Austausch der Generationen

16. September 2021

Die eine übernahm 1983 die Leitung des Instituts für Genetik an der JGU, die andere kam 2018 als Professorin für Neurobiologie nach Mainz. Nun treffen sich die beiden das erste Mal: Prof. em. Dr. Elisabeth Gateff und Prof. Dr. Marion Silies erzählen von ihrer Forschung und tauschen Erfahrungen aus.
 

Ausgerechnet an diesem Tag regnet es in Strömen. Große Pfützen bilden sich und machen den Weg durch den Botanischen Garten zum Hindernislauf. Prof. em. Dr. Elisabeth Gateff lässt sich dadurch nicht die Laune verderben, im Gegenteil: "Das Wasser ist gut für die Natur", meint die Biologin, während sie lächelnd unter ihrem Schirm hervorschaut. Das gute Stück zeigt bunte Pflanzen- und Insektenmotive aus der Feder von Maria Sibylla Merian. "Sie war ein frühe Naturforscherin", erzählt Gateff, "eine faszinierende, vielseitige Frau."

Prof. Dr. Marion Silies kommt im gelben Friesennerz angeradelt. Vom benachbarten BioZentrum I ist es nicht weit, es reicht allerdings, um nass zu werden. Ein wenig Sonne wäre schön gewesen, doch die lässt sich heute nicht sehen. Immerhin hat der Garten einen Pavillon zu bieten. Sein schützendes Dach ist in wenigen Minuten erreicht. Hier nehmen die beiden Wissenschaftlerinnen Platz.

JGU als ideales Umfeld und große Herausforderung

Rund zwei Generationen trennen die beiden – die Forschung mit der Fruchtfliege Drosophila melanogaster verbindet sie: An ihr konnte Gateff 1967 erstmals nachweisen, dass Gene für die Entstehung von Krebs kausal verantwortlich sind. Dafür wurde sie mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Silies geht mit ihrer Arbeitsgruppe der Organisation und Funktion von Schaltkreisen im visuellen System der Fliege auf den Grund. Dafür warb sie einen ERC-Grant ein, Europas höchstdotierte Förderung für Nachwuchsforscherinnen und -forscher.

Sowohl Silies als auch Gateff hatten sich einen mehr als soliden Ruf auf ihren Gebieten erworben, bevor sie an die JGU kamen: Gateff trat 1983 die Nachfolge von Prof. Dr. Hannes Lavern an, der bis dahin das Institut für Genetik auf dem Campus leitete. Silies wechselte 2019 von Göttingen nach Mainz an das neu geschaffene Institut für Entwicklungs- und Neurobiologie am Fachbereich Biologie, der sich gerade neu sortierte. "Ich fand hier ein hervorragendes Umfeld für meine Forschung", meint sie. Die immer noch andauernde Aufbruchstimmung gefällt ihr. Sie lasse viel Spielraum zum Gestalten.

"Wie war das damals, als Sie ans Genetische Institut kamen?", fragt Silies ihr Gegenüber. "Waren Sie die einzige Frau im Kollegium?" Gateff schüttelt den Kopf. "Ich war die zweite. Sehr leicht hatte ich es nicht. Ich führte als Erste molekulare Ansätze als gentechnische Methode in Mainz ein. Ein Postdoktorand aus Basel, der sich mit in diesem Methodenkreis gut auskannte, begleitete mich. Ich brauchte neue Geräte und neue Labors, in denen man auch radioaktiv arbeiten konnte." Dieser frische Wind passte nicht jedem: "Da kam eine, die dafür sorgte, dass wirklich jeder viel zu tun hatte", meint Gateff.

Die Professorin hinterfragte die Grundkenntnisse der Studierenden in Genetik. "Ich wollte eine Eignungsprüfung einführen. Es entstand geradezu ein Hurrikan, weil ich damit angeblich segregieren würde. Die Professoren, der Mittelbau, alle waren dagegen. Man brachte mich tatsächlich vor den Richter. Der meinte dann allerdings: 'Ein Professor hat das Recht, den Wissensstand seiner Studierenden zu prüfen.' Es war eine schlimme Zeit, in der ich wenig Unterstützung von meinen männlichen Kollegen erhielt."

"Es ist wichtig, dass wir Frauen uns treffen"

Mit dem Anteil der Frauen sehe es heute in der Biologie besser aus als damals am Institut für Genetik, meint Silies. "Wir haben rund ein Drittel Frauen und bei den Neuberufungen in der Neurobiologie kommen auf drei Männer zwei Frauen." Gateff nickt anerkennend, betont aber: "Es ist wichtig, dass wir Frauen uns treffen. Männer tun das ständig, sie haben ihre Seilschaften." Grundsätzlich sei ihr der Dialog wichtig, auch zwischen den Generationen: "Treffen wie unseres finden viel zu selten statt. Wir sollten uns mehr um Kontinuität kümmern."

Gateff interessiert sich für die aktuelle Forschung. Sie hält sich über Fachzeitschriften auf dem Laufenden. Damals isolierte und sequenzierte sie mühsam und sehr zeitaufwändig ihre Tumorsupressor-Gene. Nun möchte sie wissen, wie Silies arbeitet. "Wir können jedes Gen ausschalten und sehen, was passiert", erklärt die Neurobiologin. "Aber derzeit interessieren uns vor allem die neuronalen Zellen und ihre Organisation in Schaltkreisen." Wie das Facettenauge der Fruchtfliege mit seinen Fotorezeptoren arbeitet, sei mittlerweile verstanden. "Wir schauen auf die Zellen, die ihnen nachgeschaltet sind: Wie wird Bewegung gesehen und wie reagiert die Fruchtfliege auf optische Reize, wenn sich die Umweltbedingungen schnell verändern? Um das herauszufinden, blicken wir direkt ins arbeitende Gehirn der Fliege. Wir verknüpfen die Molekulargenetik mit Physiologie und Verhalten."

"Schicken Sie mir einige ihrer Arbeiten?", fragt Gateff. "Das alles interessiert mich sehr. Verhalten ist ein wichtiges Gebiet. Schließlich verhalten wir uns alle irgendwie – und wissen nicht, warum." Silies dämpft die Erwartungen: "Emotionales Verhalten ist schwierig, wie konzentrieren uns auf die Sensorik."

Rosenmedaille: Mäzenin plant weiteres Projekt

Seit ihrer Emeritierung hat sich Gateff in vielfacher Weise um die JGU verdient gemacht. Besonders der Botanische Garten zeugt davon: Sie stiftete zahlreiche Kunstwerke, die einem allenthalben im Grünen begegnen, und förderte großzügig die "Grüne Schule". Auch ließ sie Rosen am Philosophicum pflanzen. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen. "Ich möchte, dass der Campus ein Garten wird", fasst sie ihre Bemühungen zusammen. "Die Menschen brauchen Schönheit, sie sollen eine schöne Zeit hier haben, nur so können sie auch professionell erfolgreich sein."

Das Treffen mit Silies nutzt Gateff, um nebenbei noch schnell ein weiteres Projekt vorzustellen: Sie trägt ein Schmuckstück um den Hals. "Vor zehn Jahren tauchten Plaketten auf einem Flohmarkt auf", erzählt sie dazu. "Sie waren eigentlich für den Festakt zur Wiedereröffnung der JGU gedacht. Jeder Teilnehmende sollte ein Exemplar erhalten. Doch sie wurden verspätet geliefert und verschwanden dann auch noch spurlos." Die JGU kaufte den überraschenden Flohmarktfund auf, um die Plaketten an Menschen zu vergeben, die sich um den Campus verdient machen. Gateff bekam ihre für ihr Engagement im Botanischen Garten und am Philosophicum. "Ich brachte sie zu einem Juwelier, der sie in Perlen fasste und dieses Schmuckstück daraus schuf." Gateff möchte es weitergeben. "Wenn ich mal nicht mehr bin, soll diese Plakette an eine besonders erfolgreiche Professorin der JGU gehen, die sie dann ihrerseits nach fünf Jahren weitergeben soll. Vielleicht nennen wir sie die Rosenmedaille."

Der Regen hat nachgelassen, das Treffen geht seinem Ende entgegen. "Wir sollten in Kontakt bleiben", schlägt Gateff ihrer Gesprächspartnerin vor. Silies verspricht, Bescheid zu geben, wenn ihr Fachbereich zu einer interessanten Veranstaltung lädt. Am Himmel bildet sich eine weitere Wolkenfront. Silies schwingt sich aufs Fahrrad, Gateff öffnet ihren Schirm: "Schicken Sie mir was!", ruft sie zum Abschied.