Klänge der Welt im Ohr

17. März 2026

Die Welt ist voller Klänge. Manche sind ganz gewöhnlich und alltäglich, andere haben eine bestimmte Bedeutung. In einer neuen Podcast-Reihe macht die Hochschule für Musik Mainz das Auditive zum Ausgangspunkt einer Reise durch Räume, Zeiten und Kulturen. In Gesprächen mit Fachleuten befassen sich Klangforscher Prof. Peter Kiefer und Journalist Christian Conradi mit Glocken in Dom und Tempel, mit forensischen Tonspuren und der Frage, wie künstlich erzeugte Stimmen unsere Wahrnehmung verändern.

Klang wird für Peter Kiefer nicht erst im Konzertsaal als Musik zum Erlebnis. Ihn interessiert Klang als etwas, das entsteht, Form annimmt und Bedeutung trägt. In diesem Interesse bestärkt haben ihn auch persönliche Treffen mit Karlheinz Stockhausen, einem Pionier der elektronischen Musik. "Stockhausen wollte nie Instrumentalklänge imitieren, für ihn war die Erschaffung des Klangs selbst der kreative Akt."

Peter Kiefer ist Komponist, Klangforscher und Professor für Neue Musik / Neue Medien an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) – und die Begegnungen mit Stockhausen greift er in einer der Folgen seines Podcasts "Die Welt der Klänge" auf. Dieser ist aus dem Forschungsprojekt ARS art_research_sound hervorgegangen, das unter Kiefers Ägide an der Hochschule für Musik Mainz der JGU über fünf Jahre hinweg Klang untersuchte. Gefördert vom Gutenberg Forschungskolleg (GFK) der JGU und in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz, arbeiteten hier Kunst und Wissenschaft eng zusammen.



"Uns interessierten dabei eben nicht nur musikalische Klänge, sondern wirklich die Gesamtheit der Klänge in dieser Welt", erklärt Kiefer. "Und wir wollten der Frage nachgehen, was das Auditive über die Welt verrät, wenn Text und Bild fehlen. Was sagt uns ein Klang über die Welt, wenn wir wirklich hinhören?" Denn auch Klänge können Hinweise geben auf Räume, Materialien und nicht zuletzt gesellschaftliche Zusammenhänge.

Klänge in Dom und Tempel

Das Team wollte seine Erkenntnisse allerdings nicht nur in Forschungsarbeiten niederschreiben. "Wir wollten möglichst viele Menschen erreichen – solche, die sich noch nie mit Hören oder mit Klängen beschäftigt haben, aber auch jene, die die Thematik schon kennen", erklärt die Geschäftsführerin der Hochschule für Musik Mainz, Dr. Carolin Lauer, die ARS koordinierte. Ziel war es, besonders spannende Themen des Projekts für die Öffentlichkeit aufzubereiten. "Und beim Thema Klänge lag es eben nahe, statt eines Texts auch ein auditives Medium wie den Podcast zu nutzen."


(v.L.) Prof. Peter Kiefer, Komponist, Klangforscher und Professor für Neue Musik / Neue Medien an der JGU, Dr. Carolin Lauer, Gesschäftsführerin der Hochschule für Musik Mainz und Koordinatorin des Projekts ARS, und Journalist und Podcast-Produzent Christian Conradi (Fotos/©: Martina Pipprich / © privat)
(v.L.) Prof. Peter Kiefer, Komponist, Klangforscher und Professor für Neue Musik / Neue Medien an der JGU, Dr. Carolin Lauer, Gesschäftsführerin der Hochschule für Musik Mainz und Koordinatorin des Projekts ARS, und Journalist und Podcast-Produzent Christian Conradi (Fotos/©: Martina Pipprich / © privat)

So entstand in Zusammenarbeit mit dem Berliner Journalisten und Podcast-Produzenten Christian Conradi die Reihe "Die Welt der Klänge". "Für ARS hatten wir ja bereits viel erarbeitet und erforscht", so Kiefer. "Aber für den Podcast haben wir in gewisser Weise noch einmal von vorn angefangen." Conradis Aufgabe war es zunächst, die wissenschaftlichen Inhalte in ein Skript zu überführen, das auch fachfremde Hörerinnen und Hörer verstehen. "Es ist eine Weltreise, akustisch und kulturell – und zugleich eine Zeitreise", erklärt er. "Unser Podcast befasst sich mit den verschiedensten Klängen, über Kontinente und Jahrtausende hinweg. Was machen sie mit uns? Wie formen sie Kultur?" So geht es etwa darum, wie die Welt vor langer Zeit geklungen haben könnte und wie später aus Strom Klang wurde.

Die allererste Episode des Podcasts widmet sich der über 5.000 Jahre alten Geschichte der Glocke. Sie führt zum "Dicken Pitter" im Kölner Dom, zur mehr als 1.000 Jahre alten Lullusglocke in Bad Hersfeld und in den Chion-In-Tempel im japanischen Kyoto, wo an Neujahr eine riesige Glocke von mehreren Mönchen gemeinsam angeschlagen wird. "Glocken gehören zu den ältesten Klanggebern der Menschheit", erklärt Kiefer. "Sie strukturierten Zeit, markierten Gefahren, begleiteten religiöse Rituale und dienten der Orientierung auf See und in der Wüste."



Architektur für den Schall

Wie Räume das Hören prägen und Klänge verändern, ist Thema der Podcast-Folge "Nachhall, Echo, Direktschall: Räume hören lernen". Darin geht es um Lautsprecher, die auf Bahnsteigen in exakt berechneten Abständen stehen, damit Durchsagen verständlich bleiben. Und man erfährt von Flüstergewölben, deren gekrümmte Wände auch leise Stimmen weit tragen. Ein Interview führte Kiefer dabei in einem schalltoten Raum, einen sogenannten Freifeldraum. "Ein tolles Erlebnis!", erinnert sich der Klangforscher begeistert. Denn weil die Wände mit schallabsorbierenden Schaumstoffkeilen verkleidet sind und dem Ohr die sonst vertrauten Reflexionen fehlen, wirkt Klang dort völlig ungewohnt.


In einem schalltoten Raum sind Wände, Decke und Boden mit dicken absorbierenden Schaumstoffkeilen verkleidet, wodurch kein Nachhall entsteht und Außengeräusche nicht eindringen. Schallreflexionen werden auf diese Weise fast vollständig eliminiert. (Foto/©: Peter Kiefer)
In einem schalltoten Raum sind Wände, Decke und Boden mit dicken absorbierenden Schaumstoffkeilen verkleidet, wodurch kein Nachhall entsteht und Außengeräusche nicht eindringen. Schallreflexionen werden auf diese Weise fast vollständig eliminiert. (Foto/©: Peter Kiefer)

Die lockeren Gespräche zwischen Kiefer und Conradi klingen spontan, folgen aber einem groben Skript, das den Ablauf strukturiert. Manche Klangbeispiele, die sie einfließen lassen, stammen aus dem Archiv, andere entstanden eher zufällig: So sah Peter Kiefer bei einem Spaziergang im Park zufällig Baumkontrolleure, die Stämme mit einem Hammer abklopften, um Hohlräume oder Fäulnis zu erkennen. Das Geräusch, das er mit dem Handy aufnahm, wurde später Teil der Folge "Käse, Codes und Körper: Warum wir immerzu klopfen". "Während Baumprüfer durch Klopfen Schäden im Holz erkennen, prüfen Käserinnen und Käser damit Parmesan und Zahnärzte testen Implantate", so Kiefer. "Ein alltäglicher Klang dient hier also als Werkzeug, etwas nicht Sichtbares zu erkennen."

In jeder Folge kommen neben den beiden Protagonisten auch Expertinnen und Experten zu Wort, die eigens für den Podcast interviewt wurden. So befragte für die Podcast-Folge "Ohrenzeugen – Mit Klängen ermitteln", in der auch ein deutscher Kriminalkommissar zu Wort kommt, eine Journalistin in Sizilien einen gegen die dortige Mafia ermittelnden Richter. Denn in dieser Folge werden Klänge zu Beweismitteln: Ermittler analysieren Telefongespräche, um Sprecher zu identifizieren, und akustische Erinnerungen helfen, die Schauplätze von Gewalttaten zu rekonstruieren. "Stimmen, Dialekte und Hintergrundgeräusche liefern Hinweise, die visuell nicht zugänglich sind", erklärt Kiefer.



Klares Hören in der U-Bahn

Klangbeispiele, Interviewmaterial und die Moderation arrangierte Conradi teils in seinem Studio in Berlin, teils an der Hochschule für Musik auf dem Gutenberg-Campus in Mainz. "Die Herausforderung beim Podcast ist es, die Töne möglichst authentisch aufzunehmen, dann aber so abzumischen, dass alles gut verständlich ist", so der Produzent. "Auch dann, wenn man den Podcast in der U-Bahn, über Kopfhörer oder am Handy hört."

Sieben Folgen sind bisher veröffentlicht, unter anderem im Remix-Portal der Universitätsbibliothek Mainz. Die neueste Folge bezieht sich auf ganz aktuelle Entwicklungen: "Wir beschäftigen uns mit künstlich erzeugten Klängen", so Conradi. "Denn digitale Technologien und Künstliche Intelligenz erzeugen heute Stimmen, Geräusche und Musik, die sich kaum noch von natürlichen Klängen unterscheiden lassen." Diese Entwicklung werfe neue Fragen auf. Wie differenzieren wir zwischen natürlichen und künstlichen Geräuschen? Und wie verändert Technik unsere Wahrnehmung?

"Die Welt der Klänge" schärft das Hören, auch bei den Beteiligten. "Seit dem Projekt erlebe ich die Welt mit wirklich offenen Ohren und bin ständig versucht, irgendetwas aufzunehmen", berichtet Carolin Lauer mit einem Lächeln. "Und da gibt es von morgens bis abends immer etwas, das ich 'neu' höre." Peter Kiefer hört nun auch das Läuten der Kirchturmglocke anders. "Wenn es erklingt, öffne ich das Fenster und versuche, es wirklich ganz rein und unmittelbar zu erfahren." Die Bedeutung, wie etwa Stundenschlag oder Ruf zum Gottesdienst, komme später. "Aber zuerst einmal bade ich einfach im Klang."

Text: Anja Burkel