Die unerforschte vierte Dimension

11. November 2021

Hochschulgruppen sind auch an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) allgegenwärtig. Sie bereichern seit Jahrzehnten den Campus mit ihren sozialen und kreativen Ideen, sie präsentieren Theaterstücke, bieten Podien für Diskussionen, laden zu Partys, zum Protest oder zum sportlichen Wettkampf. Ohne sie sähe es öde aus. Doch die Forschung beschäftigt sich kaum mit diesem wichtigen Aspekt des Hochschullebens.
 

Sie kam direkt nach dem Abitur aus dem Raum Karlsruhe nach Mainz. "Damals habe ich niemanden an der Uni gekannt", erinnert sich Ruth Nientiedt. "Ich engagierte mich in der Fachschaft Geschichte und im Chor der Katholischen Hochschulgemeinde. Dort fand ich meine Heimat. Etwas später kam dann Campus Mainz hinzu. Das war noch mal eine Steigerung." Zurückschauend stellt sie fest: "Ich habe die Zeit in den Hochschulgruppen sehr positiv erfahren. Sie waren ungeheuer wichtig für mich."

Campus Mainz e.V. möchte die Kommunikation zwischen Studierenden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aber auch Alumni der JGU fördern. Der Verein trägt mit seinen vielfältigen Aktivitäten zu einem lebendigen Campus bei und knüpft auf vielen Ebenen Netzwerke. Er unterstützte auch ein Projekt, das sich mit den verschiedensten Hochschulgruppen an der Universität beschäftigen sollte.

"Ruth und ich kamen erst einmal unabhängig voneinander auf dieses Thema", erzählt Dr. Charlotte Backerra, die Campus Mainz mitbegründete. Für die Festschrift zum 75-jährigen Bestehen der JGU boten sie dann an, einen gemeinsamen Beitrag zu liefern. "Wir hatten beide Geschichte studiert und arbeiteten später am Historischen Seminar. Als Historikerinnen treibt uns dieses Bedürfnis, erst einmal zu schauen: Was gibt es denn eigentlich?" Doch das war schwieriger als gedacht, da kein offizielles Verzeichnis aller Hochschulgruppen existiert. Nientiedt und Backerra machten sich an eine Bestandsaufnahme für den Zeitraum von 1946 bis 2019. Sie spürten mehr als 850 Gruppen auf. "Ohne dass wir dabei den Anspruch erheben, alle vollständig erfasst zu haben", stellt Backerra klar.

Hochschulgruppen prägen den Campus

"Wir hatten von Beginn an die komplette Breite an Gruppen im Blick", betont Nientiedt, "also nicht nur die Studentenverbindungen oder die politischen Hochschulvereinigungen, über die schon eher mal etwas geforscht wird. Mir wurde erst während dieses Projekts so richtig klar, dass gleich von Beginn an das gesamte Spektrum an Hochschulgruppen vorhanden war." Die beiden sprechen von der "vierten Dimension der Universität": Neben Forschung, neben umfassender Bildung und konkreter Berufsausbildung gibt es jenen sozialen und kreativen Raum, den Studierende selbst erschaffen, wo sie Interessensgruppen bilden, sich für gemeinsame Ziele einsetzen und nebenbei auch noch eine Reihe wichtiger Kompetenzen erwerben.

Studierende gründen Chöre und Theatergruppen, sie schaffen ihre eigenen Medienkanäle von der Zeitung übers Radio und die Website bis zum Fernsehsender. Religiöse Überzeugungen und sportliche Leidenschaften führen sie ebenso zusammen wie Fragen ihrer jeweiligen Fächer oder gesellschafts- und hochschulpolitische Themen. Sie spielen, singen und beten, helfen, debattieren und demonstrieren gemeinsam. Mal existiert eine Hochschulgruppe für ein Semester, mal besteht sie über Jahrzehnte. Ihre Mitglieder lassen sich an einer Hand abzählen oder gehen in die Hunderte. Sie sind überregional organisiert oder lokal verwurzelt, machen von sich reden oder bleiben doch lieber leise.

"Die Studierenden sind die zahlenmäßig größte Gruppe an der Universität, aber in der Forschung existieren sie kaum", konstatiert Backerra. "Dabei prägen sie das Leben auf dem Campus entscheidend." Die beiden Historikerinnen fanden bei ihrer Recherche unter anderem eine Dissertation aus dem Jahr 2001, die sich mit kulturell ausgerichteten Hochschulgruppen beschäftigte. In den Beständen des Universitätsarchivs Mainz lagern zudem Plakate, Zeitschriften und Akten zur Anerkennung von Hochschulgruppen zwischen 1972 bis 2000.

"Viele Gruppen verschwinden völlig unter dem Radar", meint Backerra. "Das liegt auch an der hohen Fluktuation unter den Mitgliedern. Häufig gibt es keine Kontinuität im herkömmlichen Sinn. Sie treten nur dann zuverlässig auf, wenn sie sich anmelden, damit sie für ihre Veranstaltungen versichert sind, wenn sie nach Räumlichkeiten fragen oder es Probleme gibt."

Projekte und Strukturen zur Erforschung fehlen

Die beiden Historikerinnen können die Mainzer Hochschulgruppen allenfalls punktuell beleuchten, die Landschaft bleibt ein Flickenteppich: Studentenverbindungen tauchen früh auf, spielen aber nicht die Rolle wie an Universitäten, wo sie auf eine lange Tradition bauen können. "Nach dem zweiten Weltkrieg etablierte sich recht schnell eine Kabarettszene", erzählt Backerra. "Mich hat überrascht, dass es bereits Anfang der 1960er Jahre eine Muslimische Hochschulgemeinde gab", sagt Nientiedt. Gruppen von Flüchtlingen und Vertriebenen tauchen immer wieder auf – und Studierende, die ihnen Hilfe anbieten. "Die Proteste der 68er waren in Mainz nicht so präsent, man hat diese Bewegung nicht so ernst genommen", so Backerra. "Im Theaterbereich kommt in den letzten Jahren das Impro-Theater hinzu", berichtet Nientiedt.

"Jedem Angehörigen der Universität ist völlig klar, wie wichtig Hochschulgruppen sind", sagt Backerra, "aber sie scheinen so selbstverständlich, dass sich niemand darum kümmert." Das gelte nicht nur für Mainz. "Ich wollte zum Beispiel an der TU Darmstadt erfahren, was für Hochschulgruppen es dort gibt. Das Archiv dort hat gar keine Liste. Man weiß nicht, was existiert."

Backerra wechselte 2019 ans Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen, Nientiedt ist seit 2020 Mitarbeiterin am Alt-Katholischen Seminar der Universität Bonn. Beide sähen gern, wenn sich Möglichkeiten böten, weiter zu Hochschulgruppen zu forschen, an welcher Universität auch immer. "Doch es fehlen Projekte dazu, es gibt keine Strukturen und schon gar keine Stellen", bedauert Nientiedt. "Das aber wäre dringend nötig, als Hobby nebenher ist so etwas nicht zu leisten."

Die Bestandsaufnahme der beiden endet Mitte 2019. "Natürlich geht es weiter", sagt Nientiedt. "Selbst in der kurzen Zeit, die seitdem verstrichen ist, haben sich neue Hochschulgruppen gebildet, und es lohnt sich, bei jeder dieser Gruppen hinzuschauen."

Students for Future Mainz

Students for Future ist solch eine Gruppe. "2019 nahmen wir an einem Sommerkongress von Fridays for Future teil", erzählt Inga Thao My Bui. "Wir wollten uns engagieren und schauten uns an der JGU um. Aber wir hatten den Eindruck, dass es irgendwie nichts gibt, was in Richtung Nachhaltigkeit geht – außer dem Ökologie-Ausschuss des AStA. Also sagten wir: Lasst uns doch was eigenes machen." Sechs JGU-Studierende gründeten Students for Future Mainz. "Unsere Mitglieder kommen aus der Medizin, aus den Geistes- und den Naturwissenschaften. Es macht Spaß, über die Fachbereiche hinweg zusammenzuarbeiten. Jeder kann sich mit seinem Wissen einbringen. Publizisten kümmern sich um Pressemeldungen und wir haben Fachleute für Design. So etwas ist unheimlich wertvoll."

Der Zusammenhalt in der Gruppe spielt eine große Rolle. "Wegen Corona war es schwierig, sich zu treffen. Aber wir schauen, dass wir die Studierenden über Online-Formate erreichen. Bei solchen Veranstaltungen wie unserem Running Dinner, bei dem wir gemeinsam kochen, allerdings jeder bei sich zu Hause, zählten wir über 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wir haben es auch ganz gut geschafft, online an unseren Projekten zu arbeiten."

Students for Future baut auf ein bundesweites Netzwerk: An rund 40 Universitäten gibt es Hochschulgruppen, die gemeinsam Veranstaltungsreihen auf die Beine stellen: Beim "Klimaratschlag" etwa kommen die Gruppen zusammen, um über ihre Visionen und Strategien zu diskutieren. Die "Public Climate School" bringt Klimabildung nicht nur an die Schulen und Universitäten: Sie ist für jeden online zugänglich. Ihr Konzept wurde jüngst mit dem K3-Preis für Klimakommunikation ausgezeichnet. Vom 22. bis 26. November 2021 findet sie wieder statt. "An der JGU haben wir die Idee unseres Zukunftsmodells dem Gutenberg Lehrkolleg (GLK) vorgestellt", erzählt My Bui  Mit diesem Modul soll die Public Climate School mehr von der Universität gewürdigt werden. "Man war sehr interessiert."

My Bui meint: "Wir müssen einen noch längeren Atem bekommen, um unseren Vorstellungen von Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit Gehör zu verschaffen. Die Gruppe hilft, dass wir nicht ausbrennen. Für uns ist sie sehr wichtig."