Demokratie in Frage

9. November 2021

Es war eine unfreiwillige Premiere, die allerdings auch Chancen eröffnete: Erstmals ging die Vorlesungsreihe zur Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur beinahe ausschließlich digital über die Bühne. Bundespräsident a.D. Joachim Gauck sprach und diskutierte von Berlin aus über die "Demokratie in Frage". Die Organisatoren stellte dieses neue Format vor einige Herausforderungen, doch am Ende konnten sie die Veranstaltung als großen Erfolg verbuchen.
 

"Ich hoffe, liebe Studierende an der Uni und liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, dass Sie mit mir das Vergnügen haben, das Menschen empfinden, die sich der Aufklärung mit offenen Augen und offenen Ohren widmen." Mit diesem Wunsch trat Joachim Gauck als 21. Inhaber der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur vor sein Publikum. Er wollte der Frage nachgehen, ob das westliche Modell der liberalen Demokratie im 21. Jahrhundert noch zukunftsfähig ist.

Anders als seine Vorgängerinnen und Vorgänger allerdings begrüßte er seine Gäste nicht im größten Hörsaal der JGU. Der ehemalige Bundespräsident sprach vor einer Kamera in Berlin. Sein Auditorium musste er sich herbei fantasieren. "Ich wäre von Herzen gern persönlich mit Ihnen zusammengekommen", meinte er. Doch das war nicht möglich in Zeiten von Corona. Erst am letzten Abend seiner neunteiligen Vortragsreihe "Demokratie in Frage" konnte er tatsächlich anreisen, live in Mainz sprechen, diskutieren und den Austausch suchen.

Bedeutende Persönlichkeiten sprechen über aktuelle Themen

"Gauck stand bereits 2020 als Stiftungsprofessor fest", erzählt Prof. Dr. Cornelis Menke. "Doch dann kam der Lockdown, und wir mussten die gesamte Veranstaltung absagen. Nun waren wir sehr froh, dass er sich für dieses Jahr bereit erklärte, seine Vorlesungsreihe nachzuholen. Doch uns war von Beginn an klar, dass es wegen der Pandemie nicht wie üblich laufen würde."

Als Leiter des Studium generale der JGU zeichnet Menke für die Organisation und Durchführung der Gutenberg-Stiftungsprofessur verantwortlich. Er sitzt zudem im Vorstand der gemeinnützigen Stiftung, die vom Verein der "Freunde der Universität Mainz" im Jahr 2000 ins Leben gerufen wurde, um einmal im Jahr bedeutende Persönlichkeiten – zumeist herausragende Forschende – an die JGU zu holen. Sie sollen Wissenschaft lebendig vermitteln und aktuelle Problemstellungen aufgreifen. Zum Auftakt sprach Prof. Dr. Fritz Stern über "Die Brutalisierung Europas im 20. Jahrhundert". Es folgten unter anderem der Soziobiologe Prof. Dr. Bert Hölldobler, der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher und die Neuropsychologin Prof. Dr. Angela D. Friederici. Die Stiftungsprofessur wurde schnell zur bekannten Marke, der Zuspruch jedes Jahr groß.

"Die Idee, Gauck an die JGU zu holen, ist schon etwas älter", erinnert sich Prof. Dr. Andreas Rödder vom Historischen Seminar der JGU. "Wir kamen 2018 bei der Abschlussveranstaltung von Prof. Dr. Herfried Münkler darauf. Das war ein denkwürdiger Abend." Der Politikwissenschaftler wählte als Stiftungsprofessor "Das politische Denken" als Thema. Er beleuchtete die "Politische Ideengeschichte und die großen Herausforderungen unserer Gegenwart in zehn Erkundungsschritten". Einige dieser Schritte begleitete Rödder als Moderator. Danach regte er an, Gauck zu fragen, ob er ebenfalls als Stiftungsprofessor zur Verfügung stünde. Der stimmte zu. Gauck und Rödder machten sich gemeinsam mit Prof. Dr. Dr. Andreas Barner an die inhaltliche Konzeption der Vorlesungsreihe.

Viel Aufwand für vielversprechendes Format

"2020 sahen wir dann aber einfach keine Möglichkeit, die Veranstaltung durchzuführen", bedauert Menke. "2021 jedoch sollte sie unbedingt wieder stattfinden – wenn auch fast durchgehend digital." Die Stiftung engagierte eine Agentur, um die Professur möglichst professionell übers Internet in Szene zu setzen. "Es gab bereits in den Jahren zuvor Aufzeichnungen von Vorträgen, die allgemein zugänglich waren. Doch diesmal erreichte das Ganze mit unseren Live-Übertragungen eine völlig andere Dimension." Alle neun Abende zu "Demokratie in Frage" sind immer noch online abrufbar. In ihrer Dramaturgie folgen sie einem Muster, das sich bewährt hat: Der Stiftungsprofessor oder seine Gäste halten einen rund 45-minütigen Vortrag, danach bleibt Zeit für Diskussionen oder Fragen aus dem Publikum.

"Die neue Form hat einen ganz klaren Vorteil", sagt Menke. "Wir bekommen damit eine viel größere Reichweite. Das bietet uns die Chance, ganz neue Gruppen zu erreichen." Im Hörsaal saßen bisher meist Mainzerinnen und Mainzer im Publikum, diesmal konnte sich jeder von überall live zuschalten. "Allerdings waren wir unsicher, wie das Angebot aufgenommen würde." Die Stiftungsprofessuren wenden sich zwar auch an Studierende, doch vor allem sprechen sie eine interessierte Öffentlichkeit an. Die wiederum rekrutiert sich zu einem guten Teil aus den Mitgliedern der "Freunde", unter denen sich viele ältere Semester finden. "Gerade von ihnen kamen sehr positive Rückmeldungen. Besonders diejenigen, denen es Mühe bereitet, persönlich an die Universität zu kommen, freuten sich. Einige baten uns, auch für die kommenden Jahre das digitale Format beizubehalten."

Menke ist mit dem Zuspruch rundum zufrieden: "Bis zu 1.000 Personen waren jeden Abend live dabei. Das entspricht in etwa den Zuschauerzahlen vergangener Jahre. Wir überlegen von Seiten der Stiftung, inwieweit wir auch in Zukunft digital arbeiten werden, selbst wenn Vorträge im Hörsaal wieder möglich sind."

"An sich ist es ja kein großes Ding, eine Vorlesung mitzuschneiden", meint Rödder. In den vergangenen Semestern wurde das angesichts von Corona-Verordnungen auch für ihn beinahe zum Alltag. Doch als er nun die Moderation der Gauck-Reihe übernahm, verspürte er eine gewisse "Performance-Hemmung": "Schließlich wird jedes Wort aufgezeichnet, und alles bleibt permanent zugänglich."

Demokratie stellt sich permanent in Frage

Was heute in der Aufzeichnung recht entspannt und unkompliziert wirkt, kostete live einige Nerven. Der Aufwand war groß: "Die Agentur hat nicht nur den Stream organisiert, sondern im Hintergrund schwer gearbeitet", erzählt Rödder. "Wir hatten uns entschlossen, die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht direkt zuzuschalten, dafür konnten sie uns aber direkt zu den Veranstaltungen Fragen schreiben. Wir stellten ein Redaktionsteam zusammen, das diese Fragen möglichst schnell vorsortierte und mir direkt schickte." Rödder stand vor seinem Computer: "Auf der einen Seite sah ich Gauck im Bild, auf der anderen tauchten die Anmerkungen unseres Teams auf, und vor mir lagen auch noch meine Notizen. Ich versuchte alles nach Themenfeldern zu ordnen und mich möglichst zurückzunehmen. Schließlich sollten vor allem unsere Gäste zu Wort kommen. Hinterher war ich immer ziemlich groggy."

Doch dieser Stress lohnte sich. "Ich persönlich habe eine ganze Menge erfahren und aus jedem Abend neue Gedanken mitgenommen", stellt Rödder fest. Gauck hatte sechs sehr unterschiedliche Personen zu Gastvorträgen eingeladen, darunter die Schriftstellerin Thea Dorn und den Philosophen Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin. "Eigentlich habe ich von jedem einzelnen etwas gelernt." Prof. Dr. Wolfgang Merkel etwa stellte heraus, dass die Polarisierung der politischen Landschaft und deren Moralisierung große Probleme bereiten, Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio kritisierte die zunehmende Dominanz der Exekutive.

Ob Klimawandel oder Pandemie, neue Medien, populistische Bewegungen oder autoritäre Staatsformen – es schien in den Vorlesungen, als würde eine Unzahl von Faktoren den Weg der Demokratie in die Krise pflastern. Gauck stellte dazu fest: "Das Reden über die Krisen der Demokratie dürfte selbst ein konstituierendes Element der Demokratie sein, fast so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal. Denn kein anderes System stellt sich in gleicher Weise systematisch und permanent in Frage. Das ist eine große Stärke der Demokratie."