Das Herz Olympias schlägt in Mainz

5. Oktober 2012

Prof. Dr. Norbert Müller hat das Bild vom modernen Olympia ein Stück weit mitgeprägt. Er berät das Internationale Olympische Komitee in verschiedensten Positionen, bringt immer neue Projekte auf den Weg und ist bis heute ein leidenschaftlicher Verfechter des Olympischen Gedankens, der für ihn schwerer wiegt als alle Medaillen.
 

Norbert Müller war natürlich in London dabei – auch die diesjährigen Olympischen Spiele und die Paralympics hat er sich natürlich nicht entgehen lassen. Und natürlich war er nicht allein, sondern in Begleitung "seiner" Studierenden, die intensiv die Besucher befragten – wie sie es seit 1988 tun. "Wenn ich zur IOC-Kommission gehe und meine Ergebnisse anspreche, dann machen die große Augen", so der seit April 2012 emeritierte Professor für Sportwissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Seine rund 12.000 Erhebungen haben Gewicht beim Internationalen Olympischen Komitee.

Müller hat in sein Haus in Mainz-Hechtsheim eingeladen. Vor ihm auf dem Tisch liegt eine Auswahl der Schriften, die er und seine Mitstreiter zu Olympia veröffentlicht haben. Dazu eine CD mit rund 265 Arbeiten seiner Studierenden. Der Professor selbst sitzt im Sessel und hält den "Mainzer Berichtsband Peking 2008" in Händen. Vom Schrank schaut Pierre de Coubertin, Begründer der neuzeitlichen Spiele, in mehrfacher Ausfertigung herüber. Der renommierte Mainzer Bildhauer Karlheinz Oswald hat die Büsten geschaffen.

Das Trauma von München 1972

Später wird Müller noch einen Blick in sein Arbeitszimmer unterm Dach gewähren. Dort hängen über dem Schreibtisch seine Akkreditierungen für Olympia. München 1972 ist auch dabei. Der damals 25-Jährige war Protokollchef des Olympischen Dorfes. Das Attentat auf die israelischen Sportler wurde zur traumatischen Erfahrung. Es sollten Jahrzehnte vergehen, bis er davon erzählen konnte…

Doch zurück in die Gegenwart und hinunter ins Wohnzimmer: Die Spiele in London haben Müller fasziniert. "Selbst bis in die Details waren sie hervorragend durchgeplant." Allerdings gab es mindestens ein Detail, das seinen Studierenden sauer aufstieß. "Sie haben etwas bitter erzählt, dass sie beim Public Viewing von den ausländischen Athleten gar nichts mitgekriegt haben." Englische Kameras konzentrierten sich auf englische Sportler.

Und wenn es schon mal um Kritik geht: "Pfeifkonzerte gibt es jetzt leider auch bei den Olympischen Spielen – nicht von den Engländern, aber einige Gäste haben sich ganz schön schlecht benommen." Ach ja, und die Medienberichterstattung in Deutschland: "Ich habe sie zwar nicht direkt mitbekommen, aber wie die deutschen Schwimmer vorgeführt wurden, das hat mit dem Ideal der Humanität nichts zu tun."

Vom Schöpfer der olympischen Werte

Die Ideale von Olympia sind eines von Müllers großen Themen. Von 1970 bis 1974 schrieb er an seiner Dissertation über Coubertin, über dessen olympische Werte und Ideen. Mittlerweile hat der Sportwissenschaftler die Werke des französischen Pädagogen für verschiedenste Ausgaben wissenschaftlich bearbeitet und in mehreren Sprachen herausgegeben. Sein neuester Coup ist eine CD-ROM mit dem Gesamtwerk: 17.000 Seiten. Jahrzehntelang hat ihn diese Arbeit in Anspruch genommen, die nun pünktlich zum 150. Geburtstag Coubertins beendet ist. "Als ich begann, waren 300 Artikel von Coubertin bekannt, jetzt sind es 1.300."

Das ist nur eine von Müllers außergewöhnlichen Leistungen. Vieles wäre noch zu nennen, eine vollständige Aufzählung würde ein Buch füllen. Unter anderem ist er Mitglied der IOC-Kommission für Kultur und Olympische Erziehung, er begründete die Forschungsgruppe Olympia am Institut für Sportwissenschaft der JGU und in Olympia suchte er mit einem befreundeten Archäologen nach der verschütteten antiken Pferderennbahn. "Ich wusste, sie liegt genau dort, wo ich jedes Jahr jogge, wenn ich in Olympia bin."

Olympia als Mainzer Außenstelle

Die antike Spielstätte lernte Müller schon früh kennen. Ab 1968 nahm er dort an Sommerkursen der Internationalen Olympischen Akademie teil, ab 1975 kam er als akademischer Lehrer und 1982 richtete eine Sommerakademie für Mainzer Studierende ein. "Wir haben Olympia zur Außenstelle von Mainz gemacht."

Schon 1966 war Müller an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz gekommen. Beim Universitäts-Sportclub USC Mainz tat er sich als Leichtathlet hervor. Im Hochsprung brachte er es auf 1,96 Meter. "Für Olympia reichte das nicht." Anfang der 1970er Jahre suchte er sich als junger wissenschaftlicher Mitarbeiter ein Feld, das noch wenig beackert war: den Behindertensport. Auch dieses Thema begleitet ihn bis heute.

"Als ich 1999 in der Reformkommission IOC 2000 saß, war ich der einzige, der die Paralympics zum Thema machte", erinnert er sich. Es wurde diskutiert, zehn Paralympische Disziplinen in die Spiele zu integrieren. Das setzte sich nicht durch, doch erfuhren die Paralympics eine Aufwertung, die in London ihren vorläufigen Höhepunkt fand.

Das menschliche Gesicht der Paralympics

"Wenn die Olympischen Spiele gelungen sind, ist ein Rausch da, der nach Fortsetzung verlangt." Die Londoner Paralympics boten diese Fortsetzung. "Die Leute kamen aus dem Urlaub, die Schüler waren wieder da." Und die Stadien füllten sich.

"Die Engländer haben eine jahrzehntelange Tradition, was die Integration von Behinderten in die Gesellschaft angeht." Diesen Trumpf spielten sie aus. Auch als Zuschauer strömten die Behinderten an die Sportstätten. "Ich habe gesagt: 'Das Human Face bei den Spielen wird jetzt durch die Paralympics wahrgenommen.' Das will das IOC natürlich nicht hören, aber ich sitze in vielen Gremien, auch solchen des IOC, wo ich das predige."

"Die Paralympics haben in den vergangenen Jahren viel bewirkt", sagt Müller. "Schauen Sie sich nur China an." Teil der propagierten Ein-Kind-Familie im Land ist es, dass Eltern ein behindertes Kind ins Waisenhaus abschieben können. Behinderte spielten lange keine Rolle in dieser Gesellschaft. "Heute steht China im Medaillenspiegel der Paralympics ganz oben. Es hat sich in London noch gesteigert. Der behinderte Mensch hat in der chinesischen Welt ein Gesicht bekommen."

"Ich möchte eine Diskussion anstoßen"

Solche Themen liegen dem Katholiken Müller besonders am Herzen, auch wenn er sich als Fachmann eine Kritik an den Londoner Paralympics nicht verkneifen kann. "Die 800 Goldmedaillenwettbewerbe wurden seit Athen 2004 auf 480 zusammengedrängt, es gibt eine Schadensklassenvermischung, die zu massiven Ungerechtigkeiten führt." Sportler, die in ihren Handicaps kaum miteinander zu vergleichen sind, müssen sich im selben Wettkampf messen. Für Müller ein Unding. "Ich möchte eine Diskussion darüber anstoßen."

Immer wieder streift das Gespräch unter dem wachsamen Blick Pierre de Coubertins neue Themen. Da ist die Medaille mit den Konterfei des Olympia-Begründers: Müller hatte bei der Abiturfeier seiner Tochter festgestellt, dass es für alle möglichen Fächer Preise gab, nur nicht für außergewöhnliche Leistungen im Sport. Also initiierte er einen Preis, der inzwischen in rund 3.500 deutschen Schulen vergeben wird.

Überhaupt: Schulen! 1995 hatte Müller die Idee, ein Netz von Coubertin-Schulen über die ganze Welt zu spannen. Er sprach mit IOC-Präsident Samaranch darüber – und heute gibt es rund 100 solcher Schulen in 40 Ländern.

Ein Tag mit Nelson Mandela

"Ich habe mir immer besondere Situationen ausgesucht und dann meine Chancen zielstrebig genutzt", erzählt Müller. Auch führte ihn das Leben immer wieder mit Menschen zusammen, die ihn voranbrachten und bereicherten. "Im Jahr 1997 durfte ich Nelson Mandela den internationalen Fair-Play-Preis überreichen. Wir haben einen ganzen Tag miteinander verbracht." Müller hält einen Moment inne. "Ich habe viel Glück gehabt in meinem Leben."

Nur 1972 schien es ihn verlassen zu haben: Palästinenser überfielen das Olympische Dorf und ermordeten israelische Sportler. Der 25-Jährige erlebte das aus nächster Nähe mit. "Ich konnte sehr lange nicht darüber sprechen." Seine Studierenden ermutigten ihn: "Herr Müller, erzählen Sie einfach."

Das kann er. Zwei Stunden lang hat er es in seinem Hechtsheimer Domizil bewiesen. Immer noch allerdings erzählt er lieber von anderen Dingen als von München 1972. Sein Credo dazu: "Reden allein reicht nicht."

Daran will er sich auch in Zukunft halten. Rio wartet, Studenten haben schon nachgefragt, ob sie mitfahren dürfen zu den Spielen. "In Rio wird sich die Oberschicht feiern", merkt Müller kritisch an. "Wenn es nötig ist, werden die ihre Favelas einfach verpflanzen."

An Ruhestand ist bei diesem Mann nicht zu denken. Viel zu sehr bewegen ihn seine Themen und viel will er selbst noch bewegen. Gerade erhielt er die Berufung auf den weltweit einzigen Lehrstuhl für Olympische Studien an der Autonomous University of Barcelona in Spanien für das Jahr 2012. Auch die TU Kaiserslautern hat den Stellenwert der Olympiaforschung erkannt und Müller nach seinem altersbedingten Ausscheiden in Mainz zum Seniorprofessor berufen.