Vom ersten Tag an selbstständig

30. April 2018

In den 1990er-Jahren studierte Daniel Gahr Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Mit seinem Engagement bereicherte er damals auch das studentische Kulturangebot. Heute ist er Chef der Mainzer Stadtwerke. Der Universität fühlt er sich nicht nur verbunden, sein Unternehmen stellt ganz konkret Verbindungen her: Die Busse und Bahnen der Mainzer Verkehrsgesellschaft bringen täglich Tausende Studierende auf den Campus.
 

Sein Studium gestaltete sich ungewöhnlich. "Ich war vom ersten Tag an selbstständig", erzählt Daniel Gahr. "Mit zwei Freunden gründete ich das Studentenkino 'Da capo Film'. So etwas gab es damals noch nicht auf dem Campus. Wir suchten die Filme selbst aus und bereiteten auch sonst alles vor. Ich gestaltete die Plakate. Ohne Computer war das umständlich. Ich benutzte diese Rubbelbuchstaben. Es war immer sehr ärgerlich, wenn ein Buchstabe aus war. Einmal pro Woche gab es eine Vorstellung im größten Hörsaal der Universität, dem P1." Er hält kurz inne. "Gibt es den eigentlich noch? Es kamen jedes Mal um die 800 Leute. Wir hatten einen 16-mm-Projektor, umgeben von einem Kasten, weil er so kräftig vor sich hin brummte."

Der kaufmännische Vorstand der Mainzer Stadtwerke sitzt in seinem großzügigen Büro in der Mainzer Rheinallee. Die breite Fensterfront im zehnten Stock des Stadtwerke-Stammgebäudes bietet eine atemberaubende Aussicht nach Nordwesten. Rechts ist das Zollhafengelände zu sehen. "Da tut sich viel", meint Gahr mit einem gewissen Stolz. Gerade entsteht ein ausgedehntes Wohngebiet direkt am Wasser, natürlich unter Regie der Stadtwerke. Am Rande liegt die Städtische Kunsthalle, ebenfalls ein Stadtwerke-Projekt. Über den Rhein hinweg ist der Taunus auszumachen, davor Wiesbaden. Es gibt Gespräche, die hessische und die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt durch eine eigene Straßenbahnlinie zu verbinden. Bei der Realisierung wäre die Mainzer Verkehrsgesellschaft involviert, eine Tochter der Stadtwerke.

Geschichte, Politik, VWL – und mehr

"Wir sorgen dafür, dass alles läuft", sagt der 47-Jährige, "Wir sind die universellen Dienstleister in Mainz." Ob Strom-, Gas- oder Wasserversorgung, ob Bus oder Tram, Wohnen oder Mobilität – wenn es um urbane Infrastruktur geht, sind die Stadtwerke oder zumindest eines der rund 50 Unternehmen, an denen sie auf die ein oder andere Weise beteiligt sind, mit von der Partie.

1991 kam der gebürtige Hamburger an die JGU. Geschichte wollte er studieren, dazu im Nebenfach Politik und VWL. "Ich komme aus einem Mediziner-Haushalt. Ich denke, dass meine Eltern nicht ganz glücklich mit meiner Wahl waren." Schon bald organisierten Gahr und seine beiden Kommilitonen neben dem Studentenkino auch Studenten-Partys im großen Stil. Dafür mieteten sie das Kulturzentrum KUZ. "Wir begannen Mitte der 1990er-Jahre. Gleich zur ersten Party kamen um die 3.000 Gäste. Wir haben das dann über viele Jahre gemacht." Unter anderem luden die drei unter dem Motto "Don't Stop the Dance" in prominente Diskotheken wie das Dorian Gray oder in den Frankfurter Sky Tower ein. "Darauf waren die Studenten neugierig."

Gahr arbeitete in vielen Bereichen. Er heuerte bei der Protokollabteilung der Stadt an. "Ich war die erste männliche Hostess in Mainz." Er konzipierte ein Studierenden-Abo für die ansässige Tageszeitung der Verlagsgruppe Rhein-Main. Vor allem aber gründete er im bereits bewährten Trio mit "unicompact" ein eigenes Hochschulmagazin. "Die ersten Ausgaben erschienen nur im Rhein-Main-Gebiet. Dann haben wir es auf ganz Deutschland ausgeweitet. Zuletzt hatten wir eine Auflage von 40.000 Stück an 35 Uni-Standorten.“ Mit den Freunden rief er die GmbH "Junge Medien" ins Leben und wurde Geschäftsführer. "Ich spezialisierte mich auf Vertriebsdinge. Ich ging von Haustür zu Haustür, um Anzeigen und Konzepte zu verkaufen. Das hat mir immer Spaß gemacht."

Verlage vor der Digitalisierung

Aber kam da das Studieren nicht zu kurz? "Ich war sehr gut organisiert", meint Gahr. "Außerdem haben mich Geschichte und Politik schon immer interessiert, das half. Ich bin bis heute sehr froh, dass ich mein Studium abgeschlossen habe. Ich habe mir dabei Fähigkeiten angeeignet, die mich später vorangebracht haben." Was ihm allerdings noch wichtiger ist: "An der Uni studierte meine spätere Frau. Dort habe ich sie kennengelernt." Sie heirateten 1998.

Ein Jahr später ging Gahr nach Bielefeld. Dort übernahm er die Vertriebsleitung bei der "Neuen Westfälischen". "Das war eine spannende Zeit. Das Internet verbreitete sich, und die Zeitungsverlage mussten sich darauf einstellen. Ich denke, das haben sie nicht gut hinbekommen. Sie waren nicht schnell genug und hatten nicht die richtigen Leute an der Hand." Die Zeitungen taumelten in die Krise. "Ich habe mitbekommen, wie die Digitalisierung eine ganze Branche auf den Kopf stellen kann."

Bis Ende 2014 blieb Gahr der Zeitungsbranche treu – zuletzt als Verlagsgeschäftsführer –, dann zog es ihn zurück in Richtung Süden. Er wurde Kaufmännischer Geschäftsführer der Überlandwerke Groß-Gerau, einer Tochter der Mainzer Stadtwerke. Ein einziger Job jedoch scheint Gahr grundsätzlich nicht auszureichen, er braucht mehrere Baustellen: Im Januar 2016 wurde er Geschäftsführer der Mainzer Stadtwerke Vertrieb und Service GmbH.

Einst hatten sich die Stadtwerke aus dem Strom- und Erdgasverkauf zurückgezogen, nun drängen sie mit der neuen Gesellschaft auf dem Markt zurück. "Es ist grundsätzlich unbefriedigend, wenn man als Stadtwerke die Infrastruktur für die Energieversorgung bereitstellen, die Energie aber nicht selbst verkaufen kann", meint Gahr. Dann schaut er auf und fragt: "Woher beziehen Sie eigentlich Strom und Gas? Sind Sie schon Kunde bei uns?"

Stadtwerke-Chef mit JGU-Anbindung

Am 1. Oktober 2017 übernahm Gahr die Kaufmännische Leitung der Mainzer Stadtwerke. "Von meinen beruflichen Erfahrungen her bin ich breit aufgestellt", meint er. Genau das sei auch nötig auf solch einem Posten. Unter anderem hat er ein besonderes Augenmerk darauf, die Stadtwerke für die digitale Welt fit zu machen. In der Verlagsarbeit lernte er, wie entscheidend das ist.

Jenseits davon beschäftigen ihn natürlich noch eine ganze Reihe von anderen Themen: "Wir wollen eine noch stärkere Kundenorientierung, schließlich sind wir die Dienstleister schlechthin", meint er. "Wir müssen noch genauer herausfinden: Was will der Kunde überhaupt?" Aber auch die Kommunikation mit der Politik sei wichtig. Mit dem Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling etwa hat er schon von Amts wegen zu tun, denn der ist Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke. In enger Abstimmung wird zurzeit das Wohngebiet Heiligkreuz-Viertel realisiert.

"Luftreinhaltung ist auch ein Riesenthema. Da sind wir mit der Mainzer Verkehrsgesellschaft auf einem guten Weg. Wir kaufen neue E-Busse und rüsten alte Fahrzeuge um. Außerdem ist die Mainzelbahn ein Beispiel, wie man massenhaft Menschen umweltfreundlich transportieren kann." Mit der Mainzelbahn kommt Gahr zurück auf die JGU: Die neue Straßenbahnlinie bringt Tausende Studierende täglich auf den Campus. Sie ist das Kernstück einer aufwändigen Verkehrsanbindung der Universität an die Stadt. "Das ist uns gut gelungen, denke ich."

Kürzlich bekam Gahr eine Einladung von Universitätspräsident Prof. Dr. Georg Krausch. "Es ging um die Ehrung der Deutschland-Stipendiaten." Die Stadtwerke engagieren sich vielfach, auch die Stiftung eines Deutschland-Stipendiums gehört zum Portfolio. "Ich durfte an seinem Tisch sitzen. Es war eine sehr schöne, sehr feierliche Veranstaltung." Der Campus weckte Erinnerungen. "Ich hatte gleich einige Déjà-vu-Erlebnisse", meint der ehemalige Student und fügt hinzu: "Ich hatte den Eindruck, dass Herr Krausch mit unserer Arbeit zufrieden ist." Zum Abschied kommt noch mal der Vertriebsmensch zu Wort: "Schauen Sie zu Hause doch nach, wo Sie Strom und Gas herbekommen. Wir sind günstig."