24. Juli 2026
Eine Trompete und eine Stimme gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit: Der amerikanische Musiker Terence Blanchard hat den Gutenberg Teaching Award erhalten. Beim Besuch an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) spricht der 64-jährige über Kompositionstechnik und Bürgerrechte, über Haltung und Jazz.
Terence Blanchard hat etwas zu erzählen. Und das tut er auch an der JGU erkennbar gerne, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Da ist zuvörderst das Instrument, seine Monette-Trompete, die er leidend schreien und zärtlich wispern lassen, mit der er aber auch nur mal Spaß haben kann. Der 64-Jährige aus New Orleans gehört zu den Stars der internationalen Jazz-Szene. Seit den 1980-er-Jahren ist er auf den Bühnen der Welt unterwegs, mit Lionel Hampton, mit Art Blakeys Jazz Messengers, mit Herbie Hancock, mit eigenen Bands. Mehr als 20 Alben, 80 Filmmusiken, acht Grammys, zwei Oscar-Nominierungen für Musik zu Filmen von Spike Lee stehen in seiner Vita, dazu hat er 2021 als erster Afroamerikaner an der Met eine Oper zur Premiere gebracht – diese musikalischen Erfolgsgeschichten zu erzählen, das überlässt er hingegen gerne anderen.

Man hört ihm zu, auch wenn er nur spricht. Viele Musiker haben das in den vergangenen Jahren getan, denn der Musiker, Komponist und Bandleader, der zurzeit als Direktor das San Francisco Jazz Institute leitet, gilt überdies als einer der renommiertesten Jazz-Lehrer und Mentoren überhaupt. In Mainz erhielt er vom Gutenberg Lehrkolleg (GLK) dafür nun den Gutenberg Teaching Award – eine Auszeichnung, die den Preisträger ebenso ziert wie die Universität. "Sein Name ist oft gefallen, wenn wir bekannte Musiker gefragt haben, wer sie beeinflusst hat, wer in ihrer Karriere wichtig für sie war", erinnert sich der Jazzpianist und Gründer des Gutenberg Jazz Campus an der Hochschule für Musik (HfM), Prof. Sebastian Sternal. Arrivierte Jazzer wie Gitarrist Lionel Loueke oder Pianist Aaron Parks hätten Blanchard als wichtigen Mentor bezeichnet. Einer der Gründe für Sternal, Blanchard für den Preis vorzuschlagen.

Auf Augenhöhe mit dem Gutenberg Jazz Collective
Dieses Mentoring, aber auch Blanchards Ansatz, für seine Lehre eine urteilsfreie Umgebung zu schaffen, "in der es keine schlechten Ideen gibt", seien visionär und einzigartig, sagt GLK-Direktor Prof. Dr. Andrej Gill in seiner Laudatio. Von JGU-Vizepräsident Prof. Dr. Stephan Jolie erhält Blanchard den Preis und trägt sich ins Goldene Buch der Universität ein, "an einem Ort, an dem Bildung so geschätzt wird, wie ich sie schätze". Oder, wie er später sagt: "Es geht darum, die Studenten dort zu treffen, wo sie sind, und darum, eine der besten möglichen Erfahrungen zu haben – hier auf der Bühne".

Im Roten Saal der HfM ist an diesem Abend Blanchards Trompete eines von sieben Instrumenten, hier tritt er auf Augenhöhe mit dem Gutenberg Jazz Collective auf, dem Vorzeige-Ensemble der JGU, mit Sängerin Līva Dumpe aus Lettland, Bassistin Kertu Aer aus Estland, Saxophonist Coleman Rose aus den USA, Schlagzeuger Kabelo Mokhatla aus Südafrika und dem Pianisten Leandro Hernandez-Waber von der JGU, erweitert um den am Mainzer Jazz Campus studierenden Gitarristen Matthias Nick. Alle haben je ein Stück beigetragen und mit der Band unter Leitung von Blanchard an den zwei Tagen zuvor einstudiert – und sie werden im voll besetzten Saal für ihren furiosen Auftritt gefeiert.

Fünf Zufallsnoten für eine Komposition
Als Grundlage für seine Musik brauche er immer "eine verbindliche Absprache auf dem Papier", sagt Blanchard am nächsten Morgen in einer öffentlichen Masterclass. "Ich bringe alle meine Studenten zum Komponieren." Und dann demonstriert er mit Unterstützung eines Quartetts aus JGU-Studierenden – Jaycob Sekretarev am Saxophon, Jonas Drobczynski am Schlagzeug, Mina Lichtenberg am Bass und Kevin Pfister am Piano –, was er damit meint: Er lässt sich aus dem Publikum fünf Zahlen zwischen eins und acht zurufen, schreibt diese als Noten der C-Dur-Tonleiter auf eine Tafel und entwickelt daraus in wenigen Schritten ein recht komplexes Motiv, packt dieses in ein zwölftaktiges Blues-Schema, verschiebt das Motiv schrittweise nach oben oder unten, dreht es um, transponiert es in andere Tonarten, und lässt das Quartett spielen. Schon damit könne man, erklärt er dem Publikum, die Classics von Miles Davis oder John Coltrane viel besser verstehen.

"Das ist nicht meine Theorie, es ist das, was ich gelernt habe, seit ich 15 bin", sagt Blanchard – vor allem von dem Pianisten und Komponisten Roger Dickerson, wie er selbst aus New Orleans. Schon diese Technik schaffe Struktur und Logik, aber eröffne auch unzählige Möglichkeiten, wie ein Stück sich entwickeln könne. So werde der Jazz, die Musik überhaupt zu einer Sprache, einer Möglichkeit, seine eigene Story zu erzählen. Und wenn es um seine Schüler gehe, dann sei seine Aufgabe nicht, deren "Träume in Frage zu stellen, sondern sie in die Lage zu versetzen, neue zu entwickeln", eben deren Geschichte zu erzählen.

"In meiner Stadt haben sie uns Flüchtlinge genannt"
"Wir müssen mit unserem Publikum kommunizieren", zitiert Blanchard den Pianisten Chick Corea. Die Musik lasse Menschen reflektieren, nachdenken, fühlen, könne Geist und Augen öffnen, ist Blanchard überzeugt. Und dann kommt noch ein Satz von Pianist Herbie Hancock, mit dem er seit Jahren unterwegs ist: "Musik ist dazu da, Seelen zu heilen."
Wenn Terence Blanchard ins Erzählen kommt, webt er gern ein "Mann" oder "Mann, weißt du" in seine Sätze, manchmal schleichen sich diese Wörter ein, wenn er von einem Schmerz spricht oder einen Anflug von Zorn übertünchen will. Es macht ihn immer noch schier fassungslos, wenn er von 2005 erzählt, als Hurrikan Katrina seine Heimatstadt New Orleans verwüstete, Leichen in Tiefkühllastern abtransportiert wurden, nachdem sie mehrere Tage nicht geborgen worden waren, als vor allem Menschen aus den ärmeren afroamerikanischen Vierteln von George W. Bushs US-Regierung und von lokalen Behörden eher als Gefahr, denn als Opfer einer Katastrophe behandelt wurden. "Mann, in meiner Stadt haben sie uns Flüchtlinge genannt", zürnt er.
John Coltrane und Louis Armstrong als Vorbilder
"Als Künstler darfst du sie damit nicht davonkommen lassen"[5], sagt Blanchard in einer Talkrunde am Mainzer Obama Institute for Transnational American Studies. Zu Spike Lees mehr als vierstündiger Filmdokumentation "When The Levees Broke: A Requiem in Four Acts" hat Blanchard damals die Musik beigesteuert, daraus ist das Album "A Tale of God’s Will" entstanden. Blanchard sieht sich damit in der Tradition von John Coltrane, der 1963 auf die rassistische Ermordung von vier schwarzen Mädchen in Birmingham, Alabama, mit dem Titel "Alabama" reagiert hatte oder in einer Linie mit dem zu Unrecht als "Onkel Tom" geschmähten Louis Armstrong, der fast jede Gelegenheit genutzt habe, öffentlich über Rassismus zu sprechen.
Das Erbe der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, zunehmende Waffengewalt, soziale Ungleichheit – das sind auch weiterhin Themen, die Blanchard umtreiben, die er auch öffentlich anspricht, in seiner Musik verarbeitet. Er tut das etwa in Alben wie "Breathless", gewidmet dem schwarzen New Yorker Eric Garner, der zwölf Jahre zuvor in New York von einem Polizisten zu Tode gewürgt und dessen Satz "I can’t breathe" zu einem Slogan gegen rassistische Polizeigewalt wurde.
Er sei kein Aktivist, meint Blanchard, aber er sehe sich der Wahrheit und der Redlichkeit verpflichtet. "Mann, weißt du, darum bin ich Jazzmusiker: Du kannst nicht lügen." Und da Martin Luther King oder der Autor James Baldwin nicht mehr lebten, müsse man selbst die Stimme erheben. Auch um der "Arroganz und Ignoranz" dieses "ungebildeten Typen" im Weißen Haus etwas entgegenzusetzen. All das weiterzugeben, das sei ihm wichtig, grundsätzlich der Sinn der Lehre, sagt er am Obama Institute. Und Resignieren sei gerade für Menschen in einem Umfeld wie der Universität keine Option: "Zu denken, ihr könntet nichts tun, könnte von der Wahrheit nicht weiter entfernt sein."
Text: Werner Wenzel
