Forschen in der Flut der Magazine

23. März 2022

Kaum ein Medium ist so vielseitig, so weit verbreitet und so einflussreich: Zeitschriften setzen Trends und prägen Sichtweisen. Dennoch werden sie von der Wissenschaft vernachlässigt oder allenfalls unter speziellen Aspekten betrachtet. An der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ist das anders. Die interdisziplinäre Forschungsgruppe Transnational Periodical Cultures (TPC) widmet sich dem Phänomen in all seinen Facetten.
 

Der Markt der Magazine und Illustrierten ist kaum zu überschauen. Die Fülle an Veröffentlichungen scheint unerschöpflich. "Pro Minute werden allein vom Burda Verlag 465 Zeitschriften verkauft", erzählt Prof. Dr. Oliver Scheiding vom Obama Institute for Transnational American Studies an der JGU. "Wir können also kaum jemals den Anspruch erheben, solch ein Gebiet in seiner Gesamtheit zu erfassen."

Diese Flut aus bunten Bildern, Texten und Grafiken, aus Papier, Druckerschwärze und überraschend vielen anderen Stoffen ist vergleichsweise selten Gegenstand der Forschung. Auch deswegen kamen Scheiding und seine Kollegin Prof. Dr. Jutta Ernst vom Arbeitsbereich Amerikanistik am Germersheimer Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der JGU vor sechs Jahren auf die Idee, eine interdisziplinäre Forschungsgruppe Transnational Periodical Cultures (TPC) zu gründen.

Inhalt, Design, Materialität

"Bei Zeitschriften handelt es sich um ein hoch komplexes Medium", betont Ernst – und Scheiding führt aus: "Sie sind unglaublich stark an der Sortierung von Menschen beteiligt. Sie spielen eine zentrale Rolle für Subjektivierungsprozesse." Ernst fügt an: "In der Forschung geht es oft um Inhalte, andere Bereiche werden gern ausgeblendet. Wir beziehen alles mit ein. Uns interessiert zum Beispiel auch das Design und die Materialität von Zeitschriften oder Aspekte wie Digitalität und Urheberrecht."

Wenn diese beiden von ihrem Fachgebiet erzählen, geraten sie schnell in Fahrt. Begeisterung springt über angesichts ihres zweistimmigen Plädoyers für ein vielfach unterschätztes Metier. Scheiding etwa vergegenwärtigt, wie prägnant die Cover von Magazinen gesellschaftliche Diskurse begleiten, wie sie geradezu ikonisch nachwirken. "Sie erinnern sich sicher noch an den 'Stern'-Titel von 1971 mit den Porträtfotos von Frauen und darüber dem Satz 'Wir haben abgetrieben'? Oder an die 'Spiegel'-Montage vom Kölner Dom unter Wasser?" Das war 1986. Darunter stand in blassblauen Lettern zu lesen: "Ozon-Loch, Pol-Schmelze, Treibhaus-Effekt: Forscher warnen" und dann ganz groß "DIE KLIMA-KATASTROPHE".

"2016 haben wir uns erste Gedanken gemacht, wie wir die Zeitschriftenforschung stärker an der JGU verankern können", erzählt Ernst. "Wir hatten beide bereits viel auf diesem Gebiet gearbeitet." Scheiding interessierte sich bislang für Zeitschriften in Nordamerika, für Publikationen aus der Kolonialzeit und dem 19. Jahrhundert. Ernst selbst spürte unter anderem einer schillernden Schriftsteller-Persönlichkeit nach: Felix Paul Greve hatte sich über Zeitschriften im deutschen literarischen Feld zu positionieren versucht, bevor er sich ab den 1920er-Jahren als Frederick Philip Grove einen Namen als kanadischer Schriftsteller machte.

Schwerpunkt unabhängige Magazine

Mit ihrer Gruppe vereinten sie Anglisten und Amerikanistinnen, Publizisten, Buchwissenschaftlerinnen und einige mehr. "Neben Materialität und Design konzentrieren wir uns besonders auf die Themenkomplexe Gender und Diversity sowie Übersetzung und Mehrsprachigkeit", meint Scheiding. Scheiding siedelte die Zeitschriftenforschung am Sonderforschungsbereich 1482 "Humandifferenzierung" an.

"Die Materialfülle ist für uns natürlich immer eine Herausforderung", räumt Scheiding ein. "Sie müssen den Markt schon etwas kennen, um sich orientieren zu können. Ein Gitarren-Fan kann mir zum Beispiel sofort sagen, welches die zehn wichtigsten Magazine rund um Gitarren sind." Das kann dann schon ein guter Ausgangspunkt sein. "Gleich zu Beginn haben wir angefangen, Zeitschriften zu sammeln", erzählt Ernst. "Wir haben mittlerweile ein beträchtliches Archiv aufgebaut." Indiemags and Zines Mainz (IZM) umfasst rund 1.000 vorwiegend anglophone Independent-Magazine, aber auch Veröffentlichungen wie Kunden- oder Stadtmagazine. Solches Material findet sich eher selten in wissenschaftlichen Sammlungen.

"Sicher ist der Mainstream für uns interessant", meint Scheiding. "Gerade zu Beginn der Zeitschriftenforschung standen die High Quality Magazines im Mittelpunkt. Aber uns scheint der Bereich darunter am ergiebigsten: die unabhängigen Magazine. Sie wirken oft stilbildend, und die Großen schauen sich viel von ihnen ab."

Ausstellung "Paperworlds – Blätterwelten"

Diesen Indiemags widmete TPC jüngst eine Ausstellung auf dem Gutenberg-Campus: In der Schule des Sehens wurden "Paperworlds – Blätterwelten" präsentiert. "Angesichts der Corona-Pandemie konzipierten wir eine Walk-by-Ausstellung, die auf ein sehr positives Echo stieß", meint Ernst.

Unter anderem war das Cover des aus Amsterdam kommenden internationalen Fotokunstmagazins "Ordinary" zu sehen, dessen Herausgeber banale Alltagsgegenstände in den Fokus stellen. Renommierte Künstler beschäftigen sich mal ironisch, mal ernsthaft mit Mülltüten oder Plastikbesteck. Die jeweilige Ausgabe trägt den Gegenstand aufgeklebt auf dem Umschlag. Im aktuellen Fall handelt es sich um einen Tampon. Die britische Zeitschrift "Ladybeard" bietet ungewöhnliche Blicke auf den menschlichen Körper. Ein Stück Haut in extremer Nahaufnahme schmückt das Cover. "MC1R" heißt ein Hamburger Magazin, das sich an Rothaarige weltweit wendet, und das deutsch-türkische Magazin "Renk" widmet sich der türkischen Diaspora in der Bundesrepublik.

"Seit den 2010ern boomt der Indie-Markt", sagt Ernst, "und das, obwohl man ihm angesichts der fortschreitenden Digitalisierung wenig Chancen prognostizierte." Scheiding erläutert: "Print und Digital verschränken sich heute zunehmend. Manch einer beginnt mit einem Blog, der dann in eine erfolgreiche Zeitschrift mündet." Für Ernst ist zudem offensichtlich: "Die Zeitschrift nahm gewissermaßen digitales Konsumverhalten vorweg. Es gibt diese Faszination der Wahlmöglichkeit: Man blättert vor und zurück, liest hier einen Artikel, springt, schaut sich dort eine Grafik an."  – "Unabhängige Magazine entwickeln sich zu riesigen Event-Maschinen", so Scheiding. "Viele streben eine große Offenheit an, andere wiederum beziehen deutlich Position", weiß Ernst. "Katapult" aus Greifswald etwa setzt sich für Nachhaltigkeit ein: Die Leserschaft kann für Baum-Setzlinge im "Katapult-Wald" spenden.

Workshops, Symposien und ein Handbuch

TPC lädt immer wieder zu Veranstaltungen ein: So berichtete Dirk Mönkemöller Anfang des Jahres über seinen Alltag als Magazin-Macher. Im März folgte ein Symposium zu "Heroes in Print: Media Representations and Changing Frames of Heroism". Die Mitglieder der Forschungsgruppe arbeiten zwar durchaus im Archiv oder durchkämmen Bahnhofsbuchhandlungen nach neuen Ausgaben. "Aber wir pflegen auch enge Kontakte in die Szene der unabhängigen Magazine. Jüngst erst besuchten wir den Hamburger Indiecon", erzählt Scheiding. Zudem ist TPC international mit Kolleginnen und Kollegen vernetzt: Assoziierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sitzen in New York und Ottawa, in Gent und Coimbra.

Demnächst erscheint ein großes Handbuch zur Zeitschriftenforschung mit Texten von 43 Fachleuten. "Es wird als Print herauskommen, außerdem finanziert die DFG eine Open-access-Version", sagt Scheiding. "Wir wollen darin einen Beitrag zur Theoriebildung leisten und die Methodenvielfalt darstellen, die es braucht, um so ein facettenreiches Phänomen wie Zeitschriften fassen zu können. Wir werden auch ganz praktische Tipps geben: Wir entwickelten zum Beispiel ein Schaubild, das zeigt, wie man Zeitschriften analysieren kann."

Wer einen ersten Einblick in das weite Feld der Indiemags werfen will, kann ab April den Campus Germersheim besuchen. "Nachdem unsere Ausstellung so gut ankam, wollen wir die 'Blätterwelten' dort noch mal bis Juli zeigen", kündigt Ernst an. Auch eine Website führt zu den Magazinen. Dort gibt es mehr zu "Ordinary", zu "Ladybeard" oder "Renk".