Nachhaltiges Gärtnern mit Wirkung

10. August 2022

Im Botanischen Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) gibt es seit August 2021 einen neuen Bereich: den Vielfaltsgarten. Sechs Hochbeete werden hier von der Grünen Schule für die Bildungsarbeit genutzt – Studierende aller Fachrichtungen können derzeit an drei davon experimentieren. Ermöglicht haben dies großzügige Spenden der Mainzer Wissenschaftsstiftung und des Freundeskreises des Botanischen Gartens. Die hier geschaffene Verknüpfung von Wissen und Praxis soll auch über den Campus hinaus wirken.
 

Die Bienen summen, die Sonne brennt auf den gelb blühenden Ginster hinab. Es sind über 30 Grad und viele Pflanzen kämpfen ums Überleben. Der Ginster hat Glück: Er steht in einem der sechs Hochbeete im Vielfaltsgarten des Botanischen Gartens. Er sieht prächtig aus im Vergleich zu dem Ginster im Nachbarbeet – der steht auf einem anderen Boden und wächst daher nicht so gut.

"Wie gehen wir damit um, dass es immer trockener wird?", fragt Alexander Steinhoff, Vorsitzender der Mainzer Wissenschaftsstiftung in die Runde. Für ihn steht fest: "Wir müssen uns an die neuen Gegebenheiten anpassen. Dazu müssen nachhaltige Strategien entwickelt werden, wie heimische Pflanzen wieder etabliert und gleichzeitig neue Arten angesiedelt werden können. Außerdem müssen wir in der Bevölkerung ein Bewusstsein für diese Probleme schaffen."

Bildung als Grundlage für gemeinschaftliches Miteinander

Die Mainzer Wissenschaftsstiftung, 2015 von Steinhoff gegründet, hat es sich zum Ziel gesetzt, nachhaltig zu wirken: "Bildung ermöglicht ein selbstbestimmtes Leben für junge Menschen. Sie ist die Grundlage für ein gemeinschaftliches Miteinander. Wer in Bildung investiert, investiert in die Gesellschaft", sagt Steinhoff. Die Stiftung unterstützt daher weltweit Projekte in Bildungseinrichtungen.

Dem Anliegen, Bildung zu fördern, geht die Mainzer Wissenschaftsstiftung – wie der Name schon verrät – insbesondere im universitären Kontext nach. So ermöglicht sie beispielsweise Deutschlandstipendien und unterstützt Forschungsvorhaben verschiedener Fachbereiche. Im Dezember 2021 haben JGU und Wissenschaftsstiftung eine Rahmenvereinbarung geschlossen: Für die nächsten drei Jahre stellt die Stiftung je 250.000 Euro zur Verfügung, mit denen gemeinsame Förderprojekte in Wissenschaft, Forschung und Bildung umgesetzt werden sollen.

"Wir möchten junge Menschen dazu bewegen, bewusster mit ihrer Umwelt umzugehen. Ökologie und Nachhaltigkeit beschäftigen mich selbst seit langer Zeit", erklärt Steinhoff. "Im Botanischen Garten der JGU unterstützen wir deshalb gleich zwei Projekte, die dem Artenschutz und der Aufklärung darüber dienen: die Saatgutbank für Wildpflanzen und den Vielfaltsgarten."

Boden ist nicht gleich Boden

"Von einem Experimentiergarten träumen wir schon seit der Eröffnung der Grünen Schule 2010", erzählt Dr. Ute Becker, Leiterin der Grünen Schule im Botanischen Garten. "Mit dem Bauerngarten hat der Freundeskreis des Botanischen Gartens damals einen Schaugarten für heimische Pflanzen angelegt. Hier ist es aufgrund der Struktur des Gartens aber nicht möglich, praktisch mit Kindern und anderen Interessierten zu arbeiten. Die Beete liegen zu dicht beieinander, da hat keine ganze Schulklasse Platz."

Zwischen den sechs Hochbeeten im Vielfaltsgarten ist ausreichend Platz, damit sich Menschen rund um die Beete versammeln können. Drei der Hochbeete sind mit verschiedenen regionalen Böden befüllt: das erste mit roter Erde aus Albisheim bei Kirchheimbolanden, ein zweites im Oberboden mit dunkelbraunem Rohhumus aus der Nähe eines Steinbruchs bei Trechtingshausen und ein drittes mit anstehendem Land-Löß aus dem Botanischen Garten. Die drei Erden sind mit denselben heimischen Wildpflanzen bestückt und werden in gleicher Weise gepflegt. "Besucherinnen und Besucher können jetzt selbst sehen, wie Nutz- und Wildpflanzen unter unterschiedlichen Bedingungen wachsen. Denn Boden ist nicht gleich Boden: Der Ginster im ersten, rohhumusreichen Beet ist beispielsweise weitaus größer und buschiger als den anderen beiden. Die Wilde Malve und die Knäulige Glockenblume hingegen gedeihen in der roten Erde viel besser als in dem braunen Sand-Löß."

Die Bespielung des Vielfaltsgartens wurde im Rahmen des bundesweiten Projekts "Die politische Pflanze" geplant. Biodiversitäts- und politische Bildung sollen hierbei durch gemeinsame Angebote von Botanischen Gärten und staatlich getragenen Bildungsstätten für Natur und Umwelt der einzelnen Bundesländer verbunden werden. Im rheinland-pfälzischen Teilprojekt dreht sich alles um den Zusammenhang zwischen Pflanzen, Boden und Politik: Inwiefern können Wild- und Kulturpflanzen Gegenstand politischen Handels werden? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ableiten? Diesen Fragen gehen Masterstudierende an der JGU auf den Grund.

Nachhaltiges Gärtnern

"Im Wintersemester 2020/2021 haben Studierende des Master of Education Biologie Bildungsmaterial zu ressourcen- und bodenschonendem Gärtnern entwickelt. Das nutzen wir jetzt als Orientierung für Bepflanzung und Pflege der Beete", erzählt Ruth Bier. Sie studiert Biologie und Bildende Kunst im Master of Education an der JGU und koordiniert das Pilotprojekt "Nachhaltig gärtnern" im Vielfaltsgarten.

"In zwei der drei Beete experimentieren wir mit unterschiedlicher Wässerungsfrequenz und Düngung. Wir haben ein Beet, in dem wir die Pflanzen Trockenstress aussetzen, da gießen wir nur ganz selten. In einem anderen Beet gießen wir alle zwei Tage. Am Ende werten wir dann aus, welche Pflanzen unter welchen Bedingungen am besten gewachsen sind und welche sich an die neuen klimatischen Gegebenheiten anpassen konnten", erklärt Bier. "Im dritten Beet haben wir abseits der wissenschaftlichen Überlegungen einfach das gepflanzt, worauf wir Lust hatten – zum Beispiel eine Mexikanische Minigurke."

15 Studierende aus verschiedensten Fachbereichen der JGU treffen sich einmal pro Woche im Vielfaltsgarten, um sich um die Beete zu kümmern. "Bei uns sind Studierende der Biologie und Geowissenschaften genauso vertreten wie Studierende der Buchwissenschaften oder der Soziologie. Viele studieren auf Lehramt", zählt Bier auf. Becker begleitet das mittlerweile studentische Projekt: "Das Grundkonzept haben wir gemeinsam im Seminar erarbeitet, aber die Studierenden entwickeln es jetzt kontinuierlich weiter. Bei Fragen stehe ich natürlich zur Verfügung."

Wissen streuen, damit möglichst viele profitieren

Jedes Semester engagieren sich neue Studierende im Projekt, andere gehen ins Ausland oder schließen ihr Studium ab. "Der Kreis an Menschen, die sich hier beteiligen, wird immer größer. Einige Studierende geben das Wissen, das sie aus dem Vielfaltsgarten mitnehmen, später auch an ihre Schülerinnen und Schüler weiter", hofft Steinhoff. "Dann erreichen wir noch mehr junge Menschen, die mit der Thematik vorher vielleicht nicht so viel zu tun hatten. Das ist einer unserer Grundsätze in der Mainzer Wissenschaftsstiftung: Wissen streuen, damit möglichst viele profitieren. Wir wollen mit unserer Stiftung eine Mischung aus wissenschaftlicher Tiefe und Bildungsbreite hinbekommen."

Auch in seinem eigenen Garten setzt Steinhoff auf Artenvielfalt: "Wir haben die Kirschlorbeerbüsche ausgemacht. Stattdessen haben wir Hainbuchen und andere heimische Büsche und Stauden gepflanzt. Der nächste Schritt ist jetzt eine Nisthilfe für Wildbienen." Im Vielfaltsgarten ist bald Erntezeit, freut sich Bier: "Die Erträge teilen wir unter uns Studierenden auf, ein Teil wird direkt vor Ort beim gemeinsamen Kochen verwertet. Mal sehen, wie stark sich die Ernte von Beet zu Beet unterscheidet."