26. September 2026
Interdisziplinär und faszinierend ist das Lehrprojekt "Pilzwunder post.digital – zu Potenzialen von Pilzen zwischen Partitur und Pixeln", in dem Mainzer Studierende gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern Brücken gebaut haben zwischen Musik, Biologie und Kunst. Mit viel Einfallsreichtum und Kreativität haben sie die Welt der Pilze multimedial sichtbar, hörbar und erlebbar gemacht.
Können Pilze musizieren? Auf jeden Fall lassen sich bioelektrische Signale, die von diesen faszinierenden Organismen ausgehen, über Sensoren kreativ in Töne und Musik sowie audiovisuelles Erleben übersetzen. Diesen spannenden Ansatz hat das interdisziplinäre Lehrprojekt "Pilzwunder post.digital" aufgegriffen, das der Fachbereich Biologie und die Hochschule für Musik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) auf die Beine gestellt haben – mit zweisemestriger Förderung als innovatives Lehrprojekt durch das Gutenberg Lehrkolleg (GLK).

Der Impuls für dieses auf den ersten Blick ungewöhnliche Lehrprojekt geht auf den Stummfilm "Das Blumenwunder" von 1926 zurück. Für den Film arbeitete Regisseur Max Reichmann damals mit Zeitrafferaufnahmen wachsender Pflanzen in beeindruckender Detailgenauigkeit und verband diese Aufnahmen mit künstlerischen Tanzszenen, die Bewegungsabläufe und Formen des Pflanzenwachstums aufgriffen. Der Dokumentarfilm war in den späten 1920er-Jahren ein großer Publikumserfolg und sorgte seinerzeit für Aufsehen, weil er wissenschaftliche Beobachtung und darstellende Kunst auf ungewöhnliche Weise miteinander verband.
Heute, 100 Jahre später, sind die medialen Möglichkeiten dank moderner Technik um ein Vielfaches größer. Ein technisches Setup mit Sensoren und MIDI-Schnittstelle etwa wandelt bioelektrische Signale von Pilzen in Daten um, die wiederum von Musiksoftware verarbeitet und in Töne umgesetzt werden können. Der Mensch bleibt dabei in der Rolle des Musikers, denn durch das Berühren der Pilze verändert sich die Datenbasis und damit die Klangausgabe. "Mit diesem Aufbau lassen sich Klänge ähnlich intuitiv erzeugen wie beim Spielen eines Theremins", erläutert Dr. Josef Schaubruch von der Hochschule für Musik Mainz, der zu (post)digitalem Musizieren forscht.
Einblicke in neue Welten über Fächergrenzen hinweg
Im Lehrprojekt "Pilzwunder post.digital" ist beides zusammengekommen – die Biologie mit Themen von der Mykorrhiza-Symbiose bis zum Ersatz von Kunststoffen durch Pilze und die Musik mit der künstlerischen Praxis mittels digitaler Endgeräte. "Wir haben die beiden Fächer von Beginn an zusammengedacht", berichtet Ruth Bier von der Arbeitsgruppe Didaktik der Biologie am Fachbereich Biologie der JGU. "Der intensive Austausch zwischen den Studierenden beider Fächer war von vornherein konzeptionelle Basis des Projekts."

Konkret haben die Biologiestudierenden wissenschaftliche Inhalte rund um das Thema Pilze in das Projekt eingebracht, während die Musikstudierenden Konzepte und Setups für die musikalische Umsetzung entwickelt haben. Beide Perspektiven sind im Laufe des Projekts immer stärker zusammengewachsen und alle haben wertvolle praktische Einblicke in die jeweils andere akademische Welt gewonnen. Dabei ist es den Studierenden zunächst gar nicht leichtgefallen, sich die Verbindung der beiden Themenwelten vorzustellen: Wie bringt man mykologische Forschung und audiovisuelle Performances zusammen?
Höhepunkt des zweisemestrigen Projekts waren zwei audiovisuelle Performances – im ersten Semester zunächst von den Studierenden selbst, im zweiten Semester dann gemeinsam mit Zwölftklässlern aus den Leistungskursen Biologie und Musik des Gutenberg-Gymnasiums Mainz. Für Ruth Bier und Dr. Josef Schaubruch liegt denn auch in der produktiven Überschreitung der Fachgrenzen ein wichtiger Aspekt der Lehrkräftebildung. "Schule funktioniert heute längst nicht mehr ausschließlich in eng abgegrenzten Einzelfächern. Gerade komplexe gesellschaftliche Themen verlangen vielmehr Kooperation und Austausch", betont Schaubruch.
Wissenschaftliche Neugier und Experimentierfreude
Wie gut solch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit funktionieren kann, zeigte bereits die Performance der Studierenden im ersten Semester, die durch eine interaktive Ausstellung von Ruth Bier im Rahmen ihres Meisterschülerinnen-Studiums begleitet wurde. In der Ausstellung konnte sich das Publikum an verschiedenen Stationen selbst aktiv mit dem Thema Pilze beschäftigen, bevor diese dann in der anschließenden Aufführung performativ zu erleben waren. Thematisch ging es beispielsweise um die Form- und Farbvielfalt von Pilzen sowie um die Rolle von Pilzen in Stoffkreisläufen und Zersetzungsprozessen, was musikalisch verarbeitet und dargestellt wurde.

Im zweiten Semester stand dann ein Projekttag am Gutenberg-Gymnasium Mainz auf dem Programm. In den Wochen zuvor hatten die Studierenden verschiedene Unterrichtseinheiten zu Pilzen und Musik entwickelt, Materialien und Experimente vorbereitet – fachlich, künstlerisch und fachdidaktisch abgestimmt auf den regulären Lehrplan und klare Lernziele. Am Projekttag selbst griffen die Jugendlichen die Inhalte des Lehrprojekts sichtlich begeistert auf, wissenschaftliche Neugier und Experimentierfreude gingen Hand in Hand.
So beschäftigte sich eine Gruppe mit dem Kohlenstoffkreislauf bei Pilzen am Beispiel von Hefe und untersuchte den Einfluss von Temperatur auf den Zersetzungsprozess. Eine andere Gruppe machte auf dem Monitor neben dem Mikroskop ein feines Geflecht blau gefärbter Pilzfäden sichtbar, das sich um eine Pflanzenwurzel legt, und erkundete davon ausgehend die sogenannte Mykorrhiza-Symbiose zwischen Pilzen und Pflanzenwurzeln sowie die Bedeutung dieser feinen Pilznetzwerke für den Nährstoffaustausch und die Kommunikation zwischen Pflanzen. In einer dritten Projektgruppe standen die charakteristischen Merkmale heimischer Pilzarten im Mittelpunkt. Und schließlich verglich eine weitere Gruppe einen Werkstoff aus Austernseitling-Myzel mit herkömmlichem Kunststoff und ging der Frage nach, ob und wie man fossile Ausgangsstoffe für Kunststoffe durch biobasierte und auch biologisch abbaubare Materialien ersetzen kann.


Für die abschließende Performance in der Aula des Gutenberg-Gymnasiums ging es dann schließlich darum, das neue Wissen und die im Experiment erhobenen Daten zusammenzuführen und musikalisch zu interpretieren: Es wurden also Klänge von Frisch- und Trockenhefe gesampelt und geloopt und anschließend auf der Bühne in einer Live-Improvisation mit Klavier neu zusammengesetzt, mithilfe von MIDI-Controllern und verschiedenen Apps wurden spezifische Sounds und Visuals für verschiedene Pilzarten erzeugt, damit die Vielfalt auch hörbar wird – und vieles mehr.
Was die Studierenden aus dem mitreißenden Lehrprojekt für ihre eigene Berufspraxis als künftige Lehrkräfte mitgenommen haben? Zunächst, dass man mit Kooperationen über Fächergrenzen hinweg wichtige neue Perspektiven gewinnt und frische Impulse auch für die eigene Arbeit erhält. Gleichzeitig hat das Lehrprojekt "Pilzwunder post.digital" auf eindrucksvolle Art und Weise vermittelt, wie wichtig Kreativität und Begeisterung für Wissenschaft und Lehre sind.
