Projekt MIMI knüpft Kontakte mit Jerusalem

13. Juni 2022

Über das Projekt "MIMI – Migration, Medien und Integration" entstand im vorigen Jahr die erste Kooperation zwischen dem Hadassah Academic College in Jerusalem und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Das Lehrprojekt von Anna Fabienne Makhoul könnte der Startschuss für einen regen Austausch sein. Die ersten beiden gemeinsamen Seminare jedenfalls waren ein großer Erfolg.
 

"Das Halten von Referaten hat absolut seine Daseinsberechtigung", räumt Anna Fabienne Makhoul ein, "aber ich suchte für mein Seminar nach etwas anderem: etwas Nachhaltigem, Handfestem, auf das die Studierenden auch nach Jahren noch zurückblicken können. Für meine Seminare schwebte mir ein Online-Blog mit verschiedensten Beiträgen zur eigenen Disziplin aus unterschiedlichsten Perspektiven vor." Dies war einer der beiden Gedanken, die für das Lehrprojekt "Migration, Medien und Integration" (MIMI) Pate standen. Den zweiten skizziert Makhoul so: "Ursprünglich wollte ich den Blick darauf lenken, wo und wie Menschen mit Migrationshintergrund in den Medien repräsentiert werden, ob sie positiv oder negativ dargestellt werden und welche Folgen das jeweils für die unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen hat. Später weiteten sich die Themen aus: Mittlerweile beschäftigt sich MIMI mit einer ganzen Reihe gesellschaftlich relevanter Fragen. Es geht um in der Gesellschaft und den Medien oft marginalisierte Gruppen – Minderheiten aller Couleur sollen zu Wort kommen. Wir beschäftigten uns so mit Bereichen wie beispielsweise Sucht, Armut oder mentaler Gesundheit in den Medien, die eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdienen, aber eher selten oder einseitig behandelt werden."

Deutsch-israelische Zusammenarbeit

Makhoul hat zum Gespräch zwei Studierende eingeladen, die am jüngsten MIMI-Seminar teilnahmen: Sophie Steinfeld und Mathis Sieblist wollen von ihren Erfahrungen und Eindrücken erzählen. Dafür sind sie in den Garten der Domus universitatis gekommen. Das ehrwürdige Gebäude der Alten Mainzer Universität beherbergt heute das Journalistische Seminar der JGU, an dem Makhoul neben ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit den deutsch-französischen Masterstudiengang Transnationaler Journalismus betreut.

"Wir waren eine bunt gemischte Gruppe", erinnert sich Steinfeld. Austauschstudierende aus Italien und dem asiatischen Raum nahmen teil, Studierende des Instituts für Publizistik und des Journalistischen Seminars der JGU. "Vom Journalistischen Seminar waren unsere sechs Studierenden des binationalen Masterstudiengangs dabei", präzisiert Makhoul, "zwei aus Paris und vier aus Mainz." Zu ihnen zählt auch Steinfeld. Hinzu kamen elf weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer vom Institut für Publizistik, darunter Sieblist. Sie trafen auf eine ähnlich große Gruppe vom Hadassah Academic College in Jerusalem. "Für dieses College ist unser Projekt die allererste Kooperation mit einer deutschen Universität", betont Makhoul, "und auch für uns war der Austausch etwas ganz Besonderes. MIMI tritt mit dieser deutsch-israelischen Zusammenarbeit in eine neue Phase."

Bereits 2018 rief Makhoul das Lehrprojekt MIMI ins Leben, seinerzeit noch am Institut für Publizistik. "Wir näherten uns Themen aus dem gesellschaftlichen Leben, glichen sie mit bestehenden Theorien und Modellen unseres Fachs ab und die Studierenden verarbeiteten dies journalistisch." Sie führten zum Beispiel Interviews mit Drehbuchautoren von Fernsehformaten wie "Tatort" und fragten nach, welche Möglichkeiten es dort gibt, ein Thema wie Integration darzustellen. Sie betrachteten Ethnomedien oder gingen Klischees und Stereotypen in den Medien auf den Grund. In der Folge entstanden eine multikulturelle Stadtteilzeitung, ein Podcast und vieles mehr, alles auf der MIMI-Website veröffentlicht.

Viel Engagement und Eigeninitiative

"Die Anfänge waren etwas schwierig", räumt Makhoul ein. "Aber das Echo war so groß und so gut, dass ich unbedingt weitermachen wollte." Sie lächelt: "Es ist mein Herzensprojekt. Ich sehe, wie die Studierenden an ihren Beiträgen wachsen und mit wie viel Elan sie dabei sind. Das macht mich einfach sehr glücklich." MIMI wurde mit der Zeit größer und aufwendiger. Makhoul steckte auch privat viel Arbeit in das Projekt, gerade in die Gestaltung des Internetblogs, für die sie die Kosten übernahm. 2020 wurde MIMI vom Gutenberg Lehrkolleg (GLK) der JGU ausgezeichnet und gefördert. "Das war eine schöne Bestätigung."

Prof. Dr. Yossi David, der erste Israel-Professor, der ans Institut für Publizistik der JGU berufen wurde, trat mit einer Idee an Makhoul heran: "Er kannte Kollegen in Israel, die gern eine Zusammenarbeit beginnen würden." Das Projekt MIMI schien David besonders gut geeignet. In enger Abstimmung mit der Abteilung Internationales und dem Dekan des Fachbereich Sozialwissenschaften, Medien und Sport, Prof. Dr. Gregor Daschmann, hatte Prof. Dr. Yossi David bereits begonnen, eine tragfähige Partnerschaft mit Prof. Dr. Doron Shultziner, Leiter der Abteilung für Politik und Kommunikation am Hadassah Academic College in Jerusalem, aufzubauen, das auf israelischer Seite ein geeigneter Partner sein könnte.

Nach einigen weiteren Vorgesprächen, an denen Makhoul beteiligt war, wurde die Zusammenarbeit für zwei Kurse vereinbart – ein Kurs mit Amir Cohen vom Department Photocommunication und Arik Segal vom Department Politics and Communication im Sommersemester 2021 und ein zweiter Kurs mit Prof. Dr. Doron Shultziner und Arik Segal, beide vom Department Politics and Communication des Hadassah Academic College, im Wintersemester 2021/2022. Um den Austausch zu ermöglichen, hatte Prof. Dr. Yossi David für das Winterseminar Sponsoren gefunden, die den Traum eines gegenseitigen Besuchs verwirklichen halfen: Das Deutsch-Israelische Zukunftsforum (DIZF | פורום העתיד גרמניה-ישראל) unterstützte den Austausch und damit den Kurs finanziell.

Die Seminare, an denen auch MIMI beteiligt war, sollten im Sommer 2021 und im Winter 2021/2022 unter den beiden Projekttiteln "The Other Person" und "Media Challenges in the Digital Era in Germany and Israel" stattfinden. Gegenseitige Besuche in Mainz und Jerusalem waren erst fürs Wintersemester fest eingeplant. "Das erste Seminar war als reine Online-Veranstaltung konzipiert", sagt Makhoul. "Umso spannender war es zu sehen, wie über die Landesgrenzen hinweg recht schnell hervorragende gemeinsame Beiträge entstanden." Die Studierenden lernten sich über das Internet kennen. "Wir haben viele Gespräche geführt", berichtet Sieblist, der das zweite Seminar im Wintersemester besuchte, "auch auf persönlicher Ebene.

2022 war es dann endlich so weit: Die JGU-Studierenden reisten nach Jerusalem, ausstaffiert mit eigens produzierten Kollaborations-Hoodies für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Jerusalem und Mainz, auf denen der Schriftzug "Media Ambassador" prangte. "Ausgerechnet zu diesem Termin wurde ich krank", bedauert Makhoul. "Ich konnte nicht mit." Steinfeld schaut zu ihr hinüber: "Ja, das tat uns sehr leid. Du hast dich so reingehängt – und dann das." Immerhin konnte Makhoul die Studierenden und Kollegen des Hadassah Academic College beim Gegenbesuch in Mainz begrüßen: "Wir hatten Goody Bags vorbereitet und ein Programm zusammengestellt. Ich betreute die Gruppe die ganze Woche von morgens bis abends. Sie brachte ein endloses Maß an Energie mit."

Es wird weitergehen

Steinfeld und Sieblist lassen Details des Seminars und der Besuche Revue passieren: Unter anderem diskutierte Peter Frey, Chefredakteur des ZDF, mit den Studierenden, hochrangige Politiker und bekannte Journalisten kamen in Israel zum Gespräch. "In Jerusalem hatten wir die Aufgabe, zu unserem jeweiligen Gruppenthema aus dem Seminar Interviews mit den dort lebenden Menschen zu führen", berichtet Sieblist. "Die Stadt ist sehr international. Wir trafen viele US-Amerikaner und natürlich auch die arabische Bevölkerung. Ich sprach mit einem jungen Mann, der an einem Saftstand arbeitet. Er meinte zu mir: 'Klar, auch bei uns gibt es Rassismus.'"

"Wir sehen es in Deutschland bereits mit Sorge, dass ein nennenswerter Anteil der Bevölkerung den Medien nicht vertraut, auch wenn es bei Weitem nicht die Mehrheit ist", erzählt Steinfeld. "In Israel erfuhren wir, dass die Menschen dort nur vereinzelt auf ihre Medien bauen, dafür aber viel eher dem Militär trauen. Für uns ist das undenkbar." Das Staunen über das andere Land, über "The Other Person", nahm einigen Raum ein. Und in Sachen "Media under Attack" erfuhren die Studierenden ebenfalls vieles: "Wir sahen Videos von Fernsehsendungen, in denen israelische Politiker heftig Journalisten attackieren", so Steinfeld. "Das gehört dort zum Alltag. Bei uns ist es dagegen schon ein Riesending, wenn ein Politiker empört ein Interview abbricht."

Der Austausch brachte die Studierenden nicht nur persönlich und kulturell einander näher. Er eröffnete Einblicke in die Medien- und Politikwelt des jeweils anderen Landes. Er zeigte Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die die Studierenden füreinander erarbeiteten und präsentierten, während sie sich zugleich gegenseitig bei ihren Projekten und Aufgaben unterstützten. Als Media Ambassadors vertraten sie ihre Länder und Medienlandschaften.

Die Website zum Projekt MIMI präsentiert die im Laufe der vergangenen vier Jahre entstandenen Arbeiten der Studierenden. Sie alle sind zwar spannend zu lesen, zu hören oder zu sehen, aber mindestens ebenso wichtig ist eine Seite des Projekts, die sich digital nur bedingt erfassen lässt: "Es war ein außergewöhnliches Seminar", meint Sieblist. "Unser Austausch war sehr intensiv, Freundschaften sind entstanden. Wir waren alle total begeistert." – "Die Universität lässt uns viel Freiheit bei der Gestaltung der Lehre", freut sich Makhoul. "Es ist schön, wenn wir unsere eigenen Ideen einbringen können und Kooperationen, wie die mit Yossi David und dem Hadassah Academic College, möglich werden. Jetzt wollen wir die Zusammenarbeit gemeinsam weiter ausbauen. Im Moment werden weitere Themen abgesteckt, wir sind im Gespräch mit den Kollegen in Jerusalem und beide Seiten freuen sich, wenn sie dabei bleiben." Die erste Kooperation zwischen dem Hadassah Academic College und der JGU ist also gesetzt. "Sie wird auf jeden Fall weitergehen. Und vielleicht wird auch MIMI ein Teil davon sein", beschließt Anna Fabienne Makhoul das Gespräch mit einem Lächeln.