JGU-Festschrift wird zum monumentalen Kunstwerk

1. August 2022

Katharina Fischborn hat aus ihrem Exemplar der Festschrift "75 Jahre Johannes Gutenberg-Universität Mainz" das außergewöhnliche Künstlerbuch "Freyzeichen" geschaffen. Einst studierte Fischborn an der Kunsthochschule der JGU, nun kehrte sie zurück, um dieses besondere Unikat als Geschenk an ihre Alma Mater zu überreichen.
 

Die Festschrift zum 75. Jahrestag der Wiedereröffnung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ist an sich bereits ein mächtiges Werk. Nach der künstlerischen Bearbeitung durch Katharina Fischborn allerdings hat der umfangreiche Band noch einmal gewaltig an Gewicht gewonnen – und dies in vielfacher Hinsicht: Farbig bedruckte Papiere vom Unikat-Hochdruck schmücken die Seiten, verdecken einige Textpassagen, heben andere in rechteckigen Aussparungen hervor oder setzen sie neu in Beziehung. Zeichnungen treten in Dialog mit statistischen Grafiken. Historische Fotos spiegeln sich in aktuellen Interventionen: Das schwarzweiße Konterfei der HNO-Klinik auf dem Gelände der Universitätsmedizin Mainz findet seine Entsprechung in einem leuchtend blauen Raster, das grundlegende architektonische Elemente entlarvt.

Mit "Freyzeichen" hat Fischborn ein monumentales Kunstwerk geschaffen, das in seiner Vielschichtigkeit seinesgleichen sucht. Der konventionelle Einband kann den Inhalt kaum mehr halten. Das Buch scheint kurz davor, aus all seinen konventionellen Nähten zu platzen. Die Künstlerin und JGU-Vizepräsident Prof. Dr. Stephan Jolie tragen weiße Handschuhe, um beim Blättern nichts zu beschädigen, denn dieses besondere Stück Kunst hat auch seine fragile Seite: Die eingefügten Papiere, oft hauchdünn und halb durchsichtig, überlappen sich und schaffen neue Farben, sie liegen in Faltungen auf den Buchseiten und sind oft nur an wenigen Punkten mit der Unterlage verbunden.

Zeit der Freiheit

"Freyzeichen" ist ein Geschenk der Künstlerin an die JGU, an ihre Alma Mater: 1999 begann sie ein Studium der Freien Bildenden Kunst an der damaligen Akademie der Bildenden Künste, der heutigen Kunsthochschule Mainz. Nun ist sie zurückgekehrt, um ihr neuestes Werk zu übergeben.

Fischborn schaut sich um im Foyer des Forum universitatis. Einst diente der Gebäudekomplex als Flakkaserne, 1946 wurde er zur Keimzelle der wiedereröffneten Mainzer Universität. Einige Tische stehen im lichten Raum oberhalb des zentralen Treppenaufgangs. Hier versammeln sich nach und nach Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter der Künstlerin, Freunde und Verwandte mischen sich unter die Repräsentanten der JGU. "Ich bin schon etwas nervös“, gibt sie zu. "Denn genau hier präsentierte ich damals meine Abschlussarbeit." 14 Bücher und eine sich die Treppe hinabwindende Skulptur aus Draht und Pappmaché verbanden sich zu einer raumgreifenden Installation. "Kaum einer kam mehr durch", erinnert sie sich.

Die Begrüßung durch JGU-Vizepräsident Prof. Dr. Stephan Jolie fällt herzlich aus. "Als Professor für mittelalterliche Literatur weiß ich, dass ein Buch sehr viel mehr sein kann als ein Exemplar eines reproduzierten Druckwerks", merkt er an. Und bedankt sich sehr für diese neue, besondere Handschrift. "Dieses Exemplar unserer Jubiläumsschrift ist ein Unikat, eine Verwandlung des gedruckten Buchs in ein einmaliges Kunstwerk. Frau Fischborn hat unserer Publikation ihre ganz persönliche Handschrift verliehen."

In ihrer Ansprache lässt Fischborn Erinnerungen an ihre Studienzeit Revue passieren: Bis zu ihrem Diplom besuchte sie die Zeichenklasse von Prof. Dieter Brembs, es folgte ein Meisterschülerstudium in Umweltgestaltung bei Prof. Peter G. Lieser. "Es war eine Zeit der Freiheit", sagt sie. "Dafür bin ich bis heute sehr dankbar." Fischborn, Jahrgang 1948, war ein ganzes Stück älter als ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen. "Am ersten Tag meines Studiums kam eine junge Frau auf mich zu und fragte 'Wer bist du denn?' Sie hatte nicht ahnen können, wie viele Gegenfragen sie damit auslöste!" Es entwickelte sich eine langjährige Freundschaft.

Bereits während ihres Studiums zeigte Fischborn Kunstwerke auf dem Campus. Eines war angeregt von den Bäumen des Botanischen Gartens: "Linea continua procedens". Deren Rinden und Borken dienten ihr als natürlicher Druckstock. Sie widmete das Werk ihrem Vater. "Ich bin stark familiär gebunden", meint Fischborn dazu. Das schlägt sich auch in der Benennung des neuen Künstlerbuchs nieder: "Frey ist mein Mädchenname", verrät sie. Der Titel "Freyzeichen" kann also auch auf dieser Ebene gedeutet werden, erschöpft sich allerdings nicht darin.

Im Dialog mit der Festschrift

Fischborn mag spät studiert haben, fühlte sich jedoch früh zur Kunst hingezogen. "Ich habe als Kind viel gezeichnet, nur sind die Bilder inzwischen längst weggeworfen. Mit fünf, sechs Jahren spielte ich im Sandkasten mit den Schachteln, die ich im Küchenschrank meiner Mutter fand: einem Schrank, wie man ihn vom Bauhaus kennt. "Die Schachteln waren aus dünner Pappe und trugen Aufschriften wie 'Brand-Zwieback'. Sie verloren im Sand nach und nach ihre Form, aber das waren meine Bauklötze." Die rechteckige Gestalt wirkte nach. Überhaupt mag Fischborn klare Formen wie die des Bauhauses. "Elemente der Natur spiegeln sich bei mir eher in der Farbe, in Blau und Grün."

Die Künstlerin nutzt traditionelle Methoden wie den Hochdruck und die Zeichnung, um Neues zu schaffen. In Unikat-Hochdrucke auf Papier schneidet sie mit dem Skalpell vor allem rechteckige Formen. Auch das nennt sie "zeichnen". Sie sucht den Dialog mit ihrer Umwelt, im Fall von "Freyzeichen" mit der Jubiläumsschrift der JGU: Mal wurde sie angeregt von einem Textfragment, dann wieder von der Struktur des Layouts oder einem Bild. Sie führte Fluchtlinien von Fotos fort, gab mit einem tiefroten Winkel die Richtung an und zitierte vorgefundene Farben. Sie spürte der inneren Architektur des Buchs nach, legte Strukturen offen und eröffnete neue Perspektiven. "Jede Seite bezieht sich sowohl auf die vorangegangenen als auch auf die folgenden", sagt sie. Das Buch tritt als Geflecht hervor – und als Prozess: Zu Beginn arbeitet die Künstlerin viel mit Gelb und Transparenzen, später geht sie zum opaken Schwarz des Drucks über. Zuerst nutzt sie vor allem Rechtecke, dann tritt der Kreis in den Vordergrund. "Am Ende soll sich auch ein Kreis schließen", erklärt sie.

"Die Zeit dieser Festschrift ist in gewisser Weise auch meine Zeit", meint Fischborn. "Ich bin beinahe genauso alt wie die Universität nach der Wiedereröffnung." Als Künstlerin hat sie sich mittlerweile einen Namen gemacht. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Mainzer Stadtdrucker-Preis. Anlässlich des JGU-Jubiläums wurde sie als eine von 75 "Ehemaligen" gebeten, in der Reihe "75 aus 75 – Minds of Mainz" ihre Erinnerungen an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz zu teilen. Als Dank ließ ihr JGU-Präsident Prof. Dr. Georg Krausch die Festschrift zukommen.

"Freyzeichen" soll einmalig bleiben

"Ich ging auf eine anregende Lesereise durch die Geschichte der letzten 75 Jahre", erzählt Fischborn. "Daraus ergab sich der Wunsch, diese Festschrift als Künstlerbuch meiner Alma Mater zurückzuschenken – als Dank." Woche um Woche arbeitete sie, auf dem Tisch vor ihr das Buch, drumherum Farben, Papiere, Collagenteile. "Ich habe mein Atelier geliebt in dieser Zeit."

Prof. Tina Stolt von der Universität Koblenz-Landau war als Laudatorin zur Übergabe von "Freyzeichen" eingeladen. Die Kunsthistorikerin und Künstlerin kennt und schätzt Fischborn und ihre Arbeiten seit vielen Jahren. Das neueste Werk bezeichnet sie als Fischborns Opus magnum und führt dazu aus: "Sie zeigt die unsichtbaren Zusammenhänge zwischen Kultur und Gesellschaft. Zwischen dem Schriftbild, der abgebildeten Architektur, auf die sie besonders stark reagiert hat, den anderen Abbildungen und den Themen gibt es eine Verbindung, die sie sichtbar macht. Sie zeigt, was bleibt, was wichtig ist für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, und sie zeigt auch, wie fragil und durchwebt von Gegensätzen dies sein kann."

Das Werk soll nun möglichst so ausgestellt werden, dass viele Interessierte es in all seinem Facettenreichtum erleben können. "Wir überlegen gerade, wie wir das genau gestalten", verrät die Künstlerin. Als Dank für diese großzügige Gabe überreichte ihr Jolie die "Historische Medaille zur Wiedereröffnung der Mainzer Universität 1946" und ein weiteres Exemplar der Festschrift "75 Jahre Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Universität in der demokratischen Gesellschaft". Diese soll nun in Fischborns Bücherregal wandern. "Ich werde kein weiteres Künstlerbuch daraus machen", verspricht sie mit einem Schmunzeln und schaut hinüber zu den mächtigen "Freyzeichen", in denen gerade einige Gäste blättern, natürlich ausgerüstet mit weißen Handschuhen. "Dies soll einmalig bleiben."