Einladung zur interdisziplinären Entdeckungstour

7. Oktober 2021

Mit "Herodot", einer Online-Software zur zeitkartografischen Darstellung geschichtlicher Ereignisse und Kontexte, öffnet sich ein breites Panorama zu Kultur, Wirtschaft und Politik. Seit einigen Semestern zapft Dr. Johannes Ullmaier vom Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) dieses Wissensreservoir für seine Seminare an. In seiner "Zeitwerkstatt" bietet er Studierenden Gelegenheit, Neues zu entdecken und den Blick über die Fächergrenzen hinweg zu weiten.
 

Am 10. November 1928 erscheint "Im Westen nichts Neues" als Vorabdruck in der Vossischen Zeitung. Ein Foto von der allerersten Seite erscheint auf dem Bildschirm des Computers. "Dieser Roman macht Erich Maria Remarque mit einem Schlag weltberühmt", erzählt Dr. Johannes Ullmaier. "Das wird nicht nur ein Bestseller in der Weimarer Republik, sondern einer der größten Bestseller der Buchgeschichte überhaupt." Von hier aus lässt sich weiter recherchieren: Am 9. März 1929 etwa schaltet der Propyläen Verlag eine doppelseitige Anzeige im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. Auf Goldgrund ist in mächtigen Lettern zu lesen: "IM WESTEN NICHTS NEUES – 200. TAUSEND AUSGELIEFERT".

Ullmaier fährt zurück auf der Zeitleiste. Vor dem Erscheinen des Romans bleiben Einträge zu Remarque eher rar. Im Sommer 1928 findet sich jedoch bereits der Hinweis auf eine von ihm verfasste Sammelrezension über andere Kriegsbücher. Noch früher sind Ereignisse aus dem Krieg selbst verzeichnet: "25. März 1918: In der Heimat werden die gloriosen Geländegewinne der Frühjahrsoffensive gefeiert: zur 'Kaiserschlacht' bekommen die Kinder heute schulfrei." Ullmaier flaniert online durch die Geschichte: 47 Minuten lang erklärt er seinen Studierenden per MP4-Datei, worum es geht bei der Online-Applikation "Herodot", wie sie sich davon anregen lassen können, wie sie im Seminar damit arbeiten sollen.

Synchronoptische Weltgeschichte

Die Sonne scheint in den Innenhof der Philosophischen Fakultät auf dem Campus der JGU. Ullmaier ist gekommen, um von seiner "Zeitwerkstatt" zu erzählen. Er hat die Studentin Anke Seifert und seine Mitarbeiterin Mira Pauline Meyer eingeladen, um das Projekt aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Die drei haben sich in den letzten Monaten kaum live gesehen.

Seit dem Wintersemester 2019/2020 bietet Ullmaier am Deutschen Institut der JGU Master-Seminare zur Neueren Deutschen Literaturgeschichte an, bei denen die Internetanwendung "Herodot" zum Einsatz kommt: Dr. Thomas Burch und Dr. Martin Weinmann entwickelten die Software, die Geschichte zeitkartografisch darstellt. Als Ausgangsbasis diente ihnen die "Synchronoptische Weltgeschichte" von Arno Peters. Der 2002 verstorbene Historiker unternahm in seinem Buch eine Zusammenschau der Zeitläufte. Parallel verlaufende Stränge ermöglichen es, Ereignisse jahresgenau in Beziehung zu setzen: Was geschah in China, als Karl der Große zum Kaiser gekrönt wurde? Welche Erfindungen begleiteten den Aufstieg Amerikas zur Weltmacht?

Für "Herodot" übertrugen Burch und Weinmann dieses Prinzip ins Online-Medium und reicherten es um viele digitale Möglichkeiten an. Sie fügten zudem weitere Datenbestände hinzu. Besonders dicht, nämlich tagesgenau, präsentiert sich eine Darstellung der Ereignisse in Deutschland von 1918 bis 1950. Hier verarbeiteten die beiden Manfred Overeschs fünfbändige "Chronik deutscher Zeitgeschichte" – und hier setzt Ullmaier mit seiner "Zeitwerkstatt" an.

Zu Remarque etwa gibt es aktuell 23 Einträge: "Sie können nicht nur erfahren, wann 'Im Westen nichts Neues' erschienen ist", meint Ullmaier. "Sie können auch schauen, wie das Buch aussah, wie es beworben wurde, welche anderen Ereignisse damit verbunden sind, was parallel, was zuvor oder danach geschah. Man kann mit 'Herodot' selbständig seine Fährten suchen, kann neue Dinge und Zusammenhänge finden. Dabei steht es einem frei, ob man eher an der Oberfläche schnorcheln möchte, um eine Übersicht zu bekommen, oder ob man tiefer eintauchen und nach Perlen Ausschau halten will."

Kriegsliteratur zwischen den Kriegen

Anke Seifert nahm bereits an der ersten Master-Veranstaltung der "Zeitwerkstatt" teil: Im  vergangenen Wintersemester beschäftigte sie sich mit "Generationen in der Weimarer Republik" und dort speziell mit den Kindern Thomas Manns. Im Sommer dann belegte sie ein Seminar, das ursprünglich allgemein die "Literatur der Weimarer Republik" behandeln sollte, sich dann aber auf "Kriegsliteratur zwischen den Kriegen" konzentrierte.

"Im ersten Seminar machten wir eine rasante Entwicklung durch, auch wegen Corona", erzählt Seifert. "Mit 'Herodot' stand uns eine Online-Plattform zur Verfügung, über die wir recherchieren und kommunizieren konnten. Das half gerade in dieser speziellen Situation. Über die Zeitkarte von 'Herodot' entdeckten wir Vernetzungen zwischen Literatur und Geschichte oder auch zwischen Autoren." Ein einfaches Beispiel: Ab Ende 1922 gibt es in Deutschland eher wenig Neuerscheinungen, umso häufiger ist Thomas Mann zu Vorträgen im Ausland. Warum? Die Antwort darauf liegt bei "Herodot" buchstäblich nahe: Die galoppierende Hyperinflation fordert ihren Tribut.

"Solche einfachen Verbindungen bleiben in Fachbüchern oft hinter komplexen Argumentationslinien verdeckt", meint Ullmaier. Herodot ermöglicht jedem, eine eigene Chronik mit spezifischen Aspekten zu erstellen: Die angeklickten Einträge mit ihren Texten und Bildmaterialien fügen sich auf einer Pinnwand zusammen und bleiben erhalten. Auf diese Weise lassen sich nicht nur verschiedenste Themenfelder erhellen, es entstehen auch völlig neue.

Die Arbeitsgruppe von Anke Seifert beschäftigte sich mit Kriegstagebüchern. "Eigentlich lag nahe, dass beim Schreiben von 'Im Westen nichts Neues' Remarques eigene Kriegserfahrungen einfließen würden. Tatsächlich aber kam bei der Lektüre seiner Tagebücher heraus, dass ihn der Krieg damals gar nicht so sehr interessierte." Stattdessen bediente er sich fremder Aufzeichnungen. Die autobiografische Anmutung entpuppt sich weitgehend als Fiktion.

Herodot bereichert Seminare

Solche und andere Erkenntnisse aus den Seminaren finden sich auch auf der "Herodot"-Webseite: Hier präsentieren die Mainzer Studierenden ihre Arbeiten, wenn auch nicht direkt in den Zeitsträngen, sondern auf einer eigenen Seite. "Wir überlegen, wie wir die Beiträge noch besser integrieren", sagt Ullmaier. Er steht seit einigen Jahren mit den Schöpfern von "Herodot" im Dialog und engagiert sich für das Softwaresystem. "Es ist eine Baustelle, die sich immer weiterentwickelt", meint er. "Burch und Weinmann stecken sehr viel Arbeit hinein." Allein die Verstichwortung gestaltet sich ungeheuer aufwendig. "Die Overesch-Chroniken enthalten weit über 50.000 Ereignisse. Da brauchen wir möglichst kluge Stichwortnetze, sonst können wir nicht vernünftig arbeiten."

Ein Problem ergab sich daraus, dass an der JGU mit der Lernplattform Moodle gearbeitet wird. "Sie funktioniert hervorragend, ist aber leider nicht so recht mit 'Herodot' kompatibel", bedauert Ullmaier. "Herodot" ist in erster Linie eine netzbasierte Anwendung, verwendet aber zusätzlich ein Wiki-System, wie es die Internet-Enzyklopädie Wikipedia nutzt, und Moodle stellt ebenfalls ein Wiki bereit. Doch beide haben ihre Eigenheiten. An dieser Stelle kommt Mira Pauline Meyer ins Spiel: "Ich hatte gehört, dass Herr Ullmaier dringend Unterstützung braucht." Sie meldete sich. "Das war ein völlig neuer Arbeitsbereich, der sich mir dort erschloss." Die beiden unterschiedlichen Wiki-Formate stellten sie vor einige Herausforderungen. "Bei der Übertragung flogen zum Beispiel all unsere Fußnoten raus", erzählt Meyer. Doch sie ist optimistisch: "Das kriegen wir noch hin. Auch wenn man sich manche logistischen Umwege gern ersparen würde, um sich auf das Fachliche zu konzentrieren."

Mira Pauline Meyer studiert Germanistik, Buchwissenschaft und Politikwissenschaft im Bachelor. Sie meint: "'Herodot' lädt zum interdisziplinären Arbeiten ein. Ich habe dort viele Querverbindungen zwischen meinen Fächern entdeckt." Anke Seifert wird demnächst ihr Lehramtsstudium der Germanistik und der Geschichte beenden. "Ich möchte 'Herodot' im Schulunterricht einsetzen", sagt sie.

"Für die Zukunft stelle ich mir vor, dass auch Erkenntnisse aus Seminararbeiten zu Einträgen in der 'Herodot'-Wiki verarbeitet werden können, so dass ein kleines Archipel entsteht, auch über Kurs- und Fachgrenzen hinweg. Die Studierenden werden dann selbstverständlich als Autorinnen und Autoren genannt", meint Ullmaier. Auf jeden Fall wird er das System weiter nutzen. "Das führte bisher zu einer unvergleichlich besseren aktiven Teilnahme an den Seminaren. Ich bin überrascht und beglückt, wie gut es funktioniert." "Herodot" lädt ein zum Spaziergang durch die Historie, und Ullmaiers "Zeitwerkstatt" spaziert weiter mit.