Kleine Fächer, junge Talente, große Leistungen

21. April 2021

Kleine Fächer und engagierter Nachwuchs ergeben eine höchst effiziente und kreative Mischung: Das bewiesen junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) beim Wettbewerb "Kleine Fächer: sichtbar innovativ". Dort waren sie mit ihren Projekten "Von analog zu digital: Konzeption der Keilschriftforschung im 21. Jahrhundert am Beispiel administrativer Urkunden" und "Knotenpunkt Byzanz – Junge Forscher, neue Perspektiven" doppelt erfolgreich. Prof. Dr. Stefan Müller-Stach, Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs, blickt auf diese zwei wichtigen Facetten der JGU.
 

"Altorientalistik? Was ist das? Man lernt es nicht in der Schule. Dort erfährt man vielleicht etwas über Griechenland und Ägypten, aber kaum über die Gegend von Euphrat und Tigris. Dabei war gerade dies die Wiege unserer Kultur." Wenn Dr. Eva-Maria Huber über ihr Fach redet, kann daraus schon mal ein engagiertes Plädoyer werden – und wenn sie vom jüngsten Workshop des wissenschaftlichen Nachwuchses im Arbeitsbereich Altorientalische Philologie der JGU berichtet, setzt sich dieser Ton fort, obwohl der gewählte Titel "Von analog zu digital: Konzeption der Keilschriftforschung im 21. Jahrhundert am Beispiel administrativer Urkunden" für Laien ein wenig trocken und nicht unbedingt aufregend klingen mag.

Ab etwa 3500 v. Chr. entstand im Vorderen Orient ein revolutionäres Schriftsystem: Menschen verschiedenster Herkunft kamen zusammen, pressten Zeichen in Tontafeln und verewigten so eine Vielzahl von Sprachen. Die Keilschrift wurde zum bindenden Element. Mit ihr ließen sich Handelsabschlüsse dokumentieren, Inventarlisten erstellen oder einfach Rezepte zur Bierherstellung austauschen.

Junge Altorientalisten treffen Informatiker

Das Team um Huber und ihren Kollegen Tim Brandes möchte herausfinden, wie die überlieferten Texte am besten mit modernster Technik aufbereitet werden können. "Unser erstes Ziel war es, dass sich der Nachwuchs aus der Altorientalistik mit jungen Informatikerinnen und Informatikern trifft, um Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten", führt Huber aus. "Wir wollten schauen, was wir voneinander lernen können." Timo Homburg vom Institut für Raumbezogene Informations- und Messtechnik der Hochschule Mainz (i3mainz) kam hinzu. Gemeinsam stellten sie ein zweitägiges Treffen auf die Beine. "Leider musste wegen der Corona-Bestimmungen alles digital stattfinden", erzählt Brandes. "Aber das hatte auch Vorteile: Es konnte sich zum Beispiel jemand dazuschalten, der im Moment in Schweden lebt."

"Daten zu Keilschrifttexten, die gut digital aufbereitet wurden und wissenschaftlichen Standards genügen, sind immer noch Mangelware", stellt Homburg fest. "Wir diskutierten darüber, welche Methoden aus der Computerlinguistik sich in diesem Fall gut eignen, mit welchen Werkzeugen wir eine digitale Edition erstellen können." – "Unsere Fachsprachen sind schon sehr verschieden, wir brauchten also einen Moment, bis wir uns gegenseitig verstanden haben", erzählt Brandes. "Doch der Austausch war dann umso ergiebiger." Huber sieht den Workshop als wichtigen Schritt: "Wir wollen den wissenschaftlichen Nachwuchs unseres Fachs in Zukunft noch stärker vernetzen. Dazu gehört auch die Kooperation mit anderen Disziplinen."

Im Jahr 2010 riefen die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) eine Initiative ins Leben, um Promovierende und Postdocs aus den Kleinen Fächern in der Entwicklung neuer Vernetzungs- und Kommunikationsstrategien zu unterstützen. Sie starteten den Nachwuchswettbewerb "Kleine Fächer: Sichtbar innovativ". 19 Projekte wurden zur Förderung ausgewählt, zwei stammen von der JGU. Neben dem Workshop der Altorientalischen Philologie kam auch das Doktorandennetzwerk "Young Academics Network Byzanz" (YAN) mit seiner Tagung "Knotenpunkt Byzanz – Junge Forscher, neue Perspektiven" zum Zuge.

Nachwuchs unterstützen, Selbstständigkeit fördern

"Das ist ein schöner Erfolg", bekräftigt Prof. Dr. Stefan Müller-Stach, JGU-Vizepräsident für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs. "Gerade die kleinen Fächer sind an unserer Volluniversität ein interessantes Thema. Um eine effektive Forschungsstärke zu erreichen, sind sie darauf angewiesen, sich zu vernetzen und interdisziplinär zu arbeiten. Genau das sehen wir in diesen beiden ausgezeichneten Beispielen." Müller-Stach freut besonders, dass die Initiativen in beiden Fällen vom Nachwuchs ausgingen. "Es ist ein wichtiges Anliegen unserer Universität, unsere jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber auch unseren künstlerischen Nachwuchs in jeder Phase der Karriere zu unterstützen. Wir sehen darin eine unserer Kernaufgaben. Dafür haben wir Einrichtungen wie das Gutenberg Nachwuchskolleg geschaffen, das in seiner Art bundesweit einmalig ist."

Der Mathematiker betont, dass es vor allem darum geht, dem Nachwuchs eine größere Selbstständigkeit zu ermöglichen und mehr Handlungsspielräume zu eröffnen. "Ich erinnere mich an meine eigene Studienzeit. Da war man nicht selbstständig. Man hat fast bis zur Professur in Abhängigkeit geforscht und gearbeitet. Heute ist das zum Glück anders. Allerdings bringt diese neue Situation auch Herausforderungen mit sich: Von jungen Forschenden wird zum Beispiel erwartet, dass sie von Anfang an Drittmittel einwerben." Hier wie in vielen anderen Bereichen bietet die JGU Unterstützung.

Mit Blick auf die Vernetzung des Nachwuchses in der Altorientalischen Philologie hat Müller-Stach gleich noch einen praktischen Tipp für Huber und ihr Team: "Sie könnten bei uns einen Antrag auf Ergänzungsmittel stellen, um ihre Initiative weiter voranzutreiben", schlägt der Vizepräsident für wissenschaftlichen Nachwuchs vor. "Genau dafür haben wir solche Möglichkeiten geschaffen."

Mainz als Zentrum der Byzantinistik

Als die Macht des römischen Reichs im westlichen Mittelmeerraum verblasste, blieb im Osten ein mächtiges, strahlkräftiges Zentrum über beinahe ein Jahrtausend erhalten. "Dort gab es weiter ein Römisches Reich, das wir heute aber als Byzanz kennen", erzählt Dr. João Vicente de Medeiros Publio Dias. Der gebürtige Brasilianer ist mit diesem Begriff nicht allzu glücklich: Byzanz galt manchen als Paradebeispiel eines dekadenten Staates, und in der Geschichtsschreibung der Kreuzzüge spielt es eher eine zwielichtige Rolle. "Byzanz ist kaum jemandem in Brasilien ein Begriff, aber ich merkte bereits früh, dass dies ein Thema ist, mit dem ich mich beschäftigen möchte." Und so kam Dias nach Mainz, um hier Byzantinistik zu studieren.

"Ich begann 2010 mit meinem Studium an der JGU", erinnert sich Antje Steinert. Dort stieß sie auf die Christliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte. "Ich hatte den Eindruck, dass in dem Fach viel Spannendes passiert." Sie erlebte, wie sich Mainz zu einem Zentrum der Byzantinistik mauserte. Im Jahr 2011 gründete die JGU in Kooperation mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum schließlich den "Leibniz-WissenschaftsCampus Mainz: Byzanz zwischen Orient und Okzident".

Zwei Jahre später riefen Dias und Steinert gemeinsam mit einer Reihe weiterer Promovierender und Postdocs ihrer Fächer das "Young Academics Network Byzanz" (YAN) ins Leben. "Wir trafen uns vor allem im informellen Rahmen, um einander unsere Forschung vorzustellen und uns auszutauschen", meint Steinert. Mit dem Projekt "Knotenpunkt Byzanz – Junge Forscher, neue Perspektiven" sollte YAN nun ein gutes Stück vorangebracht werden: Anfang Februar 2021 lud das Netzwerk junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu einer Tagung ein. "Wir hatten knapp 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Ursprünglich war das Treffen nicht online geplant, aber durch Corona blieb uns nur diese Form. Doch auch für uns hatte es Vorteile: Die Teilnehmerzahl erweiterte sich, es kamen zum Beispiel Leute hinzu, die gerade in Irland und Griechenland arbeiten." Sie diskutierten darüber, wie das Netzwerk stärker institutionalisiert und ausgebaut werden kann, sie sprachen über Karrierechancen und neue Möglichkeiten der Kooperation über Fach- und Ländergrenzen hinaus.

"Sowohl in der Mainzer Byzantinistik als auch in der Altorientalistik stehen wir nicht nur deutschlandweit, sondern international gut da", resümiert Müller-Stach. "Die Methoden dieser Fächer sind sehr modern, ihre Netzwerke stark." Zum Abschluss des Gesprächs wendet sich der Vizepräsident direkt an die beiden Projektteams um Steinert und Dias, Huber und Brandes: "Sie machen das alles aus eigenem Antrieb, das finde ich großartig. Und ich finde, Ihre beiden Projekte haben die Auszeichnung und die Förderung durch die HRK und das BMBF mehr als verdient. Ich freue mich mit Ihnen über den großen Erfolg des Workshops und der Tagung für die Vernetzung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Ihren Fächern."