Gegenmodell zur traditionellen Hochschule

11. März 2021

Die französische Historikerin Prof. Dr. Corine Defrance ist eine ausgewiesene Expertin der deutsch-französischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Schon Ende der 1980er-Jahre hat sie die Gründungsgeschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) erforscht. Anlässlich des Jubiläums beleuchtet sie die besonderen Umstände und Hintergründe der Wiedereröffnung der JGU vor 75 Jahren.
 

Am 22. Mai 1946 geschah etwas Außergewöhnliches, vielleicht sogar Einmaliges. "Meines Wissens war es das erste Mal in der Geschichte, dass sich eine Besatzungsmacht nach einem kriegerischen Konflikt entschied, in dem ihr übertragenen Gebiet eine Hochschule für die einheimische Bevölkerung zu gründen", sagt Prof. Dr. Corine Defrance. "Ich denke, die Wiedereröffnung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz hat in Deutschland sehr dazu beigetragen, das Bild der Franzosen zu verändern und zu verbessern. Plötzlich war der Besatzer nicht mehr der Feind."

Die anberaumten Feierlichkeiten fielen opulent aus. Sie wurden als Zeichen des Aufbruchs verstanden. Defrance spricht von einem "Tag der Hoffnung" in einer Zeit, da Deutschland nach dem großen Zivilisationsbruch, nach all den Verbrechen des Nazi-Regimes auf der Sünderbank der Geschichte saß. Die Rede jenes Mannes, der die Weichen für die neue Universität oberhalb der weitgehend zerbombten Stadt gestellt hatte, klang entsprechend emphatisch. Raymond Schmittlein, der Leiter der Direction de l'Éducation Publique, meinte: "Mir wurde die großartige Aufgabe übertragen, der deutschen Jugend dabei zu helfen, dass sie den Sinn für die menschliche Solidarität wiederfinde, und ihr so zu erlauben, ihren Platz unter der freien Jugend der Welt wieder einzunehmen."

Historikerin mit vielen Verbindungen zu Mainz

Corine Defrance beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Veröffentlichungen dazu gelten als Standardwerke. Unter anderem verfasste sie gemeinsam mit dem deutschen Historiker Ulrich Pfeil von der Université de Lorraine in Metz das Buch "Deutschland und Frankreich 1945-1963. Eine Nachkriegsgeschichte in Europa". Heute forscht sie am Centre national de la recherche scientifique (CNRS) in Paris und lehrt an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne.

1989 kam Defrance das erste Mal nach Mainz. Damals begann sie gerade mit ihrer Dissertation, in der sie sich der französischen Kulturpolitik im besetzten Deutschland widmete. Immer wieder war sie zu Gast am Institut für Europäische Geschichte in der Domus Universitatis, dem Stammhaus der alten Mainzer Universität. "Sie öffneten mir die Keller, damit ich nach Dokumenten aus der Gründungszeit der neuen Universität suchen konnte. Es war grandios: Ich stand noch ganz am Anfang meiner Arbeit und konnte doch gleich inmitten meiner Quellen leben."

In der Folge knüpfte sie viele Freundschaften in der Stadt, rief verschiedenste Kooperationsprojekte ins Leben und entwickelte eine enge Bindung zum Historischen Seminar der JGU. "Im vorigen Jahr war ich wohl häufiger in Mainz als in Paris", meint Defrance, die gerade wieder als Senior Fellow am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte weilt. In der umfangreichen Festschrift zum aktuellen Jubiläumsjahr verfasste sie den Beitrag zur Wiedereröffnung der JGU. Unter dem Titel "Das Wunder von Mainz" beleuchtet Defrance die damaligen Ereignisse und ihre Hintergründe.

Französischer Germanist plant Mainzer Hochschule

Im Juli 1945 begann die französische Militärregierung mit ihrer Arbeit, und Schmittlein, der eben erst zum Leiter der Direction de l'Éducation Publique ernannt worden war, entwickelte seine Vision von einer neuen Mainzer Universität. "Die Zukunft des linken Rheinufers war damals noch nicht klar", erzählt Defrance. "Zuerst plante die französische Regierung, es von Deutschland abzutrennen, um ein unabhängiges Land zu gründen." Im Süden der französischen Besatzungszone gab es mit Freiburg und Tübingen zwei Universitäten für etwa 2,3 Millionen Einwohner. Im Norden lebten vier Millionen Menschen, dort war jedoch keine einzige Hochschule vorhanden. Die Militärregierung hielt eine neue Universität für unbedingt notwendig, um eine neue Elite auszubilden. "Schmittlein misstraute den alten Hochschulen, die stark vom nationalistischen Gedanken geprägt waren. Er hielt die traditionelle deutsche Universität für einen Anachronismus in der modernen Welt." In Mainz sollte ein Gegenmodell entstehen.

"Die Franzosen hatten aus ihren Fehlern während der Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg gelernt: Bereits in den 1920er-Jahren wollten sie eine Universität in Mainz gründen, doch war diese im Grunde nur ein Ableger der Universität Straßburg und in erster Linie für französische Studierende gedacht. Solch ein Modell war wenig geeignet, eine Brücke zwischen Deutschland und Frankreich zu schlagen." Das Projekt verlief im Sande.

Nun wagte Schmittlein einen zweiten Versuch. Ihm kam dabei auch zugute, dass er Deutschland und das Rheinland gut kannte. "Als Germanist war sein Deutschlandbild sehr differenziert. Anfang der 1930er-Jahre hatte er in Berlin gelebt, und seine deutsche Frau hatte sich während des Krieges in der Resistance engagiert. Zudem gab es enge Verbindungen nach Mainz: Hier hatte seine Großmutter gelebt, und er pflegte viele freundschaftliche Verbindungen in der Stadt."

Neue Universität mit neuem Geist

Schmittlein plante eine Universität für deutsche Studierende mit vorwiegend deutschem Personal, wenn auch unter französischer Kontrolle. "Er wollte nicht nur eine Entnazifizierung, sondern auch eine Entmilitarisierung für Deutschland. Die JGU sollte eine entscheidende Rolle in der Umerziehungspolitik spielen. Außerdem war ihm nach zwölf Jahren Isolierung die internationale Öffnung sehr wichtig." Gastprofessoren und Lektoren für die verschiedensten Sprachen kamen aus dem Ausland.

"Die JGU sollte eine neue Universität auf einer neuen Basis sein", erzählt Defrance. "Das spiegelt sich vor allem in ihren Statuten wider: Sie sollte nicht nur Menschen bilden, sondern sie zusammenbringen. Humanismus wurde beschworen. Dieser 'Geist der Universität' war das wirklich Neue."

Das Ideal von einem grundsätzlichen Gegenentwurf allerdings war kaum zu verwirklichen. "Die Strukturen der Universität waren eigentlich nicht besonders innovativ", konstatiert die Historikerin. "Sie orientierten sich in weiten Teilen an den bestehenden Universitäten. Dafür war die Studierendenschaft anders zusammengesetzt als in Freiburg oder Tübingen: Sie rekrutierte sich mehr aus den niedrigeren Sozialschichten." Auch an der JGU fanden sich Professoren mit zweifelhaftem Hintergrund: "Es gab Kandidaten mit brauner Vergangenheit, aber auch viele, die dem NS-Regime kritisch gegenübergestanden hatten. Doch die Situation war deutlich besser als an den anderen beiden Hochschulen."

Besatzer und Besetzte waren sich einig

Nach dem Ende der Besatzungszeit wurden die Beziehungen der JGU zu Frankreich lockerer. "In den 1950er-Jahren spielte die Universität Saarbrücken eine große Rolle in der deutsch-französischen Zusammenarbeit. Die JGU war eher darum bemüht, sich von der ehemaligen Besatzungsmacht zu emanzipieren. Durch die Städtepartnerschaft mit Dijon wurden die Verbindungen dann wieder enger. Der Studierendenaustausch intensivierte sich, und es entstanden die ersten gemeinsamen Studiengänge. Hier leistete die JGU Pionierarbeit."

Mit der JGU wurde also kein radikaler Gegenentwurf zur traditionellen deutschen Hochschule verwirklicht, sie war auch nicht immer unbedingt ein Vorreiter im Ausbau der Beziehungen mit dem Nachbarn. "Aber sie ist eine echte deutsch-französische Koproduktion", betont Defrance. "Die Besatzer wollten sie, die Besetzten wollten sie – und das direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Darin liegt das Einmalige."