Tieferes Verständnis und bessere Behandlung Posttraumatischer Belastungsstörungen

14. Februar 2022

Das Psychologische Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) nimmt an einer groß angelegten Studie zur Behandlung von Menschen mit komplexen Posttraumatischen Belastungsstörungen nach schweren Kindheitstraumata Teil: ENHANCE soll den Weg für bessere Therapien ebnen. Die Studie wird an fünf Standorten durchgeführt, das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt sie mit rund 3 Millionen Euro.
 

Die Störung ist relativ selten, räumt Prof. Dr. Michael Witthöft zunächst ein. "Etwa ein Prozent der Bevölkerung leidet unter solch einer schweren multiplen Traumatisierung", erklärt der Leiter der Abteilung Klinische Psychologie, Psychotherapie und Experimentelle Psychopathologie am Psychologischen Institut der JGU. "Doch das ist eine substanzielle Zahl, wenn man sich anschaut, wie sehr diese Menschen beeinträchtigt sind. Das Problem ist gesamtgesellschaftlich relevant."

"Meist leiden die Personen unter einem negativen Selbstbild", führt Witthöfts Kollegin Karoline Sophie Sauer aus. "Sie haben große Probleme im Umgang mit ihren eigenen Emotionen und immense Schwierigkeiten mit Beziehungen. Die Welt an sich scheint ihnen gefährlich, es kann immer etwas Schreckliches passieren."

Zwei Therapien auf dem Prüfstand

Es geht um Menschen mit komplexen Posttraumatischen Belastungsstörungen nach schweren Kindheitstraumata. 2019 startete eine groß angelegte bundesweite Studie zu dieser Gruppe. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt das ambitionierte Projekt bis 2023 mit rund 3 Millionen Euro: "ENHANCE – Enhancing understanding and treatment of post-traumatic stress disorder related to child maltreatment" soll helfen, die Situation der Opfer zu verbessern.

Der ENHANCE-Verbund fasst fünf Standorte mit ihren Hochschulen und Universitätskliniken zusammen: Neben Mainz sind Gießen, Dresden, Berlin und Ulm mit im Boot. Die Studie leistet etwas Außergewöhnliches: zwei unterschiedliche Therapien werden erprobt. "In Mainz führen wir am Psychologischen Institut eine verhaltenstherapeutische Behandlung durch", erzählt Sauer. "Die Kolleginnen und Kollegen der Universitätsmedizin Mainz bieten an der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie eine tiefenpsychologische Behandlung an." Der Kontakt zu Prof. Dr. Manfred E. Beutel, dem Leiter der Klinik ist eng. "Wir stehen in ständigem Austausch und schauen uns auch gemeinsam nach Teilnehmerinnen und Teilnehmern für unsere Studie um."

"Mit ENHANCE wenden wir uns an Menschen, die entweder sexuellen Missbrauch oder körperliche Gewalt in ihrer Jugend erlebt haben, sei es durch Bezugspersonen etwa in der Familie oder durch Autoritäten in Vereinen, der Schule oder der Kirche", so Witthöft. "Sie sind oft komplex traumatisiert, denn solche Ereignisse stellen immer einen schweren Eingriff in die Entwicklung dar", sagt Sauer – und skizziert einige Symptome: "Wir erleben, dass es diesen Patienten schwerfällt, emotionale und körperliche Nähe zuzulassen. Sie erleben häufig starke Angst und haben Schwierigkeiten, Bedürfnisse und Rechte gegenüber anderen zu kommunizieren."

Auf Regulation folgt Konfrontation

"Für diese Menschen ist es sehr schwer, Therapeutinnen und Therapeuten zu finden", meint Witthöft, "dabei sind sie super bedürftig. Allgemein ist die Situation so, dass man heute mindestens zwei, drei Monate auf einen Therapieplatz warten muss, bei ihnen sieht es aber noch schlechter aus. Sie brauchen speziell geschulte Kräfte."

ENHANCE bietet solche Kräfte – und zwei Wege: die psychodynamische Therapie an der Universitätsmedizin Mainz und die kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung an der Forschungs- und Lehrambulanz der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie, für die Witthöft und Sauer verantwortlich zeichnen.

Die Ambulanz nutzt einen Ansatz, der in den USA bereits mit Erfolg eingesetzt wurde. "Er nennt sich STAIR/NT und wurde von Marylène Cloitre entwickelt", so Sauer. Am Anfang steht ein "Skills Training in Affective und Interpersonal Regulation". „Wir versuchen eine positive Sichtweise auf die eigene Person einzuüben. Die Betroffenen glauben, Grausames erlebt zu haben, weil sie schreckliche Mensch sind. Wir sagen: Ja, du hast fürchterliche Dinge erfahren, aber im Hier und Jetzt ist das nicht mehr der Fall. Gewinne einen realistischen Blick auf dich und deine Fähigkeiten."

Es folgt die Narrative Therapie: "Im Anschluss an die Stabilisierung konfrontieren wir die Patientinnen und Patienten mit dem Erlebten. Diese Auseinandersetzung wird oft als belastend erlebt, aber sie hilft, um die Traumatisierung aus der Kindheit und Jugend zu bewältigen." Insgesamt erstreckt sich die Behandlung über sechs Monate. "Wir setzen 24 Termine an", sagt Sauer. "Das klingt vielleicht nicht viel, aber damit lässt sich tatsächlich sehr viel erreichen."

Erstklassige Behandlung

14 Therapeutinnen und Therapeuten engagieren sich allein am Psychologischen Institut der JGU für ENHANCE. "Wir alle werden von Koryphäen auf dem Gebiet supervidiert, außerdem haben wir uns zuvor über eine spezielle Schulung qualifiziert", so Sauer. "Wer also an dieser Studie teilnimmt, bekommt eine erstklassige Behandlung."

Im nächsten Schritt werden die Ergebnisse der Therapien untersucht, der tiefenpsychologische und der verhaltenstherapeutische Ansatz werden miteinander verglichen. "Das ist ein Novum", betont Witthöft. "Außerdem schauen wir uns in zwei Teilprojekten die neurologischen Vorgänge im Gehirn genauer an. Am Standort Gießen führen wir MRT-Untersuchungen vor und nach den Behandlungen durch. Es werden auch Haarproben entnommen."

Ziel all dieser Bemühungen ist eine verbesserte, eine "enhanced" Therapie für Menschen mit komplexen Posttraumatischen Belastungsstörungen nach schweren Kindheitstraumata, ein tieferes Verständnis für sie. "Daneben wollen wir für diese Personen ein stärkeres Bewusstsein in der Öffentlichkeit herstellen", sagt Witthöft. Er betont noch einmal: "Das ist gesellschaftlich relevant, auch wenn es nicht sehr viele sind."