Kein wohlgefälliger Jubel, sondern selbstkritisches Resümee

17. Mai 2021

Zum 75. Jahrestag ihrer Wiedereröffnung legt die JGU eine umfassende Festschrift vor: Mit "75 Jahre Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Universität in der demokratischen Gesellschaft" ist ein Grundlagenwerk entstanden, das auch Laien spannende Lektüre bietet. Die gut 800 Seiten umfassende Publikation setzt Maßstäbe in der Universitätsgeschichtsschreibung.
 

Es ist nicht einfach, anlässlich eines Jubiläums die Geschichte einer Universität zu schreiben. "Vielen Festschriften wird vorgeworfen, dass sie immer von einem ganz bestimmten Kreis verfasst werden", erklärt Prof. Dr. Michael Kißener. "Oft sind dies ältere Herrschaften, die jene besprochene Geschichte selbst mitgestaltet haben, und nun schreiben sie lobend über sich selbst. Wir haben versucht, das anders zu machen. Wir haben uns nicht nur viel Kompetenz von außerhalb geholt, sondern auch Studierende und wissenschaftlichen Nachwuchs eingebunden. Sie bearbeiteten jeweils eigene Kapitel – und durchaus nicht die unwichtigsten unserer Universitätsgeschichte."

Mit "75 Jahre Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Universität in der demokratischen Gesellschaft" liegt nun ein in mehrfacher Hinsicht gewichtiger Band vor. Gut 800 Seiten umfasst das Werk, mehr als 50 Beiträge widmen sich verschiedensten Facetten der JGU. Grafiken, Tabellen, Register und eine reiche Bebilderung runden das Werk ab.

Ein halbes Hundert Autoren

Selbstverständlich bietet die Festschrift einen historischen Überblick: Die französische Historikerin Prof. Dr. Corine Defrance etwa berichtet von der Wiedereröffnung der JGU am 22. Mai 1946 durch die französische Besatzungsmacht und erzählt von dem Weg dorthin. Der Wandel zur demokratischen Massenuniversität in den 1960er-Jahren wird ebenso beschrieben wie der Bologna-Prozess, der Studium und Lehre in den 1980er-Jahren veränderte. Und JGU-Präsident Prof. Dr. Georg Krausch erläutert unter dem Titel "The Gutenberg Spirit: Moving Minds – Crossing Boundaries" das Zukunftskonzept der JGU.

Doch dies ist erst der Anfang und tatsächlich der kleinere Teil des Bandes: "Es folgen Themen, die man in jeder anderen Festschrift dieser Art vergeblich suchen wird", betont Kißener. "Wir beschäftigen uns zum Beispiel nicht nur mit dem Erbe der Nazi-Zeit. Wir fragen auch: Wo stand die Universität im Kalten Krieg, und gab es in DDR-Zeiten Verwicklungen mit der Staatssicherheit?"

Den Anstoß zu einer neuen, umfassenden Geschichte der JGU gab der 2001 als interdisziplinärer Arbeitskreis gegründete Mainzer Forschungsverbund Universitätsgeschichte (FVUG). 2016 führte er unter Leitung seiner damaligen Vorsitzenden Prof. Dr. Livia Prüll die Tagung "Universitätsgeschichte schreiben" durch, um Perspektiven, Methoden und Theorien der Universitätsgeschichtsschreibung zu diskutieren. Hier wurden wichtige Impulse für das Konzept der geplanten Publikation zusammengetragen.

"Mit dem Weggang von Frau Prüll fiel die Verantwortung für die Festschrift an mich", erzählt Kißener. Der Dekan des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften der JGU übernahm die Leitung des großen Jubiläumsprojekts. Dazu betont er: "Solch eine umfassende Festschrift kann heute nicht mehr die Arbeit eines einzelnen sein." Gut ein halbes Hundert Autorinnen und Autoren verschiedenster Fachrichtungen kam zusammen. "Und ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig die professionelle Unterstützung unseres Universitätsarchivs war. Ohne sie wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen." Nicht nur der Leiter des Archivs, Dr. Christian George, wurde eingebunden. Ein eigens gegründetes Team um Dr. Sabine Lauderbach übernahm die Gesamtkoordination.

Universität in der demokratischen Gesellschaft

"Wohlgefälliger Jubel verträgt sich nicht gut mit historischer Arbeit": Mit dieser Aussage gibt Kißener in seiner Einleitung zur Festschrift quasi den Ton an. "Natürlich berichten wir von den bedeutenden Leistungen und Errungenschaften der vergangenen 75 Jahre", räumt der Historiker ein. "Da gibt es einiges zu erwähnen, und das ist nur zu legitim. Daneben wollen wir aber zeigen, dass die Universität nicht solitär dasteht, sondern in die Gesellschaft eingebettet ist und sie spiegelt. Die Erzählung von der Universität als Kosmos für sich, als Elfenbeinturm hat noch nie gestimmt. Deswegen wählten wir als roten Faden unserer Universitätsgeschichte die Fragestellung: Wo steht Universität in der demokratischen Gesellschaft?"

Nach dem Abriss zur Vorgeschichte und dem chronologischen Blick auf 75 Jahre JGU beleuchten die Autorinnen und Autoren einzelne Fächer und Institute: Sie erzählen von ihrer Geschichte, berichten von der "Vielfalt der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften", der Dependance in Germersheim mit dem Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft, der rasanten Entwicklung der Naturwissenschaften oder den beiden angegliederten Hochschulen für Musik und Kunst, die der JGU ein einzigartiges Gepräge verleihen.

"Wir porträtieren auch einige Persönlichkeiten, doch dabei beschränken wir uns auf ein Minimum", erzählt Kißener. Fritz Straßmann, Mitentdecker der Kernspaltung und Gründungsdirektor des Instituts für Anorganische Chemie und Kernchemie der JGU, Berno Wischmann, die Ikone des Mainzer Hochschulsports, und Elisabeth Noelle-Neumann, die der Publizistik ihren Stempel aufdrückte, werden vorgestellt.

"Mit Teil vier versuchen wir etwas, das zum Teil neu ist für eine Universitätsgeschichte. Zuerst geht es um Probleme aus der Anfangszeit, etwa um die Berufung von Professoren mit Nazi-Vergangenheit." Mit diesem brisanten Thema beschäftigt sich unter anderen der Doktorand Frank Hüther. Danach rückt der Alltag auf dem Campus in den Vordergrund. Die Historikerinnen Charlotte Backerra und Ruth Nientiedt stellen studentische Hochschulgruppen als "vierte Dimension der Universität" vor. Verschiedenste Aspekte fügen sich zu einem Bild: Es geht um Skandale und Gewalt an der Universität, um studentische Selbstverwaltung oder um Kunstwerke auf dem Campus als stumme Zeugen der Geschichte.

Standardwerk der Universitätsgeschichtsschreibung

All das ist begleitet von einer Fülle an Abbildungen. Hier konnte das Universitätsarchiv reichlich Material beitragen: Raritäten aus Studentenzeitungen finden sich ebenso wie Fotos historisch wichtiger Ereignisse.

"Diese Festschrift hat die Erforschung unserer Universitätsgeschichte ein gutes Stück vorangebracht", meint George. "Unter anderem konnten wir die Digitalisierung unserer Bestände forcieren", erläutert der Leiter des Universitätsarchivs. "Wir bemerken allerdings schon länger, dass nicht immer alles gleich gut dokumentiert ist. Bei Urkunden und Protokollen der Universitätsleitung sind wir recht gut aufgestellt, doch auf der Ebene der Fächer ist die Lage sehr unterschiedlich. Nicht jedem ist bewusst, wie wichtig gewisse Unterlagen sind. Wir konnten zum Beispiel einen bedeutenden Bestand aus der Anthropologie gerade noch vor dem Papiermüll retten. Ich denke, die Arbeit an der Festschrift könnte hier das Bewusstsein geschärft haben."

Abschließend hebt George den besonderen Spagat hervor, der sowohl den Autorinnen und Autoren als auch dem Herausgeber und dem Organisationsteam der Festschrift gelang: "Dies ist ein niveauvolles wissenschaftliches Werk, zugleich aber auch ein für den Laien interessantes Buch. Es ist gut geschrieben, interessant bebildert, und wir haben den Anmerkungsapparat ausgelagert, um die Lektüre noch mal zu erleichtern. Diese Festschrift wird für die kommenden Jahrzehnte ein wichtiges Grundlagenwerk sein, eine Veröffentlichung, auf die man immer wieder zurückgreifen wird."