit einer kleinen Einschränkung: "Ich möchte das Bild vom Elfenbeinturm nicht so ganz wegwischen, schließlich bin ich damit sozialisiert worden." Krausch studierte in den 1980er-Jahren an der Universität Konstanz, 1996 kam er als Professor für Physikalische Chemie an die Ludwig-Maximilians-Universität München. "Ich erinnere mich an ein Forschungsfreisemester bei einem großen Chemiekonzern. Dort habe ich gelernt, was es heißt, unter Zeitdruck Probleme zu lösen. An der Universität schaffen wir dagegen ganz eigene Räume. Wir ermöglichen Grundlagenforschung frei von unmittelbaren Ansprüchen oder Erwartungen. Das ist ungeheuer wichtig."

Der JGU-Präsident führt ein Beispiel an: "Eine aktuelle Innovation von weltweiter Bedeutung ist die Entwicklung eines mRNA-basierten Impfstoffs gegen COVID-19 durch unsere Medizinerinnen und Mediziner. Das eigentliche Ziel dieser Forschung war und ist eine Impfung gegen Krebs. In den kommenden Jahren erwarten wir in diesem Bereich der personalisierten Medizin weitere weltweit sichtbare Innovationen. Diese spektakulären Erfolge basieren jedoch auf jahrzehntelanger Grundlagenforschung an der JGU und ihrer Medizin, die seitens der Universität, des Landes und des Bundes mit langem Atem finanziert und damit erst ermöglicht wurde."

Gerade dieser Freiraum für die Forschung trage oft unerwartete Früchte: "Aus der Suche nach innovativen Krebstherapien geht ein Impfstoff gegen das Corona-Virus hervor und vielleicht sogar ein Medikament gegen Multiple Sklerose." Krausch hätte noch einige solcher Fälle parat, doch hier begnügt er sich mit einer weiteren Andeutung: "Ein ähnlich innovativer Bereich ist die Entwicklung und Nutzbarmachung von Quantencomputern. Auf diesem Gebiet sind unsere Physikerinnen und Physiker weltweit ganz vorn mit dabei."

Seit 2007 ist Krausch Präsident der JGU. In seine Amtszeiten fielen mehrere bedeutende Weichenstellungen, um exzellente Forschung an der Mainzer Universität zu fördern, darunter vor allem das 2011 auf breiter Basis erarbeitete Zukunftskonzept unter dem Motto "The Gutenberg Spirit: Moving Minds – Crossing Boundaries". Hier spielen drei Exzellenzkollegs zentrale Rollen: das bereits vier Jahre zuvor eingerichtete Gutenberg Forschungskolleg (GFK), gefolgt vom Gutenberg Lehrkolleg (GLK) und dem Gutenberg Nachwuchskolleg (GNK). Mit ihnen entstanden herausragende Plattformen des Austauschs und der Förderung von Lehrenden und Forschenden, von etablierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie vielversprechenden Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern.

Exzellenz und Massenuniversität

"Exzellenz in der Wissenschaft setzt immer Exzellenz der Einzelnen voraus", betont Krausch. "Wir brauchen die Besten und das bedingt einen harten Ausleseprozess." Dies ist die eine Richtung, in die sich die JGU stetig entwickelt hat. Das höchst erfolgreiche Exzellenzcluster PRISMA+ oder die jüngste Neuausrichtung des Fachbereichs Biologie mit ihren zahlreichen prominenten Neuberufungen belegen den Erfolg.

Kißener weist auf eine andere bedeutende Entwicklung hin: "Seit den späten 1950er-Jahren stiegen die Studierendenzahlen stark an, ein Gutachten des Wissenschaftsrats mahnte einen drastischen Ausbau der Studienplatzkapazitäten an und forderte dazu auch eine massive Ausweitung der Bauaktivitäten auf dem Campus. Der Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitskräften für die moderne, prosperierende Industriegesellschaft sollte so gedeckt werden. Damit vollzog sich der Übergang zur Massenuniversität – auch in Mainz. Zuvor hatten wir 5.000 bis 6.000 Studierende, nun stieg die Zahl rasant an. Damit wuchsen auch das Personal und das Areal. Bis in die 1970er floss zudem ungeheuer viel Geld. In Rheinland-Pfalz wurden neue Universitäten in Kaiserslautern, Trier, Koblenz und Landau gegründet, obwohl das Land im Bundesvergleich finanziell nicht besonders gut dastand."

Heute zählt die JGU rund 32.000 Studierende aus 120 Ländern. Mit gut 100 Instituten und Kliniken sowie einem breiten Angebot von mehr als 270 Studiengängen gehört sie zu den 20 größten Universitäten Deutschlands. "Die Universität ist heute offen für alle Teile der Gesellschaft", führt Krausch den Gedanken weiter. "Nicht nur in Mainz sieht sie sich einem enormen Anforderungsprofil gegenüber, einer riesigen gesellschaftlichen Herausforderung." Noch nie war die Universität so präsent in der Gesellschaft und die Gesellschaft in ihrer Vielfalt so stark an der Universität repräsentiert. Zugleich wurden die Gelder knapper – nicht nur in Mainz. "Ich erinnere mich noch an einen renommierten Professor aus meiner Zeit in München. Er hatte niemals einen DFG-Antrag gestellt. Er meinte stolz: 'Wir müssen doch nicht betteln gehen.' Das wäre heute undenkbar."

"Die Gesellschaft hat sich verwissenschaftlicht und die Universitäten haben einen großen Anteil daran", konstatiert Kißener. "Kaum ein Detail ist mehr vorstellbar ohne wissenschaftliche Expertise, ohne Begutachtung durch die Wissenschaft geht nichts mehr." – "Gesellschaftliches und politisches Handeln sucht die wissenschaftliche Grundierung und Fundierung", ergänzt Krausch. "Das reicht bis in Alltagsfragen hinein, beispielsweise zur Ernährung. Und natürlich sind wir bei all den großen Themen gefordert, ob Corona-Pandemie oder Klimawandel."

Endliches Budget, fachliche Vielfalt

Kißener schaut auf die Studierenden: "Diese Verwissenschaftlichung stellt große Bildungsanforderungen an die Menschen. Die Wissenschaft entwickelt sich rasant und sie dürfen den Anschluss nicht verpassen." Sein Blick geht hinüber zu den Hochschulen. "Wir brauchen ein differenziertes Angebot." Doch angesichts der Endlichkeit des Budgets sei es schwer, fachliche Vielfalt zu erhalten.

"Wir bräuchten eigentlich eine vertikale Gliederung der Hochschullandschaft", meint Krausch dazu, "eine klare Aufgabenteilung zwischen den Fachhochschulen und den Universitäten. Wir brauchen ein Angebot für die wachsende Zahl junger Menschen, die an der Hochschule einfach einen Beruf lernen wollen, und eines für jene, die vorrangig ein Interesse an Wissenschaft haben. Doch diese Differenzierung ist nicht der Trend der Zeit. De facto erleben wir das Gegenteil: eine Entdifferenzierung der Hochschullandschaft mit Fachhochschulen, die mehr forschen wollen und weniger lehren. Und Universitäten, denen es angesichts hoher Studierendenzahlen immer schwerer fällt, Forschung und Lehre zu verbinden. Wir sind nicht mehr zukunftsfähig, wenn wir diese Entwicklung negieren und die Universität weiter so gestalten wie vor 40 Jahren. Die Antwort liegt vermutlich in einer horizontalen Differenzierung der Hochschulen mit Bereichen, die sich vornehmlich um Lehre kümmern, und anderen, die besonders forschungsstark sind."

Krausch schließt: "Nach 75 Jahren ist die gesellschaftliche Akzeptanz der JGU hoch wie nie, der wissenschaftliche Output steht besser da als je zuvor. In vielen aktuellen Diskursen sehen wir uns in der Vorreiterrolle, seien es nun Fragen der Gleichstellung der Geschlechter oder der Vielfalt unserer Mitglieder. Nun aber muss ein grundsätzlicher Diskurs über die Zukunft der Hochschullandschaft angestoßen werden. Mit Klein-Klein-Diskussionen kommen wir hier nicht weiter. Die schwierige Frage ist: Welche Rolle wird die JGU dabei spielen? Was kann, was soll sie leisten?"