Campus gestalten, Campus leben

20. Februar 2026

Studierende der Theaterwissenschaft haben zur Werkschau "Gebaute Wissensräume" und zum Gespräch darüber in den Senatssaal der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) eingeladen. Hier haben sie ihre Ideen zur Campus-Entwicklung präsentiert und den Austausch mit Menschen gesucht, die sich in verschiedenster Weise für den Uni-Campus engagieren.

Ein riesiges Schild mit meterhohen weißen Buchstaben auf rotem Grund weist das Gebäude auf dem Uni-Campus als "Philosophicum" aus. "Man soll es schon von Weitem lesen können", erklärt Natascha Jakob ihre Fotomontage. Die Studentin erzählt, wie sie im ersten Semester so ihre Probleme hatte, sich auf dem großen Campus zurechtzufinden. "Besonders die Beschriftung der einzelnen Räume schien mir kompliziert und manchmal widersprüchlich, aber auch sonst hatte ich den Eindruck, dass alles recht uneinheitlich geregelt ist. Der Mainzer Campus ist eben über Jahrzehnte hinweg gewachsen, das spiegelt sich auch in diesem Detail wider."


Gut sichtbare einheitliche Beschriftungen von Gebäuden und Räumen sind zentral für die Orientierung auf dem Campus. (Foto: Peter Pulkowski)
Gut sichtbare einheitliche Beschriftungen von Gebäuden und Räumen sind zentral für die Orientierung auf dem Campus. (Foto: Peter Pulkowski)

Gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Tim Ortlepp entwickelte sie ein Orientierungskonzept, das die beiden nun auf einer großen Werkschau im Senatssaal der Naturwissenschaftlichen Fakultät präsentieren: Elf Studierende der Theaterwissenschaft haben sich Gedanken zu ihrer Universität gemacht und stellen unter dem Titel "Gebaute Wissensräume. Der Mainzer Uni-Campus in Transformation" eine Reihe sehr unterschiedlicher Projektarbeiten vor.

Lernort und Baustelle zugleich

"Auf den ersten Blick ist es sicher ungewöhnlich, dass wir uns in unserem Fach mit solch einem Thema befassen", räumt Dr. Annika Wehrle ein. Aber es sei eben typisch für die Theaterwissenschaft, sich auf ungewöhnliche Bühnen zu begeben. "Wir haben zum ersten Mal eine neue Form ausprobiert: das Projektlabor. Die Studierenden konnten ein Semester lang sehr selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten. Wir haben uns angeschaut, wie die Campus-Architektur auf Menschen wirkt, wir haben Interviews geführt und Fachleute eingeladen." In kleinen Gruppen überlegten die Studierenden, was sie besonders interessiert, was sie umtreibt. Dann fanden sie ihren jeweils eigenen Weg, dies in ein Projekt zu gießen.


Theaterwissenschaftlerin Dr. Annika Wehrle stellt die neue Form des Projektlabors vor, in dem die Arbeiten der Studierenden entstanden sind. (Foto: Peter Pulkwoski)

"Für mich ist der Campus ein sehr kraftvoller Ort", so Wehrle. "In seiner Perspektivenvielfalt liegt ganz großes Potenzial." Sie sieht ihn als Ort des ständigen Wandels, als Lernort und als große Baustelle: als lebendigen Schauplatz. "Unser Fach interessiert sich für kulturelle Prozesse, für Orte, die inszeniert sind. Wir haben uns die Bewegungsmuster der Menschen an der Universität angeschaut. Sie sind nicht zufällig, sondern Ergebnis einer Inszenierung. Es ist wichtig, solche Prozesse mit Kreativität und der Fähigkeit zur Imagination zu betrachten, um in genauer Wahrnehmung der Gegenwart einer Kultur Lösungen für mögliche Zukünfte zu entwickeln."

Von Barrieren und Verschönerungen

Im Senatssaal, im siebten Stock hoch über dem Campus, eröffnet die Werkschau neue Perspektiven: Natascha Jakob und Tim Ortlepp gehen sehr pragmatisch an ihr Thema heran. Ihr Orientierungskonzept umfasst drei Ebenen: Gebäude sollen weithin erkennbar sein, Wege sichtbar werden, und Räume möglichst einfach beschildert sein. Einen ganz anderen Ansatz wählte die Gruppe, die das Eichhörnchen Emma auf eine Campus-Odyssee schickt. In einem Hörspiel spricht das kleine Wesen mit der Gutenberg-Büste im Forum-Innenhof, mit einem Backstein oder einem Baugerüst. Das Ganze erinnert im Ton an ein Kinderbuch. Line Ziegler wiederum hat einen Plan erstellt, der klar zeigt, wo das Philosophicum behindertengerecht gestaltet ist, wo aber auch deutliche Mängel zu verzeichnen sind. "Von Barrierefreiheit kann kaum die Rede sein", sagt sie.

Einerseits zeigen die Studierenden an diesem Abend ihre Arbeiten, andererseits sind Gäste eingeladen, die auf verschiedenste Weise die Universität mitgestalten, die sich für die JGU engagieren. In zwanglosen Tischgesprächen entwickelt sich ein reger Austausch: Elisabeth Gateff etwa wirkte ab 1983 als Professorin für Genetik in Mainz. Für ihre bahnbrechende Krebsforschung wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Heute, mit 93 Jahren, tut sie sich als Campusverschönerin hervor: Sie stiftete Skulpturen für den Botanischen Garten und pflanzte Rosen an die Mauern des Philosophicums. Sie hat einen Wunsch: "Jeder von uns soll eine nachhaltige Idee haben, die er konsequent verfolgt. Jeder von uns muss irgendwas Schönes auf dem Campus machen."


Als Chief Communication Officer der JGU ermutigt Dominik Schuh die Studierenden, ihre Ideen zur Gestaltung des Campus zu kommunizieren. (Foto: Peter Pulkowski)
Als Chief Communication Officer der JGU ermutigt Dominik Schuh die Studierenden, ihre Ideen zur Gestaltung des Campus zu kommunizieren. (Foto: Peter Pulkowski)

Einige halten das für schwierig. Gerade die Studierenden fragen sich, an wen sie sich wenden sollen mit ihren Wünschen und Ideen. "Gehen Sie davon aus, dass hinter den Türen der Uni-Verwaltung Menschen sitzen, denen ebenfalls viel am Campus gelegen ist", meint Dominik Schuh, Chief Communication Officer der JGU. "Wir sind immer wieder erstaunt, wie viele Studierende ihre guten Ideen für sich behalten. Manchmal, wenn ein Budget dafür auftaucht, schreiben wir einen Wettbewerb aus", erzählt er mit Blick auf die beiden Studentinnen, die ihm gegenübersitzen.

"Das ist unser Campus"

Maja Ulrich und Nele Liedtke haben sich in der Tat an einer studentischen Ausschreibung zur Neugestaltung des Campusboulevards beteiligt – jener Achse, die am Philosophicum und der Hochschule für Musik vorbei zur Hauptmensa führt. "Wir waren 2023 im ersten Semester an der Uni", so Ulrich. "Wir haben uns einfach zusammengesetzt und unsere Ideen ausgetauscht. Dabei haben wir uns wenig Gedanken über Vorschriften oder anfallende Kosten gemacht. Wir sind schon gar nicht auf die Idee gekommen, dass wir gewinnen könnten." Genau so aber kam es: Bald schon wurden Tischtennisplatten am Boulevard installiert, Sitzgelegenheiten und einiges mehr. "Uns hat das sehr geholfen, uns hier heimisch zu fühlen. Wir haben uns gesagt: Hey, wir können etwas umsetzen. Das ist unser Campus, den gestalten wir mit."


Der neugestaltete Campusboulevard in der Wintersonne (Foto: Martina Stöppel)

Dominik Schuh fragt nach: "Wie können wir Sie, die Studierenden, denn am besten erreichen, wie können wir Sie informieren?" Es gibt bereits Initiativen, die als Anlaufstellen auf dem Campus dienen, etwa die Koordinationsstelle Sustainable University SUNNY mit Gretha Boor und Timo Graffe, die ebenfalls zu den Gästen dieses Abends zählen. Aber wie erfahren Studierende davon? "Würde es helfen, wenn wie die neuen Bildschirme nutzen, die jetzt in vielen Gebäuden hängen?", will Schuh wissen. "Oder sollen wir über Instagram gehen?" Beides gute Ideen, so das Feedback aus der Runde.

Suche nach idealem Lernort

An einem Tisch neben dem Eingang lädt Emma Preyer zur Suche nach dem idealen Campus-Lernort ein: "Ich habe an mir selbst bemerkt, dass die Beleuchtung eine sehr große Rolle spielt." Also hat sie eine kleine Bühne mit möglichst neutraler Lichtquelle im Hintergrund geschaffen. Sie schiebt verschiedenfarbige Folien vor dieses Licht: Die Atmosphäre ändert sich jeweils entscheidend. Soll es eine Abenddämmerung im warmen Rot sein oder doch eher der sachlich-kühle Strahl einer Bürolampe? All das können Besucher*innen an diesem Modell für sich herausfinden und ihren persönlichen Wohlfühl-Lernort kreieren.

Prof. Dr. Elisabeth Gateff spaziert interessiert von Gruppe zu Gruppe. Sie sucht das Gespräch mit den Studierenden und lässt sich deren Ideen erklären. "Hier sollten viel mehr Professorinnen und Professoren sein, um sich das anzuschauen", meint sie. "All das ist wichtig. Wir brauchen Aufmerksamkeit dafür." Dann schaut sie weiter: "Und was ist das?" Die emeritierte Professorin nimmt sich viel Zeit an diesem Abend.

Text: Gerd Blase